Dieter Bohlen "Es gibt zwei Bohlen"

Der eine faltet bei "Deutschland sucht den Superstar" die Kandidaten zusammen, der andere kocht seiner Freundin Tee: Dieter Bohlen über Randale und Verantwortung, Frauen um die 40 und sein Vorbild Johannes Heesters.

Herr Bohlen, ist es dieser Tage anstrengend, Dieter Bohlen zu sein?

Nö, mir fällt das leicht. Ich hab erst gestern, da stand ich in meinem Garten, wieder gedacht, wie stolz ich auf das sein kann, was ich mir aus eigener Kraft erschaffen habe. Der Rasen ist so grün, und ich hab einen Magnolienbaum, der blüht jetzt - wie das riiiecht! Ich bin voll mit mir im Reinen.

Außerhalb Ihres Gartens geht’s nicht so nett zu. Fans von Max Buskohl, der bei "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) ausstieg, beschimpfen Sie im Internet. Ihr Mit-Juror Heinz Henn schießt öffentlich gegen Sie. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, Sie würden bei DSDS wahlweise als "Hampelmann, Pausenclown oder nützlicher Idiot" verwertet. Lässt Sie das kalt?

Ja, völlig. Lob von den falschen Leuten brauche ich nicht. Ich mache nicht alles richtig, aber Kritik nehme ich nur an von Menschen, an deren Urteil mir was liegt.

Wer ist das?

Das sind kompetente Leute aus der Fernseh- oder Musikbranche, Freunde und natürlich meine Freundin oder meine Kinder; die fanden meinen blauen Anzug neulich in der Mottoshow gar nicht gut. Aber wenn man jetzt den Ärger um DSDS sieht, hab ich alles richtig gemacht. Vorher hat jeder gesagt: Was soll das, ’ne vierte Staffel? Guckt doch kein Mensch mehr! Ich habe gesagt: Wir wollen "talk of the town" werden. Und das haben wir ganz gut hingekriegt. Die Castings waren, was die Quoten angeht, die erfolgreichsten, die es je gegeben hat. Gigantomanisch!

Bei den Mottoshows hatten Sie dann weniger Zuschauer. Waren Sie da nicht böse genug?

Als die Mottoshows anfingen, war alles ein bisschen zu nett. Ich muss unterhaltsam sein, das ist meine Aufgabe. Man kann das auf den einfachen Nenner bringen: Je mehr Bohlen in so einer Sendung ist, umso besser ist die Quote. (lacht)

Das heißt, wenn man die Kandidaten wegließe, hätten Sie mega-gigantomanische Quoten, weil mehr Raum für Sie wäre?

Ich brauche natürlich Gegenspieler, an denen ich mich reiben kann.

Sie nehmen die jungen Leute vor einem Millionenpublikum auseinander. Spüren Sie dabei so etwas wie Verantwortung?

Das sieht man ja. Wenn da so ein zitterndes Mädchen vor mir steht, das einen Sprachfehler hat und keinen Ton trifft – die nehme ich doch dann in Schutz. Da pass ich genau auf, wie weit man gehen kann. Aber es gibt halt Leute, die meinen, sie wären Robbie Williams und können nix. Die bekommen dann schon die Wahrheit gesagt.

Bei Max Buskohl war Ihnen, wir zitieren, "scheißegal, was du da singst".

Ich war es, der beim Casting gesagt hat, wir müssen den durchlassen, das ist ein toller Typ, guckt euch den an. Dass Max dann sagt, ich schreib meine Titel selber, ich will mich selber produzieren, ich will mit meiner Band auftreten, ist völlig legitim - nur passt das nicht zu diesem Format. Wir suchen keine Superband, wir suchen einen Superstar. Wir haben Regeln, an die man sich halten muss, sonst kommt das Chaos. Max ist ein kleiner Bohlen. Ich wollte mit 18 auch mit dem Kopf durch die Wand, aber manchmal ist es besser, wenn man schaut, ob nicht 20 Zentimeter daneben ein Fenster ist. Ich hätte mich nicht mit RTL oder einer Schallplattenfirma wie Sony BMG angelegt. Wenn ich Lehrling bin und drei Wochen in der Firma arbeite, kann ich doch nicht zum Chef sagen: Alles, was du machst, ist Käse, wir machen das jetzt so, wie ich will, sonst gehe ich.

Das ist Rock’n ’Roll.

Nee, das ist Wahnsinn.

Wie würde der Juror Bohlen den 18-jährigen Bohlen bewerten?

Ich glaube, wenn ich da gestanden hätte, hätte ich mich nicht weitergelassen. Bei DSDS geht es in erster Linie um die Stimme, und dann guckt man, in welches Genre passt der. Ich hab früher bei Nachwuchswettbewerben immer meine eigenen Nummern gebracht. 1965, 66 war das. Die anderen kamen mit "Hello Mary Lou", aber das war auch die Zeit von Bob Dylan, und da hab ich Protestsongs mit deutschen Texten geschrieben. Ich stand auf der Bühne und hab gesungen: "Viele Bomben fallen, doch keiner ändert was, es nützt kein Krawall, geschehen muss was." Aber das kam nicht so gut an.

Wir haben von einem Ihrer ersten Auftritte gehört, im Gasthaus Krüger in Ekern, das liegt in Ihrer norddeutschen Heimat. Dort trat die lokal bekannte Band Foam auf. Die Sie solange zugebettelt haben, bis Sie für ein Lied mit auf die Bühne durften. Dann wollten Sie nicht mehr runtergehen - und man musste Sie entfernen.

Ganz ehrlich: Ich kann mich nicht erinnern. Aber dass ich, wenn ich auf einer Bühne stand, nicht mehr runterwollte - das traue ich mir zu. Früher gab es ja keine andere Möglichkeit aufzutreten, und ich war noch jung. Mein Aha-Erlebnis kam ein bisschen später, während des Studiums in Göttingen. Ich hab bei Aorta gespielt, das war so eine angejazzte Geschichte, Intellektuellenmusik; wir haben dreimal die Woche geübt, und wenn wir aufgetreten sind, kamen gerade mal 100 Leute. Zur selben Zeit spielte ich aber auch in einer Kapelle namens Da Capo. Wir machten Freitag, Samstag, Sonntag Tanzmusik, da kamen 1000 Leute. Wir haben auf Zuruf Titel aus den Charts gespielt, ich habe Marianne Rosenberg nachgesungen ...

... Sie? In Original-Tonlage?

Ich gehöre zu den wenigen Männern auf diesem Planeten, die in Frauen-Tonlagen singen können. Klang vielleicht nicht so gut, aber die Leute gingen total ab! Ich hab an einem Wochenende 600 Mark verdient und konnte wunderbar davon leben. Das hat mich schon geprägt. Und in Richtung Kommerzialität gebracht.

Ihr Aha-Erlebnis war also, dass man mit wenig Aufwand viel Erfolg haben kann?

Nein. Dass man mit der richtigen Musik das Publikum begeistern kann. Ich wollte immer, und dazu stehe ich bis heute, dass die Leute interessiert, was ich mache.

Einer Ihrer Jugendfreunde, mit dem wir sprachen, bescheinigt Ihnen eine große Begabung: "Der Dieter konnte Stücke, die er hörte, falsch nachspielen. Daraus entstanden neue Lieder, die sich anhörten wie Deep Purple oder Uriah Heep". Korrekt?

Das ist völlig falsch. Ich stand auf Hardrock, Uriah Heep, Santana, ich hab dann versucht, ähnliche Nummern zu schreiben, so war das. Eine Zeit lang habe ich mich auch mal an Smokie orientiert. Irgendwann stand dann Chris Norman, der Sänger von Smokie, selber bei mir vorm Mikrofon.

Den haben Sie in den Achtzigern produziert.

Ich hab seine erste Solo-Nummer mit ihm aufgenommen, "Midnight Lady", und wir waren sechs Wochen Nummer eins. Früher habe ich auch Titel von Engelbert gesungen, später stand auch der bei mir im Studio, und wir haben ein Hyper-Gold-Album gemacht. Guck mal, Bonnie Tyler, Al Martino, Dionne Warwick, wie sie alle heißen, die mussten meine Texte singen - englische Texte von einem Deutschen!

War das hart für die?

Ach was. Dionne Warwick stand mit mir im Studio und hat nicht einmal gemuckt. Die hat den Text so durchgesungen und gesagt: Dieter, hammermäßig ...

... "hammermäßig" hat sie gesagt?

Like a Hammer! (lacht)

Wenn man so viel auf Englisch komponiert, lässt es sich wohl nicht vermeiden, dass eine Textzeile oder ein Songtitel schon mal anderweitig verwendet wurde. Ein Stück von Modern Talking hieß "Brother Louie" ...

... so hieß auch schon eins von Hot Chocolate. Es war fast alles schon mal da. Außer "Geronimo’s Cadillac"! Mir war immer wichtiger, dass es schöne Worte sind, als dass da ein ganz toller Text bei rauskommt. Das muss wie Butter runtergehen. Wenn wir statt "You’re My Heart, You’re My Soul" so was wie "Nuclear Cheese Pieces" gesungen hätten, wäre es kein Hit geworden.

Bohlen auf der Bühne - ist die Zeit vorbei?

Ich war ja im Dezember in Moskau, da haben wir vor 32 000 Menschen gespielt. Die freuen sich einfach, wenn sie "You’re My Heart, You’re My Soul" hören. Und zweimal im Jahr ertrage ich das auch. Wenn ich hier in Hamburg spielen würde, kämen vielleicht 3000 Leute, das lasse ich lieber. Aber dort macht das echt Spaß.

Singen Sie live?

Ja, klar.

Vor ein paar Jahren haben drei Musiker behauptet, sie seien die hohen Stimmen von Modern Talking gewesen, und Dieter Bohlen habe keinen Ton gesungen.

Die hatten im Chor gesungen. Ich auch. Ich habe, als diese Vorwürfe aufkamen, einem unabhängigen Gremium vorgesungen und bewiesen: Das war meine Stimme.

Warum haben die drei trotzdem nachträglich Geld bekommen, jeder 100 000 Mark?

Die Plattenfirma hatte ja mit Modern Talking schon Millionen verdient und wollte einfach ihre Ruhe haben. Das hätten die nicht machen müssen, das war reine Wohltätigkeit. Ich hätte es nicht getan.

Herr Bohlen, Ihr Vater ließ sich einst für Ihren Wunsch, Musiker zu werden, nicht begeistern. Sein Kommentar: "Irgendwann komme ich mit meinen Freunden zum Bahnhof, und da stehst du mit dem Hut." Hat er sich für diese Fehleinschätzung später entschuldigt?

Quatsch, das muss er nicht. Was der alte Bohlen, mein Papa, da zu mir gesagt hat, ist ja nix anderes als das, was ich heute den Kandidaten bei DSDS erzähle. Er wollte mich abschrecken: Willst du wirklich Musik machen, willst du dieses Risiko eingehen? Oder willst du nicht doch ins Geschäft, in unsere Straßenbaufirma, da bist du finanziell auf der sicheren Seite? Er fragt mich übrigens heute noch, ob ich mit meinem Geld auskomme!

Hört man sich in Oldenburg-Eversten um, wo Sie herkommen, sagen die Leute dort, Ihre Eltern seien ruhige, liebe, bescheidene Leute. Warum sind Sie so aus der Art geschlagen?

Ich bin doch genauso. Nur kann man mit diesen Attributen - zurückgezogen, blablabla - im Entertainment-Bereich nichts anfangen. Da muss man Randale machen. Zu Hause bin ich ein ganz ruhiger Zeitgenosse. Es gibt eben zwei Bohlen.

Aber ein großes Ego haben Sie schon.

Ihr verdreht Ursache und Wirkung. Das hat doch mit Ego nichts zu tun, sondern damit, dass man Erfolg haben will. Wenn ich still und leise an meinem Jury-Tisch sitze und nix sage, dann langweilen sich die Zuschauer doch zu Tode. Wir wollen mit DSDS erfolgreich sein, und dafür würde ich alles tun, bis zur absoluten Selbstaufgabe. Und wenn ich nachts acht Stunden Steine kloppen müsste. Für den Erfolg muss man Kompromisse eingehen. Aber ich mache doch mit der Presse keine Homestory, weil ich das gut finde und es meinem Ego etwas bringt.

Es ist Ihnen nicht Recht, dass so viel über Sie berichtet wird? Wir staunen.

Ihr denkt, ich renn da immer hin und sage: Mensch, schreib mal was über mich. So ist das aber nicht. Wenn ich eine Sendung promoten oder ein Buch verkaufen will, muss ich was dafür tun ...

... schon klar. Aber PR hin oder her: Es zwingt Sie doch niemand, in der Zeitung oder im Fernsehen Ihren Koi-Karpfenteich zu präsentieren. Oder Ihr Auto, das gerade aus dem Halteverbot abgeschleppt wurde.

Das seht ihr falsch. Das mit den Koi-Karpfen hatte einen Grund: Es gab einen Kandidaten bei DSDS, mit dem hab ich mich ’ne Viertelstunde über Fische unterhalten. Daraufhin habe ich den eingeladen, sich meinen Teich anzugucken, und wir haben ’ne Geschichte drüber gedreht. Das ist "part of the deal", da mache ich mit. Und das mit dem Auto war so: Ich hatte ein Interview in Hamburg, komme da raus, der Wagen ist weg, und da stehen schon die Paparazzi. Und es stehen auch dort welche, wo ich den Wagen abholen muss - denkt ihr, das will ich? Glaubt ihr wirklich, ich hab die angerufen?

Das sagt ja niemand. Sie fühlen sich von den Medien verfolgt?

Ja.

Warum hatten Sie die "Bild"-Zeitung im Haus, eine Stunde, nachdem Sie dort überfallen worden waren?

Die Paparazzi waren schon einige Sekunden nach der Polizei da.

Die hören den Polizeifunk.

Warum kann die deutsche Polizei nicht Digitalfunk kriegen? Dann wäre Ruhe. Da waren plötzlich 15, 20 Leute, zehn davon Polizisten, die Tür stand auf, und auf einmal liefen alle kreuz und quer durch mein Haus. Und ein Mann von der "Bild", den ich seit 15 Jahren kenne, war auch da; mir war das ganz lieb, dass da überhaupt jemand war, den ich kannte, mit dem ich erst mal ein bisschen quatschen konnte. Vielleicht hätte ich sagen sollen: jetzt alle raus. Aber ich stand völlig unter Schock.

Schöneres Thema, Herr Bohlen: Sie sind ein bekennender Macho.

Nö.

Was dann - ein hemmungsloser Romantiker?

Nein, ganz normal.

Aber Sie haben’s schon gern, wenn die Frau Ihnen Tee bringt und für Sie da ist.

Ich hab’s gern gemütlich, aber ich häng den Beutel genauso bei Carina in den Tee. Wenn sie beim Teekocher steht, macht sie das Wasser warm. Und wenn ich beim Teekocher steh, mach ich’s. Ich bin vielleicht nicht so der Kavalier der alten Schule, das stimmt. Ich renne nicht jedes Mal ums Auto rum, um einer Frau die Tür aufzuhalten. Das mache ich nur bei meiner Mutter. Und das Macho-Zeug ist mir angedichtet worden, weil ich manchmal Sprüche mache, die als Spaß gemeint sind, aber manchmal nicht so verstanden werden. Ich war mal mit Franz Beckenbauer bei einer Pressekonferenz, der hat da Sachen rausgehauen - mich hätten die Leute dafür ans Kreuz genagelt.

Zum Beispiel?

So was wie: "Weihnachtsgeschenke muss meine Frau sich selber kaufen, wenn sie welche haben will." Vielleicht liegt das auch an der Sprache: Mein Hamburgisch kommt eher hart rüber. Aber bei Franz mit seinem Bayerisch - da klingt die größte Beleidigung noch irgendwie supernett.

Hätten Sie auch gern so einen Heiligenschein wie Herr Beckenbauer?

Wer hätte das nicht gern? Franz Beckenbauer finde ich von A bis Z einfach nur gut. Der ist ja so was von sympathisch, den kann man wirklich nur abknutschen.

Ihre Freudin Carina ist 30 Jahre jünger als Sie. Wann haben Sie aufgehört, sich für gleichaltrige Frauen zu interessieren?

Nie! Völliger Schwachsinn! Es ist nur so, wenn ich abends weggehe, stehen da lauter 25-jährige Mädels, die ungebunden sind. Da stehen keine 40-jährigen Frauen, die altersmäßig besser zu mir passen würden. Sagt mir, wo’s die gibt!

In der Bücherhalle vielleicht?

Da bin ich selten. Mir wäre das lieber, wenn Carina älter wäre. Ich hab natürlich auch Angst, dass es in 20 Jahren Probleme geben könnte. Das weiß man ja nie. Andererseits: Simone Rethel und Jopie Heesters sind 50 Jahre auseinander - und ich glaube, die sind super glücklich. Jopie ist sowieso mein großes Vorbild, der singt mit seinen 103 noch besser als ...

... Sie?

Höhö. Sagen wir: besser als viele andere.

Was würden Sie sagen, wenn Ihre 17-jährige Tochter mit einem 30 Jahre älteren Kerl ankäme?

Das interessiert die doch nicht, was ich dazu sage, dafür ist sie viel zu selbstbewusst. Hauptsache, sie ist glücklich. Was nützt ihr ein 19-jähriges Arschloch? Ich hätte nix dagegen, wenn sie mit einem intelligenten Multimillionär ankommt.

Denken Sie manchmal: seltsam - wenn Sie Ihre drei Kinder aus erster Ehe am Wochenende da haben und Ihr ältester Sohn ist ein Jahr jünger als Ihre Freundin?

Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Mit Carina verstehen sich alle gut. Das Tollste ist, wenn Erika da ist, meine erste Frau, unsere Kinder, meine Eltern - und dann sitzen wir alle da und essen.

Wer kocht?

Meistens meine Mutter. Sie kommt aus Ostpreußen und hat so eine besondere Art, Kaninchen zuzubereiten. Fragt sie die Kinder: "Was wünscht ihr euch?", sagen die: "Mach mal wieder Kaninchen!" Das wird so mit Knoblauch gespickt, dass es aussieht wie ein Igel. Und dann wird es irgendwie gebraten. Das kann nur meine Mutti.

Interview: Ulrike von Bülow, Alexander Kühn, Kester Schlenz print

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