Frank-Walter Steinmeier Harry Potter wird seriös


Sein auffälligstes äußerliches Merkmal war die Brille: Die schwarz gerandeten, winzigkleinen Gläser thronten ganz weit oben auf seiner Nase. Nun hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier sie gegen ein neues Modell getauscht - ein Zeichen für neue Zeiten?
Von Claudia Pientka

Auf die Frage im "Focus"-Fragebogen, was ihm an sich besonders gefalle, antwortete der Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier: "meine Brille". Das war im Mai dieses Jahres. Sein Gestell: schwarz umrandete Nickelbrille, die Gläser gerade groß genug, dass seine Augen hindurchschauen konnten - Modell "Harry Potter". Wenige Wochen später brach der Krieg im Libanon los und Außenminister Steinmeier trat zum ersten internationalen Großeinsatz seiner Karriere an. Statt höflicher Vorstellungsbesuche absolvierte er heikle diplomatische Missionen in einer hochexplosiven internationalen Krise. In Zypern musste er Flüchtlinge verschiffen helfen, in Beirut und Jerusalem Politiker besänftigen. Der Außenminister agierte nicht nur staatsmännisch, sondern passte auch sein Äußeres den neuen Aufgaben an: Er steckte seine heiß geliebte Nickelbrille ins Etui und wechselte zu einem dezenten, fast randlosen Modell.

Steinmeier befindet sich mit seinem Brillenwechsel in bester Gesellschaft: Als Rolf-Ernst Breuer in den Vorstand der Deutschen Bank wechselte, tauschte er den überdimensionalen roten Rahmen seiner Brille gegen einen fast um die Hälfte kleineren mit senffarbener Tönung. Seriöser wirkte das neue Modell, weniger dominant, aber dennoch auffällig genug, um den Typ Breuer zu unterstreichen. Hans-Olaf Henkel verabschiedete sich von seiner Pilotenbrille, als er zum Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie aufrückte. Seine durchaus kontroversen Standpunkte vertrat er von da an rahmenlos. Und auch Ron Sommer versuchte zum Börsengang der Telekom auf Seriosität zu setzen und wechselte vom getönten Nasensteg zum randlosen Modell. Die erste Aktien-Tranche schoss in die Höhe, leider hielt der Erfolg nicht lange an.

Lieber links-intellektuell oder visionär?

Denn Brillen sind mehr als zwickende Sehhilfen oder modische Accessoires, sie machen einen Teil der Persönlichkeit aus. Tief auf der Nasenspitze liegend machen sie den Lehrerblick erst richtig streng; das Gesicht einer Blondine wie Ingrid Steeger verwandeln sie in eine frivole Mischung aus Dummchen und Domina. Brillen können intellektuell und zugleich volksnah wirken, wie Gregor Gysis Bertolt-Brecht-Brille - eine ähnliches Modell trug auch Mahatma Gandhi - oder kühl-versnobt wie Edmund Stoibers rahmenlose Edelfassung. Ein ähnliches Modell, mit blau getönten Gläsern, trägt dessen Landsmann Franz Beckenbauer, aber der wirkt damit nicht abgehoben, sondern visionär. Manche tragen das gute Stück nicht einmal auf der Nase, was die Wirkung durchaus erhöhen kann. Bestes Beispiel: Erich Böhme, der seine Brille während des Moderierens lustig hin- und herschwenkte und den ausgeklappten Bügel schon mal als Dirigierstock benutzte. Nicht nur eine Marotte, sondern ein medienwirksames Instrument. Das scheint auch Komiker Wigald Boning erkannt zu haben: Sein Modell mit Hornleiste ist konservativ und retro zugleich und verhalf ihm 2005 zum Titel "Brillenträger des Jahres". Damit nimmt man dem Moderator in seiner Sendung "Clever! - Die Show, die Wissen schafft" auch den Wissenschaftler ab. Ebenfalls ein bekannter Brillenträger ist der Vizepräsident der europäischen Kommission: "Günter Verheugen scheint fast nur aus Brille zu bestehen", sagt Dr. Frank Ulrich, Psychologe und Augenarzt aus Erlangen, "der Eindruck des Arbeitstieres wird dadurch noch verstärkt."

Oft steckt die Frau dahinter

Rund 64 Prozent der erwachsenen deutschen Bevölkerung tragen nach einer aktuellen Allensbach-Brillen-Studie ein Nasengestell, das sind 40,4 Millionen Menschen. Allein im vergangenen Jahr wurden 9,1 Millionen Brillen verkauft, wobei der Trend laut Thomas Nosch, Präsident des Zentralverbandes der Augenoptiker, zu größeren, kräftigeren und farblich offensiveren Modellen geht.

Nicht so bei Außenminister Steinmeier: Sein neues Gestell ist deutlich dezenter, unterstreicht eher sein Gesicht, als es zu dominieren. Wer für den Wandel wohl verantwortlich war? "Der weibliche Einfluss ist überall. Häufig sind es die Ehefrauen, die mit ihren Männern neue Brillen aussuchen", sagt Ulrich. "Außerdem gilt: Je höher das Amt, je mehr repräsentative Pflichten und damit öffentliche Auftritte, desto stärker drängen Familie und Berater den Träger auch zu einem passenden Brillentyp."


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