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Götz George: Sein letztes großes stern-Interview

Götz George spielte 2013 in dem Doku-Drama "George" seinen Vater Heinrich. Es war eine seiner letzten großen Rollen. Mit dem stern sprach er damals über das schwierige Verhältnis zu Heinrich George.

Götz George

Götz George 2013 beim stern-Interview in einem Kölner Hotel

Im Juni 2013 traf sich Götz George mit dem stern. Die Redakteure Oliver Creutz und Stefan Schmitz sprachen mit dem Schauspieler über seine Rolle im Doku-Drama "George". Darin geht es um Götz Georges Vater, den Schauspieler Heinrich George, der sich mit den Nazis gemein machte und mit seinem Leben bezahlte. Zum Tod von Götz George veröffentlichen wir das Interview erneut.

Herr George, Sie haben sich viele Jahre lang geweigert, Ihren Vater Heinrich zu spielen. Nun haben Sie sich umstimmen lassen. Für die ARD drehen Sie das Doku-Drama "George". Sind Sie froh, dass Sie es endlich hinter sich gebracht haben?

Nein, es war zwar eine anstrengende Arbeit, aber ich habe noch nie eine solche Zuwendung von allen Beteiligten erfahren. Alle vom Regisseur bis zu den Statisten haben gemerkt: Da spielt jemand um sein Leben, das ist der Heinrich George, und sein Sohn versucht, ein Teil seines umfassenden Lebens zu retten. Deswegen kniet der sich so rein.

Was hat Sie angetrieben?

Ich will den Vater schützen, ich will sein Bild schützen.

Der Regisseur des Films, Joachim Lang, hat erzählt, dass Sie gegen Ende der Dreharbeiten nicht mehr geschlafen haben.

Wie hatten nur 21 Drehtage, da mussten wir ranklotzen. Ich habe aus Erschöpfung gezittert und konnte nicht mehr schlafen. Eigentlich ein gutes Zeichen. Die Rolle war mir wichtig.

Sind Sie Ihrem Vater näher gekommen im Laufe der Arbeit?

Nein, der stand wie eine Eins. Dieser Vater war komplexartig immer da. Ich wusste über seinen Tod, sein Schicksal, seine begnadete Kunst, seinen überbordenden Einsatz für das Theater, seine Liebe zur deutschen Sprache. Ich wusste alles über ihn – durch die vielen Erzählungen, die ich über ihn gehört hatte, etwa von seinen Kollegen wie Werner Krauß und Will Quadflieg. Die waren bei uns zu Hause, da wurde nur über George geredet.

Götz George in "George"

Szene aus dem Dokudrama "George": Heinrich George (Götz George) wird von Goebbels (Martin Wuttke) unter Druck gesetzt.

Der Film zeigt überwiegend den öffentlichen George, sein Familienleben kommt nur am Rande vor.

Das ist auch unwichtig. Wir wollten den Fall eines großen Schauspielers in einer Diktatur erzählen: Was passiert mit einem Menschen? Wir wollten über den Menschen erzählen, der völlig blauäugig in die Zusammenarbeit mit den Nazis rein gegangen ist. Der Kompromisse gemacht hat, um spielen zu können. Er war ein völlig naiver Mensch.

Einmal begegnet Heinrich George seinem Sohn Götz am Tor des Lagers Hohenschönhausen. Eine Szene wie im Spiegelkabinett: Sie als Ihr Vater nehmen sich selbst, dargestellt von einem kleinen Jungen, in den Arm.

Ich habe keinerlei Erinnerung an die wirkliche Begegnung. Da war ich erst sieben Jahre alt. Ich habe die so schöne Beschreibung meiner Mutter nachgespielt, die sie in Ihrer Biografie verfasst hat.

Götz George: Vater, Ehemann - und immer wieder Schimanski: Bilder seines Lebens
Götz George als Schimanski

Der große Götz George ist im Alter von 77 Jahren gestorben. Er gehört zu den prägenden Schauspielern der Nachkriegszeit und wirkte mehr als 60 Jahre lang, von den 50er Jahren bis ins neue Jahrtausend. Im Laufe seines Lebens gewann er zahllose Publikums- und Kritikerpreise, darunter mehrfach den Deutschen und den Bayrischen Filmpreis, Bambis, Grimme-Preise und sogar die Coppa Volpi bei den Filmfestspielen in Venedig. Er prägte die Film- und Fernsehgeschichte der Bundesrepublik wie kein Zweiter, spielte viel Theater, drehte mit fast allen großen Regisseuren.

Und dennoch überstrahlte eine Rolle alles andere: Als fluchender und prügelnder "Tatort"-Ermittler Horst Schimanski war er in 29 Auftritten zwischen 1981 und 1991 so populär wie umstritten. Es war die Rolle, von der er nicht mehr loskommen sollte - und wollte. Sechs Jahre nach seinem Ausscheiden aus der "Tatort"-Reihe kehrte er 1997 als Schimanski in der gleichnamigen Serie auf den Bildschirm zurück. 

Ihr Vater ist im Lager gestorben. Sie haben später gesagt: "Ich war erst einmal erleichtert, als es hieß, er kommt nicht mehr zurück".

Ich war immer einem Druck ausgesetzt, und der war nun plötzlich weg. Ich wurde nach der alten Zucht und Ordnung immer vermöbelt, wenn ich etwas Falsches gemacht hatte. Da bekam ich schon mal die Striemen auf den Hintern. Die Trauer setzte bei mir ein halbes Jahr später ein. Erst da habe ich gemerkt, dass er für immer weg ist. Das kam langsam. Mit elf oder zwölf habe ich dann zum ersten Mal seine Filme gesehen und gedacht: Was habe ich nur für einen Vater gehabt!

Heinrich George galt als der größte Schauspieler seiner Generation. Er hätte überall Karriere machen können. Trotzdem ist er nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland geblieben. Warum?

Mein Vater war ein nationaler Mensch, ein Pommer, erdig, ein Mann, der sein Land liebte. Er war in Hollywood und wurde gefeiert wie ein Halbgott und schrieb wehklagende Briefe, in denen steht: "Das ist ein Land ohne Kultur, bitte lasst mich nach Hause." Er hat gespürt, das hat nichts damit zu tun, was er sich mir vorgenommen hatte zu sein. Er wollte ein – im Wortsinne – aufrechter Deutscher sein.

Im Film sagen Sie: "Vater war besser, er war besessener". Ist es nur ein Glück, derart vom Schauspiel besessen zu sein?

Wenn du so besessen bist, nimmst du alles in Kauf. George wollte immer spielen, sogar im Lager, überall. Er hat morgens Proben gehabt am Theater, ist mittags abgeholt worden zu Filmaufnahmen, abends ist auf die Bühne gegangen. Nicht vorstellbar für mich! Ich bin tot nach einem Drehtag.

Geht das Leben verloren, wenn man nur spielt?

Zu spielen ist das pralle Leben. Das bleibt nicht ungestraft. Mein Vater hat sich überschätzt in allem, in seiner Kunst, in seiner Kraft. Er hat getrunken bis zum Umfallen, aber er hat gesagt: "Ich darf nicht das Publikum enttäuschen." Er wusste immer, wann er eine Aufgabe hatte. Dann hat er den Alkohol ausgedünstet. Er brauchte eine kurze Nachtruhe. Ich musste ihn morgens aufprügeln, bis er aufgewacht ist. Aber dann war wieder da.

Woher kam diese Lebensgier?

Sicherlich liegt die auch in seinen Erlebnissen als junger Soldat im Ersten Weltkrieg. Außerdem hat er wohl gemerkt, dass er diesen Lebenswandel nicht lang durchhalten wird. Deswegen hat er komprimiert gelebt. Der muss es gespürt haben, dass er nicht alt wird. Er ist zu früh gestorben, er hätte 10 Jahre länger leben können, aber 90 wäre er nicht geworden.

Wer konnte ihrem Vater Einhalt gebieten?

Niemand. Für meine Mutter war mein Vater wie eine Naturgewalt. Er war der Patriarch. Das hat funktioniert. Meine Mutter hat mit der größten und liebevollsten Anerkennung von ihm gesprochen, und sie hat nach seinem Tod nicht wieder geheiratet. Ich habe versucht, ihm nachzueifern in seiner Redlichkeit und in seiner Spiellust. Ich lebe ein völlig introvertiertes Leben, er ging auf Menschen zu. Da ist der Scheidepunkt. Ich wollte ein guter Schauspieler werden – aber niemals populär. Ich wollte kein Lob und keinen Tadel. Ich habe mich selbst gewertet. Ich habe die Zuneigung, die schon früh auf mich einströmte, nicht zugelassen. Wenn jemand gesagt hat: "Mensch, waren Sie gut", habe ich geantwortet: "Ja, das weeß ick."

In "Hitlerjunge Quex" von 1933 spielt Ihr Vater, der in der Weimarer Republik mit den Linken sympathisierte, einen Kommunisten, der seinem Sohn die "Internationale" einprügelt. Warum hat er das gemacht?

Die Rechnungen mussten bezahlt werden. Der hat sich keinen politischen Kopf gemacht. Er hat sich gesagt: "Scheiß Buch. Ich zeige euch, wie man das richtig spielt."

Ihr Vater muss doch den Konflikt gespürt haben, in den er sich mit dem "Quex" begeben hat.

Ja, der Mensch ist voller Widersprüche. George lebte in einer Diktatur, die er ablehnte, weil er gesehen hat, dass die Machthaber allesamt schlechte Schauspieler sind. Sie glauben doch nicht, dass ein so begnadeter Schauspieler wie George eine Hitler-Rede über sich ergehen lässt, ohne zu sagen: "Das ist ja fürchterlich. Das halte ich nicht aus."

Ihr Vater hat Hitler aber auch gelobt. Wir haben mehrere Zitate...

Jetzt zitieren Sie nicht ständig! Dann kommen wir von der Wahrhaftigkeit weg. Das ist doch nur punktuell.

Wie weit kann sich ein Künstler von dem Inhalt lösen, dass er sagt, es geht mir nur um den Auftritt?

Was hätte er denn machen sollen? Wenn er bei "Jud Süß" oder "Kolberg" nicht mitgemacht hätte, hätten sie ihn eingesperrt oder rausgeschmissen. Er wollte im Land bleiben! Werner Krauß durfte nach dem Krieg übrigens weiterspielen – trotz seiner Rollen in "Jud Süß". Besser und komödiantischer kann man die Juden in "Jud Süß" gar nicht spielen. Darüber habe ich wahnsinnig gelacht – auch wenn man das gar nicht darf. Der spielt neun Juden in dem Film! Dann sehe ich den Hauptdarsteller Ferdinand Marian, und dann schaue ich mir den gesamten Film an und denke: "Mann, sind die alle gut!" In dem Moment bin ich kein politisch oder historisch denkender Mensch, dann schaue ich mir nur die Schauspielerei an. Mein Vater war simpel im Kopf, was Politik angeht. Der hatte gar keine Zeit für Politik. Der würde Ihnen heute nicht beantworten können, warum er da mitgemacht hat.

Ihr Vater hat im Radio Durchhalte-Parolen gesendet.

Wir müssen doch nicht auf jedes Detail eingehen, wir reden über einen Film. Ich muss nicht meinen Vater erklären oder ihn verteidigen. Ich bin Götz George und habe versucht, meine Karriere höchst unpolitisch aufzubauen. Schauspieler, die sich in Politik einmischen, haben entweder zu wenig zu tun oder sie machen sich wichtig. Ich will nur wissen, ob es uns gelungen ist, 115 Minuten Film spannend zu füllen.

In "Kolberg", einem Durchhalte-Film, der kurz vor Kriegsende in die Kinos kam, spricht Ihr Vater Dialogzeilen, die Joseph Goebbels geschrieben hat. Man kann sagen: Ihr Vater hat den Dreck von Goebbels aufgewertet.

Er konnte nicht schlecht spielen. Er hat eine Aufgabe gehabt und die hat er erfüllt, aus einem Spieltrieb heraus. Er hat nicht gefragt: "Was könnte daraus erwachsen?" Er hat die Politik so weit wie möglich aus seinem Leben gedrängt. Jetzt können Sie sagen: "Das darf er nicht." Ja, dann hätte er weggehen müssen.

Die Russen, die Ihren Vater ins Lager sperrten, warfen ihm vor, er habe an der Kampagne zur Fortsetzung des Krieges mitgewirkt.

Klar besitzt ein Schauspieler Macht. Aber ich bin mir nicht sicher, dass meinem Vater diese Macht bewusst war. Er war ein emotionaler Mensch, der wahrscheinlich gar nicht gemerkt hat, was er da anrichtet. Der konnte nicht schlecht sein. Das ist die Aufgabenstellung eines Schauspielers. Wir zeigen in dem Film, wie George sich verteidigen musste vor dem russischen Offizier. Er hat das so ehrlich wie möglich gemacht. Er sagte: "So war's halt." Er wusste, dass er büßen musste. Er hat aus dem Lager geschrieben: "Das muss ich durchstehen, das ist wohl rechtens." Auch da war er aufrecht.

Warum, glauben Sie, musste gerade Ihr Vater büßen, als andere nach dem Krieg längst wieder auftraten?

Weil er der Berühmteste war. Er hatte die größten Neider, und einige davon haben ihn denunziert. Das sehe ich doch an mir! Was wird über mich nicht alles gesagt. Dabei mache ich meine Arbeit und ziehe mich ansonsten nach Sardinien zurück. Mein Vater hat den höchsten Preis dafür bezahlt: Er hat sein Leben im Lager gelassen.

Für den "George"-Film haben Sie und Ihr Bruder Jan reale Orte aufgesucht, etwa das Lager Sachsenhausen, in dem Ihr Vater starb.

Ich habe mir das angesehen und gesagt: "Das ist eine schöne Scheiße." Aber ich wollte als Schauspieler keine Gefühl an mich heran lassen. Als Privatmann ja, da fange ich an zu heulen. Aber ich wollte kein Theater machen. Ich wollte da schnell wieder weg, das war für mich ein schlechter Ort. Ich wollte keine Verlogenheit zulassen. Ich habe das gesehen, kann es aber nicht mehr nachvollziehen. Da ist alles sauber gemacht, da werden Leute durchgeführt.

Außerdem suchen Sie das Haus Ihrer Kindheit auf, die George-Villa am Wannsee. Nach der Besatzung durch die Amerikaner mussten Sie zuerst in den Keller ziehen, später die Villa ganz verlassen.

Wir wurden enteignet. Die Amerikaner haben gesagt, da setzen wir unser Quartier rein. Das war alles korrekt und fair.

Ihre Mutter musste mit ihrer Trauer um den Mann fertig werden, sie musste zwei Söhne groß ziehen, zum ersten Mal in ihrem Leben einen Haushalt führen. Sie haben einmal gesagt: "Meine Mutter war völlig überlastet."

Es fehlte an allem. Wir hatten nichts mehr. Auch deswegen ist meine Bewunderung für diese Mutter so groß. Die ist von einem Extrem ins andere gefallen. Sie musste sich auf einmal um einen Job buhlen, sich um alles kümmern, die Kinder ernähren. Das war ungewohnt für sie, weil sie total verwöhnt war. Sie hat das bravourös gemacht.

Welche Aufgaben des Vaters haben die Söhne übernommen?

Aufgaben eigentlich keine. Aber ich habe alles für meine Mutter gemacht. Den Beruf habe ich so preußisch-ordentlich verrichtet, weil ich wusste, ich gefalle ihr. Ich musste irgendwas aufholen. Da ist ein Mann weggebrochen, der Beruf, der Wohlstand – alles weg. Deswegen war die Verbindung so stark. Sie hat mich zu jeder Premiere mitgenommen. Ich habe alle Schauspieler kennengelernt. Ich bin groß geworden unter den Großen. Und keiner von ihnen sprach je ein negatives Wort über meinen Vater.

Haben Sie sich als Junge die Frage gestellt: Warum leben die Kollegen des Vaters noch, er aber nicht?

Das war immer die Frage, immer. Ich bin ja froh, dass die anderen gelebt haben. Aber trotzdem: Warum gerade er? Werner Krauß und Gustav Gründgens waren schnell rehabilitiert, Heinz Rühmann und Hans Albers machten eine Riesenkarriere. Die ganze Gülle wurde auf George geschüttet, den Toten. Er konnte sich nicht wehren.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn der Vater das Lager überlebt hätte?

Kein Schauspieler. "Ein Genie in der Familie reicht", hat Vater gesagt. Er hätte sich für seine Söhne geniert und sich entschuldigen müssen. Er hat zu meiner Mutter gesagt: "Die Jungs können alles werden, Zahnarzt, der beste Geiger – ich zahle alles." Ich habe mein erstes Stück im Alter von elf gespielt, da hat meine Mutter gesagt: "Vielleicht ist er doch nicht so unbegabt." Da durfte ich weitermachen.

Nach dem ersten Auftritt fragten Sie Ihre Mutter: "War ich so gut wie Heinrich?"

Daran sehen Sie, wie sehr ich mich mit dem Vater befasst hatte.

Ist Heinrich George für Sie vor allem ein künstlerisches Vorbild, oder sehen Sie ihn als Teil der Familie an?

Er war immer der Leitwolf, der vor mir her gegangen ist. Ich strebte stets danach, ihn zu erreichen. Seine Kollegen hoben seine Charaktereigenschaften hervor: seine Zivilcourage, seine Großzügigkeit, seinen Humor, seine Wahrhaftigkeit.

Wie spielt man wahrhaftig?

Man muss Gefühle zulassen. Man muss geradelinig sein. Beim Drehen habe ich gemerkt: "Ich bin Vater. Er hat mir das überantwortet. Er hat mir gewisse Dinge gegeben." Ich spreche auf einmal wie mein Vater, ich bewege mich wie mein Vater. Das sind die Gene. Er hatte ein komödiantisches Talent, dem bin ich nachgeeifert. Ich spiele nicht nur mich selbst. So habe ich Ende der Siebziger den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß gespielt und wenige Jahre später den Schimanski. Warum? Weil man mir beide Rollen zugetraut hat.

Wie oft haben Sie sich später erneut die Frage gestellt: "War ich so gut wie Heinrich?"

Irgendwann war klar, dass das nicht zu erreichen ist. Das ging ja auch kaum. Die Zeit ist ja eine völlig andere. Diese Zuwendung, die George vom Publikum bekommen hat, die gibt es gar nicht mehr. Es gab nur Theater und Film, da hatte das Theater einen ganz anderen Stellenwert. Berlin war das Zentrum, da wollten alle hin. Und dort war er. Der Beste, der Größte. Da gibst du irgendwann auf. Ich habe mir gesagt: "Hoffentlich kommst du irgendwie durch."

Glauben Sie, dass Sie ein realistisches Bild von ihm haben?

Wenn er jetzt hier rein käme, würden wir uns alle wundern. Sie würden ihn akzeptieren. Alles würde wegfallen, was Sie gefragt haben. Sie würden gar nicht analysieren wollen, sondern sagen: "Okay, wir haben verstanden."

Der Blick von Ihnen, dem Sohn, auf den Vater ist uns sehr sympathisch. Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, dass dieser große Künstler im April 1945 stündliche Todesbereitschaft und eiserne Männlichkeit gefordert hat.

Es geht mir um den Menschen, nicht um die Analyse. Die bringt uns nicht weiter. Sie sind hier mit einem eher naiven Menschen und einem guten Schauspieler verabredet. Wir nehmen uns alle viel zu wichtig. Ich bin nicht mehr so wichtig, wie Heinrich George es war, und der stern ist nicht mehr so wichtig, wie er es zu Zeiten von Henri Nannen war. Wir reden hier so auf mittlerem Niveau. Unsere Zeit ist mittelmäßig. Was wir machen, ist Mittelmaß. Früher waren die Maler besser, die Schriftsteller, die Musiker, die Schauspieler.

Wir würden Sie nicht als mittelmäßig bezeichnen; und Ihr Werk auch nicht.

Was heißt denn Werk? Das ist kein Werk, das war eine berufliche Aufgabenstellung. Die habe ich mit großem Engagement und auch mit Talent und Können erfüllt. Und mit der kleinen Power, die immer unsichtbar war: meinem Vater. Wenn ich in der Kulisse stand und vor dem Auftritt gezittert habe, dann sagte ich: "Mensch Alter, hilf mir." Und kurz darauf wundere ich mich über mein Verhalten: "Was machst du denn?!"

Interview: Oliver Creutz und Stefan Schmitz