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Hape Kerkeling: Ich bin dann mal Horst

Unrasiert, unverschämt - und ungeheuer beliebt: Horst Schlämmer wird Kinoheld. Der Mann hinter der Maske macht sich derweil rar. Ein Porträt von Deutschlands Volkskomiker Hape Kerkeling.

Von Alexander Kühn

Er ist dann mal wieder weg. Keine Auftritte, keine Interviews. Als wäre nur Platz für einen von beiden. Der sanfte Herr Kerkeling, in Gesprächen zurückgenommen, selbstkritisch und ein interessierter Zuhörer, hat Sendepause. Seine Vertretung drängt mit Penetranz in die Öffentlichkeit, ein Schmierlappen, distanzloser Grabscher, notorischer Trinker.

Horst Schlämmer, vorgeblich stellvertretender Chefredakteur des "Grevenbroicher Tagblatts", will Kanzler werden anstelle der Kanzlerin. Davon erzählt der Kinofilm "Isch kandidiere", in dem Kerkeling nicht nur Schlämmer spielt, sondern auch Angela Merkel. NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers tritt auf als er selbst: echter Wahlkampf im falschen. Die Wirklichkeit wird zur Lustspielkulisse, die Frage nach Authentizität zur Nebensache.

Hape Kerkeling macht den Horst, und alle machen mit. Bei einer Pressekonferenz in einem Berliner Hotel stellte Schlämmer vorige Woche sein Wahlprogramm vor: Sonnenbank für alle, Abschaffung der Flensburger Punktekartei, der Bundeshase wird Wappentier. Dazu ein heiseres Lachen, ein säuisches Grunzen. Die Fotografen hinter der Absperrung rufen: "Herr Kanzler! Hierher!" Als einer von ihnen kräht: "Hape, bitte lächeln!", gibt es vom Nebenmann auf den Deckel: "Det is doch der Horst!"

Kreuzchen für Schlämmer

Im Juni führte der Stimmenfang Schlämmer ins real existierende Grevenbroich, wo man das "i" im Stadtnamen korrekterweise nicht spricht, es dehnt lediglich das "o". Schlämmer trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein, Bürgermeister Axel Prümm hielt eine launige Rede auf den "lieben Horst", den "Sohn der Stadt". Vor drei Jahren hatte er die Diskussion um eine mögliche Ehrenbürgerschaft Schlämmers angestoßen, doch die Gemeindesatzung sieht so etwas nicht vor. Prümm schwärmt: "Das Marketing, das Schlämmer uns beschert, könnten wir gar nicht bezahlen."

Stünde die HSP, die Horst-Schlämmer-Partei, am 27. September tatsächlich zur Wahl, schnitte sie vermutlich besser ab als jede Piraten-, Bayern- oder violette Partei. 18 Prozent der Deutschen könnten sich vorstellen, für Schlämmer ihr Kreuzchen zu machen, das hat eine Forsa-Umfrage für den stern ergeben. Er ist der, dem jeder schon einmal begegnet ist, in der Kneipe, bei Aldi, in der Verwandtschaft. Den Erwachsenen ersetzt er die Pippi Langstrumpf und den Pumuckl ihrer Kindheit: Der Mann mit dem Überbiss darf sich alles erlauben, was einem die eigene Erziehung verbietet. Wer zu Karneval als Schlämmer geht, hat eine Ausrede für jedwedes unbotmäßige Benehmen, "Schätzelein, weiße Bescheid".

Ein Besuch von Schlämmer garantiert die planmäßige Sprengung jeder Veranstaltung. Wo er hinkommt, wird die Welt zur Horst-Schlämmer-Show. In "Wer wird Millionär?" machte er den Gastgeber kurzerhand zum Kandidaten. Auf dem Sofa von "Wetten, dass ..?" rückte er Claudia Schiffer derart auf die Pelle, dass die ganz blass ums Näschen wurde. Es sah nicht so aus, als hätte sie begriffen, dass sie nur Teil einer Inszenierung war.

Das Verwandlungsritual

Vor vier Jahren war er plötzlich da, dieser Schlämmer, auf RTL stolperte er durch die Sendung "Hape trifft", als Karikatur auf alle unangenehmen Journalisten, die Kerkeling im Lauf der Jahre untergekommen waren. Der Name, so hört man munkeln, ist abgeleitet von Horst Klemmer, 72, der den einst blauen Bock Heinz Schenk managt und früher mit Kerkelings langjährigem Agenten Arno Müller zusammengearbeitet hat.

Für Kerkeling ist der Schlämmer eine Tortur. Die Perücke juckt, der Bart ziept. Die Zähne fallen ständig raus, der Mund tut weh. Die wenigen, die ihm einmal bei seiner einstündigen Verwandlung zusahen, berichten davon, als hätten sie einer religiösen Handlung beigewohnt. Am Ende der Zeremonie ist Kerkeling fast vollständig mutiert, nur der Mantel fehlt noch; wenn man ihn jetzt anspricht, antwortet er abwechselnd Kerkeling'sch und Schlämmer'sch, er changiert zwischen normaler Tonlage und dieser Stimme, die er irgendwo aus den Tiefen der Hölle hervorholt. Die Minuten zwischen beiden Welten hätten etwas "ganz liebenswert Schizophrenes", sagt Tom Sänger, der Unterhaltungschef von RTL. Vielleicht muss man sich das so vorstellen wie bei Norman Bates in "Psycho", der gleichzeitig er selbst ist und seine Mutter. Oder: Kerkeling, befallen von Dämonen.

Kerkeling hat einmal gesagt, der öffentliche Hape sei zu 50 Prozent immer Angelo Colagrossi. Der Italiener, der hastig spricht und mit Akzent, ist sein Co-Autor. Bei einigen Filmen führte er Regie, auch jetzt bei Schlämmer. Mit 17 hatte Kerkeling den fünf Jahre Älteren kennengelernt, in München, auf der Straße. Seither sind die beiden ein Paar. Sie haben nie verraten, ob sie verheiratet sind, zumindest tragen sie den gleichen Ring und benehmen sich wie ein altes Ehepaar. Wenn Kerkeling zu viel Schokolade in sich stopft, reißt Colagrossi ihm die Tafel aus der Hand, "mehr gibt's nicht". Das Buch "Ich bin dann mal weg", in dem er seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg schildert, hat Kerkeling ihm gewidmet: "der Liebe meines Lebens Angelo."

Weg nach oben

Am Anfang seiner Karriere war der öffentliche Hape immer auch ein bisschen Birgitt Reckmeyer. Damals Redakteurin bei Radio Bremen, wurde sie auf ihn aufmerksam, als er einen Kabarettpreis erhielt. 18 war er, sie lud ihn zu sich ein, den Rucksack geschultert stand er in ihrem Büro, sagte, er würde gern Pommes essen gehen. "Bildschön war er und gertenschlank", erinnert sich die 62-Jährige. "Er war so offen, er hatte etwas Kindliches." Schon damals hatte er Dutzende Sketche entwickelt. Er spielte sie ihr vor, manche hatten keine Schlusspointe, die entwickelten sie dann gemeinsam.

Für seine Fernsehshow "Total normal" engagierte Reckmeyer ihn gemeinsam mit seinem Schulfreund Achim Hagemann, mit dem er schon im Kinderzimmer Hörspiele aufgenommen hatte. Er war der Mann am Klavier, als Kerkeling mit seinem "Hurz"-Gesang das Bildungsbürgertum foppte. Dass die beiden fast den ganzen Vortrag über ernst blieben, ist der strengen Frau Reckmeyer zu verdanken, die sie dazu verdonnert hatte, so lange zu proben, bis sie selbst die Nummer nicht mehr lustig fanden.

Die Rolle des Störfalls in einer Festgemeinschaft, die heute Schlämmer zukommt, füllte Kerkeling damals selbst aus. Am Rande des SPD-Parteitags 1991 nervte er Johannes Rau und Willy Brandt, er wolle mal eben für den Parteivorsitz kandidieren. Er platzte singend in eine Butterfahrtgesellschaft hinein und verschenkte mitgebrachte Kaffeemaschinen, zur Gaudi der Senioren, zum Leidwesen des Veranstalters. Und überfiel als Erster Zuschauer zu Hause. Bei allen Frechheiten aber ließ er jedem seine Würde. Eher verzichtete er auf die Ausstrahlung, als die Gürtellinie zu unterschreiten. "Der Hape", sagt Achim Hagemann, "hat einen riesigen Respekt vor anderen Menschen."

In jungen Jahren

Es ist, als wäre dieser Hans Peter Kerkeling, geboren vor 44 Jahren in Recklinghausen, als Kind in einen Zaubertrank geplumpst, der ihn mit der Gabe ausstattet, von allen gemocht zu werden. Vielleicht war dieser Trank die Geborgenheit, die er bei seinen Großeltern fand, die den Achtjährigen, seinen Bruder und den Vater nach dem Tod der Mutter zu sich nahmen. Sie zogen ihn groß mit viel Liebe, Joghurt-Schokolade und gemeinsamem Fernsehen.

Sein erster Held war Peter Frankenfeld, der konnte zaubern und Dialekte imitieren. Bald begann Kerkeling, das Pummelchen mit der grässlichen Brille, seine Mitschüler zu unterhalten, indem er bei allen möglichen Gelegenheiten Quatsch-Russisch und Unsinns-Finnisch redete. Später, in "Total normal", lud er sich die Protagonisten aus Omas Fernsehen ein: Wim Thoelke, Maria Hellwig, Paul Kuhn. Bereitwillig machten sie jeden Quatsch mit, weil sie spürten, dass da einer nicht über sie lachte, sondern mit ihnen, und dass seine Guerilla-Aktionen allesamt Liebeserklärungen waren.

Zweimal dachte Kerkeling, seine Karriere sei zu Ende. 1991, nachdem er zum Niederknien die niederländische Königin Beatrix parodiert hatte; er fürchtete, etwas Besseres würde er nie mehr zustande bringen. Und wenige Monate später, als der Regisseur Rosa von Praunheim seine Homosexualität öffentlich machte. Doch tat das Kerkelings Beliebtheit keinen Abbruch, nicht einmal im fundamentalistischen Bayern, wohin ihn kurz darauf eine Tournee führte.

Humor mit Herz

Wenig später war die Fernsehkarriere tatsächlich im Orkus. Das Angebot, mit 26 Jahren "Wetten, dass ..?" zu übernehmen, hatte Kerkeling ausgeschlagen. Stattdessen hatte er zu RTL gewechselt, wo seine Show "Cheese", ein ziemlicher Käse, floppte. Erst die Show "Darüber lacht die Welt" brachte ihn wieder nach oben. Sein größter, weil unerwarteter Erfolg wurde sein Pilgerbuch, verfasst in kumpelhaftem Plauderton, 3,7 Millionen Mal verkauft.

Es lässt sich leicht erklären, warum ausgerechnet Hape Kerkeling so etwas ist wie Deutschlands Volkskomiker. Seinen Shows wohnt etwas Heimeliges inne. Er strahlt die Wärme aus, die Schmidt, Raab oder Pocher fehlt. Stets achtet er darauf, dass genügend Gags auf seine Kosten gehen; seine Stimme wird dann weinerlich, er bläht die Backen auf und schmollt. In Interviews erzählt er von seinem Übergewicht, seinem Kampf gegen die Nikotinsucht und davon, wie er beim Pilgern schummelte, indem er einen Teil des Jakobswegs mit dem Auto zurücklegte. Kerkeling ist die unterhaltsamste Verkörperung des Durchschnittsdeutschen.

"Ich bin dann mal weg" ist gerade in den USA erschienen, "I'm off then". Auf dem Buchcover wird erklärt, Kerkeling sei "one of Europe's most popular comedic entertainers". Die "New York Times" verdeutlichte seine Bedeutung so: Sein Buch habe sich 14-mal so oft verkauft wie die Erinnerungen von Günter Grass. Im September wird Kerkeling zur deutsch-amerikanischen Woche nach New York reisen, um es dort vorzustellen. Horst Schlämmer hat dann erst mal Pause.

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