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Western "Rust" Das Baldwin-Puzzle: Im Dickicht des kolossalen Versagens – und wie es jetzt weitergeht

Alec Baldwin erschoss am Set des Westerns "Rust" versehentlich Kamerafrau Halyna Hutchins
Alec Baldwin erschoss am Set des Westerns "Rust" versehentlich Kamerafrau Halyna Hutchins
© Jim Weber / DPA
Gut eine Woche nachdem Alec Baldwin am Set des Westerns "Rust" versehentlich Kamerafrau Halyna Hutchins erschoss, sind noch zahlreiche Fragen offen. 

Es war ein milder Donnerstagmorgen in Santa Fe, New Mexiko. Doch am Set des Westerns "Rust", der auf der Bonanza Creek Ranch gefilmt wurde, begann der Tag turbulent. Sechs Crewmitglieder hatten gekündigt, weil ihnen die Sicherheitsvorkehrungen ungenügend erschienen, außerdem ließen Zahlungen auf sich warten. Regisseur Joel Souza war gestresst, musste die Ausfälle kompensieren. Das erzählte er Ermittlern im Nachhinein, Teile der Crew mussten ersetzt werden. Dass all' diese Details wichtig werden würden, hatte da keiner geahnt.

Alec Baldwin und der tödliche Schuss am Set

Doch nun dreht sich seit etwas mehr als einer Woche alles um das Set von "Rust", jede Entscheidung, jede Bewegung wird plötzlich analysiert. Halyna Hutchins kam ums Leben, weil Starschauspieler Alec Baldwin sie aus Versehen erschoss. Wie das passieren konnte, ist immer noch nicht lückenlos geklärt. Der Fall wirft zahlreiche Fragen auf, täglich äußern sich Beteiligte. Und es wird zunehmend schwerer, durchzublicken, durch das Dickicht an Vorwürfen, Entschuldigungen und Experteneinschätzungen. Aber der Reihe nach.

Noch vor dem Mittagessen wurde die nächste Einstellung vorbereitet. Gedreht werden sollte in einer Kirche auf dem Gelände. Laut Joel Souzas eidesstattlicher Erklärung bereitete Waffenmeisterin Hannah Gutierrez-Reed drei Waffen vor, die sie auf einem Wagen vor der Kirche platzierte. Gegen 12.30 Uhr mittags ging man in die Pause.

Im Anschluss sammelten sich Kameracrew, Regisseur und Hauptdarsteller Alec Baldwin in der Kirche, wo der Schauspieler die Szene proben wollte. Regieassistent Dave Halls übergab ihm eine der Requisitenwaffen mit den Worten: "Cold gun", also kalte Waffe. Kalt bedeutet ungeladen. Reid Russell aus dem Kamerateam erklärte in seiner Aussage, ein Schatten habe die Dreh-Richtung beeinflusst, sodass Baldwin demonstrierte, wie er den Revolver ziehen und ihn auf die Kamera zubewegen würde. In dem Momente löste sich ein Schuss, der Halyna Hutchins im Brustbereich und Joel Souza an der Schulter traf.

Alec Baldwin: Drehort in Santa Fe
In dieser Kirche auf der Bonanza Creek Ranch passierte das tragische Unglück
© Jae C. Hong / Picture Alliance

Ärztin versuchte Halyna Hutchins zu retten

Hutchins taumelte zurück, sagte, sie könne ihre Beine nicht spüren. Set-Ärztin Cherlyn Schaefer hörte den Schuss aus Baldwins Requisitenwaffe, war allerdings zu dem Zeitpunkt nicht am Drehort, sondern außerhalb der Kirche. "Proben wir gerade? Denn 'fire in the hole' wurde nicht gerufen", erklärte sie laut Polizeibericht. "Fire in the hole" ist der Ausruf am Set, wenn explosives Material benutzt wird. Als sie hörte, dass es sich um einen medizinischen Notfall handelte, rannte sie zur Kirche, in der Baldwin, Hutchins und der Rest der Crew sich aufhielten. 

Sie sah Halyna Hutchins, die im Brustbereich getroffen wurde und wies die umstehenden Personen an, Druck auf die Wunde auszuüben und den Notruf zu wählen. Sie selbst zog Hutchins eine Sauerstoffmaske über und kontrollierte ihre Vitalzeichen. Skript-Supervisor Mamie Mitchell rief den Krankenwagen und äußerte die erste Schuldzuweisung: "Er sollte die Waffen kontrollieren. Er ist verantwortlich dafür, was passiert ist", sagte sie über Dave Halls, der Baldwin die Pistole überreicht hatte.

Trotz des schnellen Eingreifens überlebte die 42-jährige Kamerafrau nicht. Sie wurde mit dem Helikopter in ein naheliegendes Krankenhaus in Albuquerque geflogen, wo sie für tot erklärt wurde. Auch Joel Souza musste schwer verletzt behandelt werden.

Halyna Hutchins
Kamerafrau Halyna Hutchins starb an ihren Verletzungen 
© CAPITAL PICTURES / Picture Alliance

Erste Statements zum Unglück und Folgen

Als die Öffentlichkeit von dem tragischen Unfall erfuhr, ergaben sich die ersten Fragen. Allen voran: Wie kann so etwas an einem Filmset passieren? Auf Change.org startete Regisseur Bandar Albuliwi eine Petition, die von einigen Hollywoodstars geteilt wurde. "Echte Waffen werden an den Drehorten von Filmproduktionen nicht mehr benötigt. Wir befinden uns nicht mehr in den frühen 90er Jahren, als Brandon Lee auf die gleiche Weise getötet wurde. Es muss sich etwas ändern, bevor noch mehr talentierte Menschen ihr Leben lassen müssen", forderte Albuliwi. 

Freunde und Weggefährten der verstorbenen Halyna Hutchins meldeten sich zu Wort und zollten der jungen Frau Tribut. Der versehentliche Todesschütze Baldwin wandte sich am Freitag nach dem Unfall erstmals an die Öffentlichkeit. "Mir fehlen die Worte, um meinen Schock und meine Trauer über diese Tragödie zum Ausdruck zu bringen, die das Leben von Halyna Hutchins genommen hat. Einer Mutter, einer Ehefrau und einer zutiefst geschätzten Kollegin", schrieb er auf Twitter. Und weiter: "Ich bin in Kontakt mit ihrem Ehemann und habe ihm und der Familie meine Unterstützung angeboten. Mein Herz ist gebrochen und meine Gedanken sind bei  ihm, ihrem Sohn und alle Menschen, die Halyna gekannt und geliebt haben."

Erste Schuldzuweisungen 

Auf Entsetzen und trauernde Statements im Netz folgten die ersten Schuldzuweisungen. Nach zahlreichen polizeilichen Aussagen der Beteiligten haben sich neben Baldwin selbst zwei Schlüsselfiguren herauskristallisiert: Waffenmeisterin Hannah Gutierrez-Reed sowie Regieassistent Dave Halls.

Erstere galt mit ihren 24 Jahren als jung und unerfahren. Die "New York Post" zitiert aus einem Podcast, in dem Gutierrez-Reed vergangenen Monat über ihre Unsicherheit bei den Dreharbeiten zu ihrem ersten Film sprach: "Ich war zuerst wirklich nervös und hätte den Job beinahe nicht angenommen, denn ich war mir nicht sicher, ob ich schon soweit bin", soll sie über "The Old Way" (mit Nicolas Cage) gesagt haben. Dass sie "sorglos mit Waffen" umgegangen sei, wurde ihr von Beteiligten schon nach dem Dreh des Blockbusters vorgeworfen, so ein Bericht im Magazin "The Daily Beast". Dabei ist ihre Aufgabe am Set eindeutig: Sobald Waffen im Spiel sind, trägt sie die Verantwortung und ist dafür zuständig, alles bis ins kleinste Detail zu überprüfen. 

Hannah Gutierrez-Reed

Nachdem Gutierrez-Reed immer mehr in den Mittelpunkt der Ermittlungen und der öffentlichen Berichterstattung geriet, äußerten sich ihre Anwälte am Freitag. Sie habe "keine Ahnung, woher die scharfe Munition kam", erklärten sie. Medienberichte, wonach Mitglieder der Filmcrew nur Stunden vor dem tödlichen Vorfall mit Requisitenwaffen und scharfer Munition Schießübungen auf Dosen gemacht hätten, wies Gutierrez-Reed über ihre Anwälte zurück.

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Sie habe die Waffen "jeden Abend und in der Mittagspause unter Verschluss gehalten". Es sei völlig auszuschließen, "dass auch nur eine einzige von ihnen vermisst wurde oder von Crewmitgliedern abgefeuert wurde". Angeblich habe Gutierrez-Reed immer um Trainings gekämpft und um angemessene Zeit vor den Schussübungen, sei bei der Produktion allerdings abgeblitzt. Das Set sei dadurch nicht mehr sicher gewesen und das sei nicht Hannahs Schuld gewesen, so die Anwälte.

Eine "lächerliche Aussage", wie Waffenmeister Mike Tristano bei "NBC News" urteilte. "Wie kann man nicht wissen, was sich am Set befindet und was mit den Waffen zu tun hat, mit denen man umgehen soll?", fragte er verblüfft und erklärte, das sei "als würde ein Koch das Catering übernehmen und sagen: 'Ich weiß nicht, woher das Essen kommt.'"

Regieassistent Dave Halls

Neben Gutierrez-Reed hantierte jedoch auch Regieassistent Dave Halls mit den Waffen. Schlimmer noch: Er übergab Alec Baldwin die Pistole, die er als "kalt" bezeichnete, obwohl sie mit scharfer Munition geladen war. Seinen Fehler scheint der erfahrene Filmprofi selbst einzusehen. 

"[Halls] wies darauf hin, dass er alle Patronen hätte überprüfen müssen, dies aber nicht tat und sich nicht daran erinnern konnte, ob [Gutierrez-Reed] die Trommel gedreht hatte", heißt es in der eidesstattlichen Erklärung, die er selbst abgegeben hat. Er erklärte darin außerdem, nur drei Patronen gesehen zu haben. "Ich überprüfe den Lauf auf Hindernisse, die meiste Zeit gibt es keinen scharfen Schuss, Hannah öffnet die Luke und dreht die Trommel, und ich sage kalte Waffe", erläuterte er den normalen Ablauf am Set. 

Sparen, sparen, sparen: die Produktion

Sowohl Gutierrez-Reed als auch Dave Halls scheinen also Fehler gemacht zu haben. Doch womöglich sind sie bloß zwei Bausteine eines großen Versagens. Denn nicht ohne Grund liefen der Produktion noch während des Drehs die Mitarbeiter davon. Die oberste Prämisse des Low-Budget-Films scheint gewesen zu sein: Sparen wo man nur kann. Ein Verdacht, der von Beteiligten verstärkt wird. 

"Wir filmen in den Bergen, im offenen Meer, Unterwasser. Wir haben Explosionen, Waffen, Autounfälle, überall Elektrik und so viel mehr. Und um manchmal ein paar Dollar zu sparen, stellt ihr Leute an, die für den komplizierten und gefährlichen Job nicht qualifiziert sind und riskiert damit Leben", schilderte Set-Elektriker Serge Svetnoy die Lage in einem erschütternden Facebook-Posting. "Er [Alec Baldwin] muss damit leben, dass er einen Menschen getötet hat, weil andere unprofessionell waren", schrieb Svetnoy. 

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Wie es jetzt weitergeht

Bis jetzt sind die Ermittlungen der Polizei von Santa Fe noch nicht abgeschlossen. Dass Halyna Hutchins' Familie eine Zivilklage anstreben könnte, halten Rechtsexperten für wahrscheinlich: "Gegen die Produktionsfirma, gegen die Waffenmeisterin, gegen den Regieassistenten, der die Waffe an Alec Baldwin übergeben hat, sowie alle anderweitigen Personen – inklusive Baldwin als Produzent, wenn diesen eine substanzielle Pflichtverletzung, die zu dem Unfall geführt hat, nachzuweisen ist", erklärt US-Anwalt Elson D. Nowell der "Bild"-Zeitung.

Hutchins Familie könnte Schadensersatz fordern. Kommt heraus, dass bei der Produktion tatsächlich nachlässig gehandelt wurde, stünde eine große Summe im Raum. "Ich gehe davon aus, dass alle verklagt werden", sagt Rechtsexperte Bryan Sullivan. 

Verwendete Quellen: "Los Angeles Times" / "New York Times" / "Daily Beast" / "New York Post" / "NBC News" / "Bild"-Zeitung / Facebook / AFP


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