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Britisches Königshaus: Prinz Andrew und der Skandal um Jeffrey Epstein

Der Lieblingssohn der Queen und der Mädchenhändler Jeffrey Epstein: Welche Seilschaften gibt es zwischen den beiden? Es könnte mal wieder unappetitlich werden im britischen Königshaus.

Von Catrin Bartenbach ud David Baum

Großbritannien: Prinz Andrew und der Skandal um Jeffrey Epstein

Mummy’s Darling: Prinz Andrew, heute 59, scheint sorgenfrei, als er am Sonntag, 11. August, mit der Königin in Balmoral zur Kirche fährt

Kommendes Jahr wird Königin Elisabeth II. einen weiteren Altersrekord brechen und den mit 68 Regentschaftsjahren zuletzt führenden Kaiser Franz Josef I. hinter sich lassen. Auch der alte Mann im Jahrhundertwende-Wien war familiären Gram gewöhnt – darunter einen libidinös überambitionierten Selbstmördersohn und eine spleenbegabte Ehefrau. Die Nachricht vom gewaltsamen Tod seiner Sisi soll er mit den Worten "Mir bleibt auch gar nichts erspart auf dieser Welt" quittiert haben.

Ähnliches könnte sich die 93-jährige Königin Großbritanniens gedacht haben, als in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass ihr zweitgeborener und angeblich liebster Sohn Prinz Andrew in eine extrem unappetitliche, hochkriminelle Affäre verwickelt sein soll.

Es geht um die Freundschaft zum inzwischen auf eigene Initiative aus dem Leben geschiedenen Multimillionär und früheren Betreiber eines Pädophilen-Sexrings, Jeffrey Epstein, der seine letzten Wochen im Gefängnis zugebracht hatte. Und die recht konkreten Anschuldigungen einer gewissen Virginia Roberts, verheiratet Guiffre, als 17-Jährige von Prinz Andrew dreimal sexuell missbraucht worden zu sein. Eine unangenehme Sache, die das Zeug hat, die britische Königsfamilie erneut in schweren Misskredit zu bringen.

Unschuldsvermutung für Prinz Andrew

Doch Moment: Es gilt die Unschuldsvermutung. Auch für einen englischen Prinzen, der sich mit diversen Eskapaden den zweifelhaften Spitznamen "Randy Andy" (scharfer Andy) eingehandelt hat. Am vergangenen Wochenende veröffentlichte das Königshaus eine offizielle Erklärung, in der Andrew, der als Herzog von York firmiert, die Vorwürfe von sich weist – kleinlaut und die eigene Verantwortung abstreitend. Nur aufgrund der "immensen Anzahl an Medienspekulationen" müsse er sich zu Wort melden, schreibt er. "Unregelmäßig und möglicherweise ein- oder zweimal im Jahr" habe er Herrn Epstein getroffen und in seinen Residenzen genächtigt. Niemals sei er "Zeuge von Handlungen geworden" oder habe "auch bloß den Verdacht gehabt" von all den hässlichen Dingen, die zur Anklage oder Verurteilung Epsteins geführt hätten. Er habe "enormes Mitgefühl" mit all jenen, die durch Epsteins Taten und Verhaltensweisen in Mitleidenschaft gezogen worden seien. Beinahe möchte man meinen, Andrew selbst sei es, der das Mitgefühl der Welt verdient, ganz ohne eigenes Verschulden an einen falschen Freund geraten zu sein, der nebenberuflich die pädophilen Gelüste diverser Reicher und Berühmter versorgte. No York, no York – so macht man das nicht.

Überhaupt scheint Andrew Mountbatten-Windsor gern mit seinem Schicksal zu hadern. Dem Mailverkehr eines Literaturagenten, der offenbar ebenfalls die Gesellschaft Epsteins und seiner jugendlichen "Mitarbeiterinnen" genoss, ist eine rührende Szene zu entnehmen. In dieser soll Andrew die Zumutungen des royalen Daseins und der protestantischen Prüderie Nordeuropas beklagen, während ihm eine russische Dame eine Fußmassage angedeihen lässt. Epstein direkt daneben im Trainingsanzug und ein anderes Fräulein zu Füßen, Andrew im adretten Anzug mit Hosenträgern vom Laisser-faire des Südens schwadronierend. Dort lebe nämlich ein Fürst namens Albert in paradiesischen Umständen, wo man es nach Feierabend ganz anders krachen lassen könne. "Wenn ich das Gleiche mache, bekomme ich großen Ärger" , wird der Prinz zitiert.

Epstein-Fall vor Gericht: Mutmaßliches Opfer bekräftigt Vorwürfe gegen Prinz Andrew

Großen Ärger hat er nun zur Genüge. Es geht um keinen Ausrutscher, keine geleakte sexuelle Auffälligkeit wie die des älteren Bruders und Thronfolgers Charles, der zitiert worden war, von einer Existenz als Tampon zu träumen. Die Sache Epstein hat das Zeug zur Staatsaffäre. Mit Donald Trump und Bill Clinton verkehrten gleich zwei US-Präsidenten in Epsteins Kreisen, Gerichte werden klären, was davon strafrechtlich relevant sein könnte. Das FBI wird vermutlich darauf bestehen, dass Prinz Andrew zur Sache aussagt. Es ist ein bisschen kompliziert. Generell genießt er diplomatische Immunität, aber bei privaten Unternehmungen, zu denen der Besuch von Orgien sicher zählte, eher nicht – so regelt es das Haager Beweisübernahme-Abkommen von 1970, das sowohl die USA wie auch Großbritannien unterzeichnet haben.

Der Ansehensverlust der Royals im eigenen Land ist schon jetzt beträchtlich. Das Boulevardblatt "Daily Mail" veröffentlichte ein Video, das Andrew dabei zeigt, wie er eine Tür von Epsteins herrschaftlicher Stadtvilla von innen öffnet und im Morgengrauen eine brünette Frau verabschiedet und ihr verzückt hinterherwinkt. Angeblich die Tochter eines früheren australischen Premiers.

Das ist kein Verbrechen, aber zu einem Zeitpunkt aufgenommen, als Jeffrey Epstein bereits rechtskräftig wegen sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen verurteilt war. Überhaupt wirken all die Beteuerungen von Clinton, Trump und Windsor, keinen Hauch der Ahnung von Epsteins Treiben gehabt zu haben, nicht sonderlich glaubwürdig, liest man einige der Interviews, die dieser gegeben hatte. Etwa vor einem Jahr erzählte Epstein einem Reporter der "New York Times" freimütig, dass er Minderjährige zur Prostitution angestiftet habe, und er tut so, als bildeten Pädophile nur eine weitere sexuelle Minderheit, die wie Homosexuelle früher oder später akzeptiert werde. Recht unwahrscheinlich, dass Epstein solche Ansichten seinen Promifreunden vorenthielt.

Verstrickungen

Zudem geht es nicht nur um eine gesellschaftliche Nähe zu Menschen, mit denen man sich besser nicht abgibt. Es geht ebenso um wirtschaftliche Verstrickungen des Prinzen, erhebliche finanzielle Zuwendungen – um daraus resultierende Abhängigkeiten. Da wäre etwa die fragwürdige Entscheidung, sein früheres Zuhause Sunninghill Park für drei Millionen Pfund über dem Marktwert an einen gewissen Timur Kulibajew zu verkaufen, den Schwiegersohn des kasachischen Präsidenten. Und immer wieder auch die maßlosen Bedürfnisse seiner Ex-Frau Sarah Ferguson mit zweifelhaften Kontakten zufriedenzustellen, etwa der Zuwendung von 200.000 Pfund an diese durch den Hongkonger Tycoon Johnny Hon für "Marketing und Werbung".

Dieser Generation von Royals scheint das Gespür zu fehlen, dass die Zukunftsfähigkeit ihres Geschäftsmodells stark davon abhängt, von der eigenen Bevölkerung gemocht zu werden.

Die Windsors tun indessen, was sie am besten können: Sie winken freundlich. Queen Elizabeth zeigte sich demonstrativ mit dem in Verruf geratenen Sohn in der königlichen Limousine auf dem Weg zur Kirche in Balmoral. Auf Mummy ist Verlass, bloß in einem hat sie offenbar gründlich versagt: die Koordinaten ihres eigenen Erfolgs wenigstens in Ansätzen an die eigenen Kinder weiterzuvermitteln.

Dabei hatte ausgerechnet Andrew als jener der drei Söhne gegolten, der dieses Leben an unverschuldet öffentlicher Position am besten zu meistern weiß. Er trat meist fesch auf und schien mit einem sonnigselbstbewussten Naturell ausgestattet, das nicht von allzu auffälliger Intellektualität getrübt werden könnte. Als Berufssoldat in der Royal Navy schaffte er es im Einsatz auf den Falklandinseln sogar zum Kriegshelden – im Gegensatz zum jüngeren Bruder Edward, der nicht einmal die Ausbildung zum Marinesoldaten durchstand.

Es folgte jene Phase, die ihm den Ruf einbrachte, "Randy Andy" zu sein, und auf deren Verfilmung sich die Macher der Netflix-Serie "The Crown" über die royale Familie sicher bereits freuen. Unter anderem trat in dieser Zeit auf: ein Softporno-Star namens Koo Stark als kecke Freundin des Prinzen.

Nach der Hochzeit mit Sarah Ferguson und der Geburt zweier Töchter sah aber alles wieder herrlich aus. Wäre da nicht jene tödliche Langeweile gewesen, dieses Gefühl der eigenen Sinnlosigkeit, die offenbar viele derer befällt, die einer dieser Familien angehören, in der nur einige wenige dazu ausersehen sind, dem vorbestimmten Beruf nachzugehen: König oder Königin zu werden nämlich. Bei Andrew müssten gleich sieben Verwandte sterben, damit er zum Zuge käme. Für alle anderen gilt: nett sein, unauffällig bleiben.

Großbritanniens Ansehen

Es sollte nicht klappen. Auf der Suche nach einer sinnvollen Aufgabe begnügte Andrew sich nicht mit repräsentativen Pflichten im Dienste der Monarchie, sondern reiste zehn Jahre lang im Auftrag der britischen Regierung als Handelsbotschafter um die Welt – und verlor dabei offenbar aus den Augen, dass er das Ansehen Großbritanniens vermehren sollte und nicht das eigene Vermögen. 2011 musste er den Posten schließlich aufgeben. Was der Herzog von York leider nicht zur inneren Einkehr nutzte.

Offenbar hat sich da über die Jahre eine Menge Frust angesammelt – oder auch das Gefühl, keine Grenzen mehr berücksichtigen zu müssen. Davon erzählt eine Begebenheit aus dem März 2016, da Andrew in einem schwarzen Range Rover durch die gewundenen Straßen der britischen Grafschaft Berkshire sauste. Er war auf dem Weg nach Hause, in eine feudale Villa nahe Schloss Windsor. Wie immer nahm er die Abkürzung, die durch einen Wildfangzaun gesperrt ist, der sich aber per Sensor öffnen lässt. Doch der war diesmal kaputt. Also trat der SUV-Fahrer fest aufs Gaspedal, um den robusten Range Rover sein Geschäft verrichten zu lassen. Zurück blieben ein zerschmetterter Metallzaun, ein beschädigter Jeep – und eine weitere Delle im öffentlichen Ansehen.

Auch deshalb plant Bruder Charles für die Zukunft ein umgestaltetes Königshaus, das sich nur noch auf die wenigen handelnden Persönlichkeiten beschränkt; der Rest möge seiner Wege gehen und in bürgerlichen Berufen glücklich werden.

Skandale und Tragödien in der Familie, politisch schwierige Zeiten und eine Monarchie, die einem unter dem Allerwertesten zu zerfallen droht – so blickte Kaiser Franz Joseph 1916 auf sein Reich und sein Leben. Kurz darauf verstarb er. Vermutlich hätte er nicht im Traum angenommen, dass alles, was ihm wichtig war, in Kürze in Trümmer fallen könnte. Manchmal geht es schneller, als man denkt.