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Drew Barrymore: Das Mädchen, das beim Film zu Hause ist

Sie hat schon als Kind den tiefen Absturz erlebt, sich dann wieder hoch gekämpft: Drew Barrymore. In ihren Filmen strahlt sie und findet die Liebe. Und im wirklichen Leben?

Von Jochen Siemens

Es liegt an diesem Sonnenschein, den Drew Barrymore in ihren Filmen verbreitet, dass man denkt, gleich dem Sonnenaufgang die Hand zu geben. Man würde am liebsten fragen, warum sie sich in allen ihren Rollen immer Namen wie Rosie, Mary, Sophie oder Erin ausdenkt und nicht einfach überall Drew heißt. Wäre viel einfacher, denn die Filmnamen vergisst man sowieso immer gleich, wenn es doch Drew Barrymore ist, mit der man sich Kino trifft wie mit einer Freundin.

Und nun das. In London ist der Himmel Wolken verhangen und da ist kein Sonnenaufgang, wenn Drew Barrymore einen anschaut. Ihr Lächeln ist beinahe geizig und ihr Blick beobachtend, als könnte das hier jetzt auch ein Bewerbungsgespräch sein. Ihre blonden Haare hängen herunter und schon nach einer Minute ist klar, dass hier jetzt keine Sonnenstrahlen zu erwarten sind, schon gar nicht in dieser rauhen Stimme, mit der sie langsam spricht. Mein Gott, denkt man wieder mal, was ist das Kino für eine Illusionsmaschine. Wie konnte man glauben, dass eine 35-Jährige, die seit ihrem dritten Lebensjahr die Kamera vor dem Gesicht kennt, hier das Popcorn-Theater weiterspielt?

Drew Barrymore nickt. "Yeah, das ist Arbeit, und ich bin nicht so eine Schauspielerin, die sich wie ein Mönch wegschließt, um in ihrer Rolle komplett aufzugehen. Ich geh in eine Szene und tue so, als ob ich die Rolle bin." Unter den über 49 Filmen, die sie gedreht hat, sind die romantischen Komödien ihr Markenzeichen. Das Muster ist immer gleich: Frau trifft Mann, es funkt, man landet im Bett, und dann gibt es Funkstörungen, und es wird lustig und traurig zugleich. Beziehungskiste eben. Im Kino fiebern alle mit, ob sie sich am Ende finden oder nicht. Früher gehörte diese Rolle einmal Meg Ryan und nun Drew Barrymore.

Eine Mauer ist spürbar

Die neueste Folge dieses Spiels heißt "Verrückt nach Dir" und ist ein Fernliebe-Dramolett um eine Journalisten-Praktikantin und einen Musikproduzenten, die sich in New York treffen und verlieben. Der ganze Film wird mal wieder erleuchtet und gerettet von Drew Barrymore, die selbst sturzbetrunken und rülpsend unfassbar sexy sein kann.

"Na ja", sagt sie, "ich bin selbst sehr viel unterwegs, ich kenne es, wenn man versucht, ferne Beziehungen am Leben zu halten." Nun könnte man einhaken und fragen, ob ihr Filmpartner Justin Long noch oder wieder ihr Freund ist, und ob ihre Liebe an der Ferne und so weiter gescheitert ist. Aber Drew Barrymore sagt das so routiniert, dass man die Mauer spürt, die sie vor sich hochgezogen hat. Öffentlich war ihr Leben lang genug. Die Tochter der mäßig erfolgreichen Schauspieler-Eltern Barrymore aus Kalifornien dreht schon mit drei Jahren erste Filme und hat ihren weltweiten Durchbruch mit sechs Jahren als Gertie, der kleinen Freundin in Spielbergs Außerirdischen-Märchen "E.T". Nach weiteren Mädchenrollen stürzt Drew Barrymore in die Frühreifen-Hölle Hollywoods: Mit neun Jahren ist sie volltrunken, mit zehn raucht sie Haschisch und mit zwölf kommt das erste Kokain in ihre Nase. Es folgen: ein gescheiterter Selbstmordversuch, ein Schulabbruch und viele Monate in Entzugs- und Nervenkliniken. Als Drew Barrymore 14 ist, hat Hollywood sie schon aufgegeben. Ein überfahrenes Küken, ach Gott, die Stadt ist voll davon.

Der Barrymore-Weg zurück ans Licht war hart. In den 90er Jahren spielte sie die Sexbombe, zog sich für den Playboy aus und hob bei US-Talkmaster David Letterman kurz das T-Shirt. Gleichzeitig spielte sie in vielen Filmen, schlechten und weniger schlechten. Genau aus diesen Jahren stammt der enorme Fundus, den Barrymore auf ihrem Gesicht inszenieren kann. Ende der 90er Jahre wurde sie immer mehr zu einer festen Größe Hollywoods und gründete schon 1994 ihre eigene Produktionsfirma Flower Films. Mit Action-Komödien wie "Drei Engel für Charlie" und eben Romanzen wie "Ungeküsst" oder "Mitten ins Herz" baute sich das Patenkind von Steven Spielberg ein Reich auf und kassiert heute bis zu 15 Millionen Dollar pro Film. Und genau über dieses Thema kommt man ihr näher.

Der Job ihres Lebens

Das Schauspielern, das ganze Filmemachen sei ihr Leben, sagt sie. Und die Sätze werden flüssiger, jetzt endlich lächelt der Mund. Ja, es ist so etwas wie Familie für sie, das Team, die Freunde - und sie ist der Workaholic, was sie öfter sagt. Jetzt, mit 35, fühle sie sich erwachsen. Richtig erwachsen und dazu gehöre eben auch zu wissen, was man noch lernen müsse, "eine ganze Menge". Man hat jetzt Mühe, die eben noch spröde Barrymore zu bremsen. Ob sie überlegt habe, nur mal zum Spaß, das zum Verkauf stehende sagenhafte Studio MGM zu kaufen? Nein, so viel Geld habe sie nun auch wieder nicht, "aber ich glaube schon, dass ich da einen guten Job machen würde". Und jetzt geht's richtig los: Drew Barrymore unter Dampf, mit einem fast lüsternen Ton in der Stimme.

"Ich hätte das Geld gut unter Kontrolle, bei mir hätten Regisseure komplette Freiheit und ich hätte ein brillantes Marketingteam", sagt sie, und man möchte etwas fragen, aber Drew ist schon weiter: "Ich kenne jedes Detail beim Filmemachen, ich wüsste exakt, was zu tun ist", sie spricht das "exakt" in Großbuchstaben und mit Ausrufezeichen aus. Und außerdem "habe ich beim Film so oft viel Geld in die falsche Richtung verschwinden sehen". Wie? "Ich würde das ganze System der Gagen ändern, es geht nicht, dass manche Gagen so hoch sind und dem Film dann Geld für das Marketing fehlt." Man kann glauben, dass sie weiß, wovon sie spricht, 32 Jahre Film-Erfahrung. Ob das ihre Zukunft ist: Filme produzieren und Regie führen? "Absolut." Anders gesagt: Schauspielern ist für Drew Barrymore so etwas Lässiges wie Kellnern, in Wahrheit ist sie längst dabei, das ganze Restaurant zu übernehmen.

Sie sagt, sie sei eine "romantische Person"

Sie schaut aus dem Fenster, und auf der anderen Seite der kleinen Londoner Straße sind Paparazzi zu sehen, die auf ein Bild von ihr lauern. Ihr Ex-Freund und Filmpartner Justin Long ist auch in der Stadt, sie sind in der Nacht zusammen auf einer Party gesichtet worden, dann aber in verschiedene Hotels gefahren. Sie verdreht die Augen: Nein, sie würde nichts über sich in den Zeitungen lesen, es sei ihr auch egal, was da stehe.

Sie war zweimal verheiratet - Ehen, die wie ein Versehen aussahen und schnell wieder geschieden wurden. Und auch wenn sie sagt, dass sie eine "romantische Person" sei und viel lieber "altmodische Briefe" als E-Mails schreibe, klingt das dünn. Eine Firma in Hollywood kann man nicht mit Briefpost leiten und sie weiß das. Und es passt zu der echten Drew Barrymore hier in London, wenn sie sagt: "Ich glaube, es ist für eine Frau ungesund, ihr Leben für den einen Mann aufzugeben und alle Hoffnungen und das Glück in ihn hineinzulegen. Ich glaube, viele Frauen haben das Problem: Wie kann ich beides zusammen haben? Den Job meines Lebens und den Mann meines Lebens?" Drew Barrymore lächelt jetzt. Sie hat den Job ihres Lebens.