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David Carradine: Bill killed Bill

In "Kill Bill" feierte der Schauspieler ein furioses Comeback. Nun starb David Carradine in Bangkok - unter Umständen, die Tarantino nicht greller hätte inszenieren können.

Von Stephan Maus

Flirrender Horizont. Ein Mann kommt aus dem Nichts der Wüste. Kwai Chang Caine. Er erreicht eine Wildweststadt und betritt einen Saloon voller saufender Yankees. Er bestellt ein Glas Wasser. Ein Betrunkener stößt sich an seinen asiatischen Gesichtszügen. Ruhig trinkt Caine sein Wasser. Der Goldrausch-Pöbel lacht ihn aus. Und bedroht ihn. Nicht sehr lange. Der Fremde mit dem sanften, aber undurchdringlichen Gesicht hat trainiert. Hart trainiert. In einem Shaolin-Kloster. Den Rüpeln vergeht bald das Lachen.

Mit der TV-Serie "Kung Fu" wurde David Carradine zum Helden der Woodstock-Generation: ein Mann des Friedens in einer vulgären, brutalen Welt im Goldrausch. Gleich in den ersten Minuten der Serie zeigte sich, was Carradine am besten konnte: unter widrigsten Umständen die Würde eines asketischen Renaissancefürsten bewahren. Sein Schauspielhunger war so groß wie Caines Durst nach seiner Wüstendurchquerung. Er nahm alles mit, was sich bot. In seiner langen Hollywoodkarriere spielte er nur wenige Rollen, die nicht das Massenpublikum, sondern die Filmkritik begeisterten: Martin Scorsese engagierte ihn für sein Frühwerk "Boxcar Bertha", Ingmar Bergman für sein "Schlangenei".

Mit der Grazie eines Shaolin-Mönches wandelte Carradine durch ein Sammelsurium von Billigproduktionen. Seine gesamte Karriere scheint wie eine Kung-Fu-Prüfung, in der ein sadistischer Abt seinen Schüler dazu anhält, die Klos zu putzen, um seinen Gleichmut zu stählen. Für was übte David Carradine? Es sah ganz so aus, als stürzte er sich immer wieder in neue, noch größere Absurditäten, nur um zu trainieren, wie man mit erhobenem Philosophenschädel durch knietiefe Vulgaritäten watet.

Sympathische Bestie

Dann kam Quentin Tarantino, Meister der Trash-Veredelung. Nachdem er schon aus einem albernen Travolta den schönen, wahren und guten John herauspräpariert hatte, nahm er sich Carradine vor. In seinem Rache- Epos "Kill Bill" machte er aus dem sanften Kung-Fu-Cowboy den Killer Bill. Carradine vollbrachte das Kunststück, unsere Sympathien für dieses Monster zu wecken. Wenn schon Uma Thurman alias "Die Braut" dieser Bestie verfiel, wie sollten wir ihm widerstehen?

Bill war ein Schwert-Dandy, würdevoll bis in den Tod. "Wie sehe ich aus?", fragt er "Die Braut", nachdem sie ihm einen mysteriösen Fünf-Punkte-Todesschlag versetzt hat. Ein Blutfaden rinnt ihm aus dem Mund. "Ich glaube, du bist bereit", antwortet sie. Und leichtfüßig wankt Bill in den Tod.

Die schauspielerische Tour de Force in "Kill Bill" sollte nicht Carradines größte Herausforderung bleiben. Das absurdeste Skript seines Lebens schickte die Vorsehung dem 72-Jährigen vergangene Woche. Direkt in das monsunschwüle Bangkok. Nach all den Jahren war der Shaolin-Cowboy ebendort gelandet, wo sein Weltbild herkam. Carradine drehte im Fernen Osten. Er war guter Dinge. Für die Arbeit am französischen Thriller "Stretch" war er mit der Filmcrew im Hotel Park Nai Lert abgestiegen.

Der letzte Abend

Der Hotelmanager erzählt, Carradine habe in der Lobby Klavier und Flöte für die Gäste gespielt. Natürlich, Flöte. In "Kill Bill" begleitete er die krudesten Auswüchse von Tarantinos Fantasie mit sanften Flötenklängen. Am Abend des 3. Juni verließ er gegen neun die Hotelbar. Ein Sicherheitsmann geleitete ihn zum Lift. Der Magnetkarte seiner Suite 352 ließ sich entnehmen, dass Carradine sein Zimmer um neun Uhr betrat und nicht mehr verließ.

Gegen elf Uhr am folgenden Morgen fand ein Zimmermädchen seine Leiche im Kleiderschrank seiner Suite. Er war halb nackt. Um seinen Hals eine gelbe Nylonschnur, um seine Genitalien eine schwarze. Beide Schnüre waren miteinander verknotet und mit der Garderobenstange verbunden. Die Polizei begann zu ermitteln. Keine Kampfspuren. Aber woher kamen die Schnüre? Von wem stammte der Fußabdruck auf seinem Bett? Was war in dem Wasserglas, das in der Suite gefunden wurde und wie eine Reminiszenz an die "Kung Fu"-Eröffnungsszene erscheint. Was hatte es mit dem mysteriösen Penis-Schrein auf sich, der sich in seinem Zimmer fand? Würden die DNA-Spuren auf der Schnur mit Carradines DNA übereinstimmen?

Verwandte und Mitarbeiter versuchten, den schnell aufkommenden Selbstmordverdacht zu entkräften. Obwohl im Nachttisch des Schauspielers jahrelang ein geladener Colt lag. Als Meditationsübung, wie Carradine einmal selbst sagte: "Jede Nacht habe ich ihn herausgeholt und gedacht, wie es wohl wäre, mir den Kopf wegzublasen."

Suche nach der Todesursache

Der leitende Ermittler in dem Fall Carradine, Polizeichef Somprasong Yenthuam, will sich auf keine Todesursache festlegen. Dem stern sagte er: "Im Augenblick sieht es nicht danach aus, dass es einen mitwirkenden Dritten gegeben hat. Aber wir müssen erst die toxikologischen Untersuchungen abwarten, um mit Sicherheit sagen zu können, ob Gift im Spiel gewesen ist oder nicht. Die sind erst in drei Wochen beendet. Es müssen auch erst alle Indizien, die im Hotelzimmer gefunden wurden, ausgewertet werden. Dann muss alles verglichen werden. In vier Wochen können wir einen Bericht herausgeben."

Carradines Familie fordert FBI-Ermittlungen. Im Moment stammt die wahrscheinlichste Hypothese zu seinem Tod von der thailändischen Gerichtsmedizinerin Pornthip Rojanasunand, die für das Justizministerium arbeitet. In ihrer Heimat ist sie eine Berühmtheit, weil sie die DNA-Analyse einführte und als Menschenrechtsaktivistin auch nicht davor zurückschreckte, auf Spuren polizeilichen Missbrauchs an untersuchten Toten hinzuweisen.

Exotische Nebendarsteller

Ihre Hypothese: Erstickungsunfall bei Selbstbefriedigung mit Würgespielen. "Wenn man sich am Hals aufhängt, bedarf es keiner großen Kraft, um sich selbst umzubringen. Wer sexuell sehr erregt wird, neigt dazu, diese Tatsache zu vergessen", sagte sie.

Selbst nach seinem Tod kommt Carradine nicht los von schillernden Nebendarstellern: Die flamboyante Gerichtsmedizinerin sieht mit ihrer bunten Mähne aus, als hätte Tarantino sie für den letzten Akt eines grellen Dramas gecastet. Und auch der amerikanische Forensiker Michael Baden, der eine zweite Autopsie durchführen soll, ist eine eher ungewöhnliche Erscheinung: Er leitete die wiederaufgenommenen forensischen Untersuchungen zum Tode John F. Kennedys und moderiert eine Doku-TV-Reihe über Kriminalfälle, die im Obduktionssaal ihre Lösung finden.

Das B-Movie verfolgte David Carradine bis zum Ende. Doch das groteske Skript seines Todes traf ihn gut vorbereitet. Als guter Kung-Fu-Adept hat er sein Leben lang für solche Pulpfiction trainiert. In über 100 Filmen und zahllosen Fernsehserien. Nachdem ihm nun auch noch das Schicksal seinen mysteriösen Fünf-Punkte-Todesschlag versetzt hat, entschwindet der Gigant des B-Movies erhobenen Hauptes ins flirrende Nichts.

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