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Germany's next Topmodel: Fräulein Storch gewinnt

Heidi Klum hat ihre Nachfolgerin gekürt. Gestern Abend feierte der Sender Pro Sieben mit 500 Zuschauern in Köln-Ossendorf "Germany's next Topmodel". Und wie so oft lagen die Demoskopen, Experten und Wettanbieter wieder einmal komplett daneben.

Von Ulrike Posche, Köln

Gleich hinter "Planen-Pütz" und Rimowas Kofferfabrik im Kölner Stadtteil Ossendorf liegt nun Jennifer Wanderers Traum begraben. Im Studio 30 des Coloneum. Nein, Germany's next Topmodel ist die 17-Jährige aus dem fränkischen Wilberg nicht geworden. Keine neue Heidi Klum, nicht einmal eine Schiffer. Dabei hatten Experten und Wettbüros mit hoher Quote auf die exotisch wirkende Schülerin gesetzt, die manchmal wie ein Mensch gewordenes Niedervoltsystem dahindämmerte, und dann wieder wie die Königin von Saba über den Catwalk lief. Die ihre Hüften so lasziv im Takt der Schritte schwingen lassen konnte, dass es die Jury stets von den Sitzen riss: "She rocks", rief Bruce Darnell, der feingliedrige Amerikaner. Und jeder, der wenigstens ihn über die vergangenen zehn Wochen ins Herz geschlossen hatte, fürchte, dass der zierliche Modeltrainer, der angeblich einst sogar in der US-Army als Fallschirmspringer gedient haben soll, wieder einmal in Tränen ausbrechen würde.

Aus für die Franken-Kleopatra

Nein, Jennifer also, die nörgelige Franken-Kleopatra, ist es nicht geworden. Und als Heidi Klum diese bittere Wahrheit verkündete, konnte Jennifers breitleibiger Vater die Tränen nicht länger für sich behalten, Tränen der Enttäuschung, der Wut - er gab sich einen Ruck und verschwand fürs erste aus dem Publikum. Einen Moment lang sah es aus, als würde er auf seinem Weg gleich das ganze Studio auseinander nehmen. Da wäre jedoch ohne Zweifel Günther Klum dazwischen gegangen, der mit seiner Frau Erna, Heidis Bruder und dessen Söhnen in der ersten Reihe saß und das kleine menschliche Drama, das sich direkt vor seiner Nase abspielte, mit Regung verfolgte. Denn Jennifer, die Topmodel-Aspirantin von eben noch, musste sich nun wie das Aschenputtel auf die Zuschauertribüne setzen.

So kam zur Niederlage auch noch die Demütigung. Wie etwas sehr Erloschenes saß sie neben ihrer Mutter und zog sich apathisch die Nadeln aus dem aufgesteckten Haar. Aus der Traum. Die Regie hatte unter all das einen Teppich aus traurigen Klängen gelegt, Pianostücke von Michael Nyman etwa. Man hatte fast das Gefühl, in eine Kriegs-Dokumentation von Guido Knopp geraten zu sein, der Untergang der Gustloff zum Beispiel, oder etwas ähnliches. Dabei war lediglich entschieden worden, dass ein anderes Mädchen den Vertrag mit der renommierten Model-Agentur IMG ergattern und ein Auto gewinnen und das Titelbild einer Münchner Frauenzeitschrift zieren würde.

Die Glucke und die Küken

Zehn Wochen lang haben Fräulein Wanderer und ihre beiden letzten Konkurrentinnen Lena Gercke, 18, aus Cloppenburg und Yvonne Schröder, 17, aus Frankfurt, und sieben andere dem Sender Pro Sieben mit Haut und Haaren das Beste, was sie hatten, auf einen Streich gegeben. Sie haben sich Schlangen um die Hälse legen lassen, Laufstege bezwungen, unter Wasser gelacht und versucht, im bemalten Körper nicht nackt zu wirken. "Herrlichherrlichherrlich", riefen die Fotografen, wenn die sie durch die Linse anfeuerten, oder "Sexysexysexy". Heidi Klum freute sich über jeden Entwicklungssprung ihrer Küken wie eine gute Glucke. Sie jodelte, sie sang, sie hüpfte auf dem Trampolin, sie war 100 Prozent Heidi. Sie verschaffte dem Sender 17,8 Prozent der "werberelevanten Zielgruppe". Sogar die FAZ jubelte gerade über die Ehefrau des Schmusesängers Seal ("Ein Glücksfall für Prosieben") und über die einzige "Castingshow, die ihre Kandidaten mit Respekt" behandele.

Am Ende hatte schließlich ja auch die "Bildzeitung" ihre vorgetäuschte Sorge darüber vergessen, dass die Show junge Mädchen angeblich in die Magersucht treibe. Jobst Benthues, Unterhaltungschef des Senders und Erfinder der Sendung, denkt nun über eine zweite Staffel nach. Nur Bruce, der Trainer, krähte gelegentlich noch: "The jacket was good. The walk was shit, the face was horrorful". Klamotten gut, Gang grässlich, Gesicht unter aller Kanone. Da aber ohnehin keine so elegant auf zwölf Zentimeter hohen Peeptoes über eine Linie schreiten kann, wie Bruce Darnell, der Fallschirmspringer, ist am Ende er zum eigentlichen Star der Model-Show geworden.

Arme wie Salzstangen

Gekürt wurde dann aber doch Lena Gercke. Ein hübsches, gesund aussehendes Blondie mit Armen wie Salzstangen und schönen Augen. Wenn Lena Gercke geht, dann sieht man einen erwartungsfrohen Storch über die satten Wiesen des Oldenburger Landes staksen. Sie habe den Look, der gerade gut zu vermarkten sei, erklärt Bruce, und sie sei wunderschön. Jurymitglied Armin Morbach, der Schminker, weint indes seiner Yvonne eine letzte Träne nach, und dann macht sich Familie Schröder, machen sich Eltern, Großeltern und Tanten, die drei Stunden lang in dieser fremden, bunten Fernsehwelt so begeistert ausgeharrt hatten, wie sie nur konnten, langsam per Bus auf den Rückweg nach Frankfurt.

"Ich hab' Hunger"

"Man möchte sie eigentlich beschützen", hatte Lenas Mutter gesagt, als Heidi Klum sie nach ihren Gefühlen beim Finale fragte. Beschützen, aber wovor? Es läuft doch alles wie geschmiert. Verliererin Jennifer hat Verträge, über die sie noch nicht sprechen darf. Yvonne wird Cover-Girl des nächsten Heine-Katalogs und fliegt morgen zum Shooting nach Miami. Und Siegerin Lena Gercke steht auf der Bühne und posiert ein letztes Mal an diesem Abend für die Fotografen.

Sie lächelt, sie kreuzt die Arme über dem Kopf, sie schürzt die Lippen und erträgt klaglos das alberne Wams, das der Modesponsor ihr aufgezwungen hat. So etwas tragen sonst nur Kellner und die Äffchen auf den Leierkästen. Das also ist nicht der Grund, warum Lena am Ende nicht so glücklich aussieht, wie sie eigentlich sein müsste. Es ist spät, die Crew räumt das Studio, Köln-Ossendorf will schlafen. Heidi Klum gähnt hinter vorgehaltener Hand, Guido Knopp, "Planen-Pütz" und die Mädchenträume haben Feierabend. "Ich kann nicht mehr", quengelt das Topmodel mit kleiner Mädchenstimme, "ich hab' Hunger".