BOTSCHAFTER-AFFÄRE Salto morale


Verkäuferin Djamile Rowe will nun doch keine Affäre mit Thomas Borer gehabt haben - und schürt mit ihrem Rückzieher weitere Spekulationen.

Der Mann am Telefon klingt geheimnisvoll. »Seien Sie um 12.30 Uhr in der Nähe des Kurfürstendammes«, raunt er. Als »Stephan Jellacic, Anwalt von Djamile Rowe« hat er sich vorgestellt. 20 Minuten später der nächste Anruf auf dem Handy. »Kurfürstendamm 56, erster Stock, erste Tür rechts. Schellen Sie bei der Anwaltskanzlei Hodok und Schulz.« Andreas Schulz, einer der Anwälte von Thomas Borer-Fielding, dem ehemaligen Schweizer Botschafter in Berlin, steht in der Tür. »Können Sie sich ausweisen?«, fragt er die Journalisten der Schweizer »Sonntagszeitung« und von »Bild«. Bevor der Jurist sie ins Büro lässt, kopiert er ihre Ausweise, von beiden Seiten.

Am Kopf eines riesigen Konferenztisches sitzt Samstag vergangener Woche Djamile Rowe. Sie ist abgemagert. Man sieht nur ihre Augen, große Teile des Gesichtes sind mit Pflastern verklebt. »Eine Schönheitsoperation«, sagt sie. Die 34-Jährige hat sich die Nase richten lassen. »Manchmal muss man die inneren Verletzungen von außen heilen«, sagt ihr Anwalt aus Krefeld. Djamile Rowe nickt. Hinter ihr leuchtet in schrillem Blau die Skulptur eines Haifisches aus Neonröhren. Sein Maul ist weit geöffnet.

Djamile Rowe

presst die Lippen aufeinander; sie sagt nichts. Anwalt Schulz schiebt eine Videocassette in den Recorder. Eine dumpfe Stimme aus dem Off belehrt Djamile Rowe, »dass eine vorsätzlich oder fahrlässig falsche Abgabe einer eidesstattlichen Versicherung mit Strafe bedroht ist«. Djamile hält ihren Personalausweis und die aktuelle Ausgabe der Berliner »B.Z.« in die Kamera. »Damit wir alle sehen, welches Datum heute ist«, tönt es aus dem Off.

Dann spricht Djamile Rowe. »Ich hatte zu keinem Zeitpunkt eine sexuelle Beziehung zu Herrn Dr. Thomas Borer«, sagt sie auf dem Video. Es klingt gestelzt, wie auswendig gelernt. »Die im «Blick» vom 4. 4. 2002 zitierten Angaben sind unzutreffend, wonach ich mich heimlich fünf Mal in der Schweizer Botschaft mit Herrn Dr. Thomas Borer getroffen und wir dort sexuelle Handlungen ausgeführt haben.« Die Vorstellung dauert eine halbe Stunde. »Das wär?s dann«, sagt Anwalt Jellacic. Eine neue Wahrheit der Djamile Rowe.

Über eine ihrer Vor-Wahrheiten war der 44-jährige Schweizer Botschafter vor drei Monaten spektakulär gestürzt. Der Klatsch um die angebliche Affäre hatte wochenlang die Zeitungen versorgt. Um Sex, um nichts als Sex, sei es in ihrer Beziehung zu dem Karriere-Diplomaten gegangen, schwärmte sie, er wollte nur »meinen Körper«.

Nun soll dies alles nicht passiert sein: die Nummer auf dem Botschaftstisch - frei fantasiert? Die Übungen auf dem Leopardenteppich im Schlafzimmer, auf dem der Herr Botschafter und Djamile Rowe einmal herumgekrabbelt sein wollen auf der Suche nach den in liebevoller Annäherung verlorenen billigen Steckohrringen - nur ausgedacht? Borer-Ehefrau Shawne, 32, hätte sicher gleich Verdacht geschöpft, wenn sie die gefunden hätte. Djamile Rowe: »Sie trägt ja immer nur Schmuck von Bulgari.« Und das goldene Kettchen um den Hals des Diplomaten mit dem »Löwe«-Sternzeichen dran und »einem Kreuz mit aufgenageltem Jesus« - auch bloß erfunden?

Beweise besitze sie

, unwiderlegbare Beweise für Borers Tun mit ihr, hatte Rowe behauptet. »Ja, Kleidungsstücke im Müllsack«, hatte sie gesagt, ein bisschen genant immerhin. Mit Spermaspuren womöglich? »Mitunter auch, ja«, was immer uns das sagen sollte. Um einen Rock habe es sich gehandelt, »mit einem Fleck vorne drauf, es kann nur beim Anziehen passiert sein«. Und dann waren da noch die schwarzen Strümpfe, daran hingen »kleine weiße Haare«. Gewaschen habe sie die Sachen immer noch nicht.

Alles erlogen? Wie aber war es dann?

Die Geschichte begann Anfang März in der Parfümerieabteilung des Berliner Kaufhauses KaDeWe, so viel ist sicher. Hier schminkte Djamile Rowe als freie Mitarbeiterin Kundinnen.

Die junge Frau ist froh, die Stelle zu haben. Mit sechs Monaten kam sie einst ins Kinderheim, blieb dort vier Jahre, kam dann zu den Großeltern, bezog häufig Prügel - und kam wieder ins Heim, »wo ich in die Unterhosen der jüngeren Mädchen schauen und befinden musste, ob ein Wäschewechsel angesagt ist«. Später wies ihr die DDR-Bürokratie einen Job als »Warenbewegerin« in einer Kaufhalle zu, wo sie sich zur Kassiererin hocharbeitete. Als die Mauer fiel, öffnete sich für sie die westliche Wunderwelt des Berliner KaDeWe. Ein Traum. »All diese schönen, gepflegten Frauen. Da habe ich mir gesagt: Ich will nirgendwo anders arbeiten.«

An diesem Tag im März

spricht sie gerade mit Kunden, als der Auslöser einer Kamera klickt. Rasch entfernt sich der Fotograf. Sie stürzt hinterher: »Haben Sie mich fotografiert?« Plötzlich tritt ihr eine Frau in den Weg, kennt ihren Namen. »Das machte mich stutzig, denn ich hatte kein Namensschild an meiner Bluse.« Zufall? Dann die Frage: »Kennen Sie Herrn Borer?«

Die Frau stellte sich als Reporterin der Schweizer Zeitung »Blick« vor, Alexandra Würzbach, die zwar in Sachen Borer recherchiere, aber ohnehin schon alles zusammenhabe, Fotos inklusive: »Wir machen die Geschichte auf jeden Fall, auch wenn Sie nicht reden.« Djamile Rowe, die Borer fünf Monate zuvor im einem Nachtclub kennen gelernt haben will, war entsetzt, ging aber auf das Angebot ein, sich in einer halben Stunde mit der Journalistin in einem Restaurant zu treffen. »Ich habe dann alles als ganz harmlos geschildert. Streicheln, trösten, mehr nicht.« Das war ihre erste Wahrheit.

Die keiner hören wollte. Denn die Bestätigung eines, wenn auch angeblich unverfänglichen Besuchs in den Räumen des Diplomaten plus Abschussfoto im Botschafter-Mercedes reichten dem »Blick«, dessen Verleger Michael Ringier seit Jahren eine innige Feindschaft zu Borer nachgesagt wird, um die Story zu drucken. Das Medienspektakel um Berlins Glamourpaar Borer-Fielding begann. Djamile Rowe fütterte den Boulevard mit immer neuen, immer pikanteren Details aus der angeblichen Liaison.

In ihrer aktuellen eidesstattlichen Versicherung

sagt sie nun: Durch den »enormen psychischen Druck«, dem sie sich durch die Schweizer Medien ausgesetzt fühlte, und »aufgrund des angebotenen Geldbetrages willigte ich schließlich ein, «Blick» und «Sonntags-Blick» bei ihrer veröffentlichten unwahren Geschichte und deren Fortsetzung weiter zur Verfügung zu stehen«. Die Beweisfotos, die sie im schwarzen Mercedes des Diplomatenpaares in der Botschaftseinfahrt zeigen, seien gefälscht: »Ich war schockiert, da sie nicht den Tatsachen entsprechen.«

Möglich, dass auch bei der neuerlichen Wahrheitssuche psychische Belastung eine Rolle spielt. Djamile Rowe hat Angst, wieder in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Denn am 16. Juli soll in Berlin die von Thomas Borer-Fielding angestrengte Klage wegen Verletzung der Intimsphäre gegen sie verhandelt werden. »Da muss ich selbst hin, kann mich nicht durch meinen Anwalt vertreten lassen«, sagte sie noch vor weni-gen Tagen. Wieder Reporter, wieder Kameras, Blitzlichter. Und je näher der Termin rückt, desto panischer wurde Djamile Rowe. Johnny Eisenberg, bis vor kurzem ihr Anwalt - der dritte seit dem Beginn der Affäre -, hatte noch versucht, sie zu beruhigen: Gelassen solle sie bleiben - und bei der Wahrheit.

Mit ihrer aktuellen Variante hat Djamile Rowe zumindest Shawne Fielding gnädig gestimmt: Sie sei unglaublich froh, dass diese Dame den Mut aufgebracht habe, endlich die Wahrheit zu sagen, sagte die Blondine am Sonntag während des Hamburger Derbys in die Kameras.

Mehrere Versionen, viele Wahrheiten

- und viele offene Fragen: Woher kannte Djamile Rowe Details aus dem Schlafzimmer in der Dienstvilla? Merkwürdig auch, dass sie in ihrer Erklärung plötzlich von einer »Abschussgeschichte« spricht. Auffällig, weil Thomas Borer von Anfang an immer gesagt hat, Ringier wolle ihn »abschießen«. Auch dass der Verleger Michael Ringier die Kosmetikverkäuferin höchstpersönlich unter Druck gesetzt habe, wie es in der Eidesstattlichen Versicherung behauptet wird, ist eher unwahrscheinlich. Und warum wechselte Djamile Rowe wenige Tage vor dem Prozess den Anwalt - ohne ihren alten Rechtsbeistand zu informieren? Wieso findet das Treffen in der Kanzlei eines Anwalts statt, der Thomas Borer vertritt? Woher hat Djamile Rowe überhaupt Geld für eine Schönheitsoperation, einen neuen Anwalt, für eine Pressesprecherin?

Als das Diplomatenpaar bereits aus der Botschaft in die luxuriöse Potsdamer Villa Kampfmeyer umgezogen war, dämmerte es Djamile Rowe, dass sie vielleicht benutzt worden war. »Ich stehe jetzt als Einzige im Dreck«, sagte sie Ende Juni, »allein gelassen, ohne Hilfe und gebrandmarkt.« Was wohl der Wahrheit am nächsten kommt.

Kerstin Schneider, Anette Lache, Dieter Krause


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