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Berühmte Öko-Aktivisten: Grüner wird's nicht

Elektroautos, Jutetaschen und Solarenergie: Ganz Hollywood besteht plötzlich aus berühmten Öko-Aktivisten. Umweltbewusstsein gilt als neues Statussymbol.

Von Christine Kruttschnitt

Anna Nicole Smith hat es natürlich, selbst auf ihrem letzten Gang, vermasselt. Rein ökologisch gesehen. Ein Sarg! Aus Holz! Da würde ein wahrer Grüner lieber sterben, als dass er sichÉ - okay, wenn also ein wahrer Grüner gestorben ist, dann findet er seine letzte Ruhe dort, wo auch seine Gedanken kreisten: irgendwie tiefer. Viel tiefer. Sagen wir: 15 Meter tief. Und zwar unter dem Meeresspiegel, wo seine Überreste den Bewohnern der Ozeane noch nachhaltig Heim und Höhle spenden. Die Schauspielerin Rachel McAdams, 30, die Klamotten aus Soja trägt und an Freunde und Familie gern Kompostieranlagen verschenkt, hat jedenfalls vor, ihr bislang vorbildlich grün gelebtes Dasein dereinst auf dem Öko-Wege zu beschließen. "Ich will keinen Grabstein!", erklärte der Hollywood-Jungstar ("Red Eye"). "Man kann heutzutage in ein Riff verwandelt werden! Dann wird man im Meer versenkt, und die Fische haben auch etwas davon."

"Eternal Reef", "ewiges Riff", nennt sich die ultimative Recycel-Organisation, die menschliche Asche mit Zement vermischt, plump-glockenähnliche Gebilde daraus formt und tatsächlich zu künstlichen Meeresbänken vor den Küsten von Florida und Carolina häuft. "Ich möchte wieder Teil der Erde werden", schwärmt Rachel McAdams, die in ihrer Wahlheimat Los Angeles des Öfteren auf dem Fahrrad gesehen wird - was sie, in einer der berüchtigtsten Auto-Metropolen der Welt, schneller an ihr Ziel bringen könnte, als ihr lieb ist.

Ausgerechnet in Los Angeles, wo Nachbarn sich beschweren, wenn im Freien Wäsche aufgehängt wird (sind wir hier in der Dritten Welt?! Wozu gibt es denn Trockner?!), und wo an Supermarktkassen stumpf jede Milchtüte in eine Plastiktüte gepackt wird - ausgerechnet hier, im Paradies für Hummer-Fahrer, Privatjet-Flieger und überhaupt alle Umweltverpester: Hier zeigt der grüne Gedanke sein schönstes Gesicht.

Grün muss man sein

Es ist das Gesicht von Julia Roberts, Biosupermarktkundin und Solarzellen-Heizerin. Es ist das Gesicht von Leonardo DiCaprio, Elektroautofahrer und Umweltfilmaktivist. Von Daryl Hannah, die zur Rettung eines Gemeindegartens auf einen Baum stieg und sich nach Abseilung verhaften ließ, der Umwelt zuliebe. Von Cameron Diaz, deren Haus allein von Sonnen- und Windkraft elektrifiziert wird; von Pierce Brosnan, der die Gewässer vor Malibu schützen will; von Salma Hayek, der heißesten aller Latino-Diven, die vor den Gefahren der globalen Erwärmung warnt.

Seit Kaliforniens konservativer Gouverneur Arnold Schwarzenegger, neuerdings Bio-Terminator, einige scharfe Gesetzesvorlagen zur Reduzierung von Abgasen unterschrieben hat, scheint Blau oder Rot völlig wurscht im politisch gespaltenen Amerika - grün muss man sein. Da war es nur logisch, dass der Politiker Al Gore Ende Februar mit Hollywoods höchster Weihe, dem Oscar, ausgezeichnet wurde für seinen Dokumentarfilm über den Klimawandel: Gibt es ein schöneres Symbol für den Glamour einer einst so ungeliebten Idee?

Zeit der Protz-Limousinen vorbei

Vor Kurzem noch galt Hollywood als Inbegriff und Apotheose der Verschwendung; die dicksten Autos mussten her, die dicksten Klunker, und wer von seinem Filmstudio nicht im Lear-Jet zu Premieren geflogen wurde, galt als Loser. Die Unternehmerin Yvette Fray, die vor drei Jahren einen Limousinen-Service mit umweltfreundlichen Autos startete, erinnert sich, dass sie noch im vergangenen Jahr mit einem Gast im Fond zu einer Preisverleihung nicht vorgelassen wurde: Der Wagen, so beschied sie ein Uniformierter an der Auffahrt zur Gala, sei ja wohl "keine Limo". Aber ja, beharrte die Chauffeurin Fray. "Dies", wiederholte der Sicherheitspolizist mit kaltem Blick auf den Toyota Prius, "ist keine Limo." Da beugte sich Frays Kundin, die Schauspielerin Charlize Theron, vor und fauchte: "Ist es wohl!" Der Mann ließ den Wagen passieren. Undenkbare Situation im Jahre 2007: Da purzelten Leonardo und Scarlett Johansson und George Clooney und Steven Spielberg und jeder noch so reiche und berühmte Star aus einem Elektroauto - Umweltbewusstsein ist Statussymbol.

Soll heißen: Grün ist sexy. Jungstar Kirsten Dunst erklärte kürzlich, dass sie "diese Superschlitten total abtörnend" fände. Und der neue Lifestyle impliziert nicht etwa nur die Stadtfahrt im Hybriden oder die Verwendung von recyceltem Klopapier: Nicht weniger als die Verantwortung für ihre Kinder und Kindeskinder haben sich jene aufgeladen, deren ganzer Zweck bislang die Zelebrierung der Verantwortungsfreiheit war. Hollywood, letzter Spielplatz auf Erden. Hollywood, wo die Unbeschwertheit und Glätte der Jugend ewig währen. Probleme, das waren Einspielergebnisse vom Wochenende oder geplatzte Botox-Partys. Die Glamour-Industrie sorgte sich um die Unterhaltung der Welt, nicht ihre Rettung. Nun aber plädieren die Stars mit jenem heiligen Ernst, den sie sonst nur zur Oscar-Verleihung aufbringen, für ein gutes Leben. Für Umsicht, Rücksicht, Jutetaschen.

In Interviews fühlen sie sich angesichts der Klimakatastrophe oder auch nur des allgemeinen Klimas in der Stadt zu Bekenntnissen getrieben, die Leinwandgöttern wie Liz Taylor weder nüchtern noch betrunken je über die Lippen gekommen wären. "Wir haben unsere Kinder in Stoffwindeln gewickelt", sagt Kyra Sedgwick. Cameron Diaz: "Ich benütze Druckerpapier auf beiden Seiten." Ben Affleck: "Ich fliege nicht mehr mit Privatflugzeugen." Ganz Hollywood eine Grünanlage. Grünzeug wird geredet, Grünzeug wird geshoppt. Vor den Läden der luxuriösen Biosupermarktkette "Whole Foods" lagern zuweilen mehr Paparazzi als vor angesagten Nachtklubs: Selbst Paris Hilton wurde hier schon gesichtet; ein Wesen, das mit der Rettung der Welt etwa so viel im Sinn hat wie ihr Chihuahua mit Geometrie.

Früher Klassen-, heute Massen-Bewusstsein: Mit lobenswerter Verve schmeißen sich Stars wie Brad Pitt in Projekte wie Wohnungsbauförderung in Indien, den Wiederaufbau von New Orleans oder denken sich Aktionen aus, die tatsächlich mehr bewirken als jene von Pamela Anderson, die jedes Mal, wenn sie an einer "Kentucky Fried Chicken"-Filiale vorbeifährt, das Fenster herunterkurbelt und "Buh!" schreit.

Der irische Rocksänger Bono, von Amerikas Jugend für einen bedeutenderen Menschenrechtler gehalten als Gandhi, hat mit seiner Frau Ali Hewson ein Mode-Label gegründet, das organische Materialien verwendet und in seinen Produktionsstätten in Afrika, Indien und Südamerika faire Löhne zahlt. Vertrieben wird die Garderobe in den teuersten Kaufhäusern weltweit. Wenn Grün schick ist, dann darf Grün auch ruhig teuer sein. "Das Zeitalter der grünen Protzerei ist angebrochen", verkündete die englische Tageszeitung "The Independent". Wie immer, wenn Hollywood von einer neuen Religion erfasst wird - sei es Pilates oder Atkins oder Kabbala -, entsteigt der Bewegung sofort ein Guru. Der Architekt William McDonough ist zum Beispiel einer: Er hat Cameron Diaz' Haus ökologisch umgerüstet. Innenarchitekten sind plötzlich gesucht, die mit recyceltem Material arbeiten und Wiederverwertungsanlagen für Brauchwasser installieren. Geradezu revolutionär für einen Staat wie Kalifornien, in dem die meisten Haushalte über keine Thermostate verfügen.

Wächter über die Öko-Vorsätze

Die Öko-Revolution, sie hat schon ihre Scharfrichter. Auf der Internetseite "ecorazzi.com" werden nicht nur löbliche Umwelteinsätze von Stars und Organisationen aufgelistet, sondern auch die beim Namen genannt, die in dieser Hinsicht grüne Jungs sind. So ließ Kanye West, der sich unter anderem für die Aids-Hilfsorganisation "Red" stark macht, kürzlich für eine Party Mahlzeiten plus Koch aus einem indischen Restaurant einfliegen. Aus Wales. Und Gwyneth Paltrows Musikergatte Chris Martin von der Band Coldplay wurde vom Journalisten und Umweltschützer George Monbiot auf dessen Seite "turnuptheheat.org" inmitten seines grünen Lebensstils sozusagen beim Schwarzfahren erwischt: Er düste, wenn er auf Tournee war, zwischen den Auftritten nach Hause zur Familie. Im Privatjet.

Die Luftfahrt, wurden die Vielflieger belehrt, trägt mit die größte Schuld an der Klimakatastrophe. Das hat auch der Gouverneur gelernt: Fast zweimal die Woche fliegt Schwarzenegger aus Los Angeles zum Regieren nach Sacramento. Einstellen will er das nicht. Sein Vorschlag zur Güte: Er lässt Bäumchen pflanzen, um den Schaden durch den erhöhten Kohlendioxidausstoß wieder wettzumachen. Und so wird Kalifornien tatsächlich immer grüner und grüner.

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