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Schuldspruch in New York: Harvey Weinstein: Ein Experte für Sexualstrafrecht erklärt, was dem Filmmogul jetzt droht

Die Jury hat gesprochen und Harvey Weinstein der Vergewaltigung und der schweren sexuellen Nötigung für schuldig befunden. Der Sexualstrafrechtler Dr. Alexander Stevens erklärt, mit welchem Strafmaß der Filmproduzent nun rechnen muss.

Harvey Weinstein

Harvey Weinstein beim Verlassen des Gerichtsgebäudes in Manhattan.

AFP

Das Urteil kam für viele überraschend: Am Montag hatte eine Jury Harvey Weinstein in New York in zwei von fünf Anklagepunkten schuldig gesprochen worden: Vergewaltigung in einem minder schweren Fall und schwere sexuelle Nötigung. 

Welche Strafe dem Filmproduzenten nun droht, darüber bestimmt nun der Richter. Die Entscheidung wird am 11. März verkündet. Der stern sprach mit dem Anwalt für Sexualstrafrecht Dr. Alexander Stevens darüber, was Weinstein nun droht.

"Das Strafmaß beträgt für die Tat gegenüber Mimi Haley fünf bis 25 Jahre. Für die Tat hinsichtlich Jessica Mann erwartet ihn ein Strafmaß von null bis vier Jahren", so Stevens. "Das heißt: Der Richter kann Weinstein zu einer Haftstrafe von Minimum fünf und Maximum 29 Jahren verurteilen."

Harvey Weinstein wird lange einsitzen müssen

Selbst für den Fall, dass Weinstein "nur" zu fünf Jahren verurteilt wird, wird er eine ganze Weile einsitzen müssen, sagt der Strafrechtler und verweist auf ein Gesetz aus dem Jahr 1998, "Jenna's Law" genannt. Demnach müssen im Bundesstaat New York auch Ersttäter eines Gewalt- oder Sexualdeliktes 85 Prozent ihrer Strafe absitzen, ehe die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt werden kann." Das bedeutet im Klartext, dass Weinstein für mindestens drei Jahre und zehn Monate ins Gefängnis muss. 

Alexander Stevens

Dr. Alexander Stevens ist nicht nur spezialisierter Anwalt für Sexualstrafrecht (weit über 200 Sexualstrafverfahren pro Jahr), auch weiß der ehemalige TV-Anwalt (u.a. "Richter Alexander Hold"), wie es hinter den Kulissen von Filmproduktionen zugeht.

Wie hoch der Richter die Strafe dann tatsächlich ansetzen wird, richtet sich nach zwei Überlegungen, erklärt Stevens. Zum einen könnte der große mediale und öffentliche Druck den Richter veranlassen, richtig hart zuzuschlagen. "Man kennt das von deutschen Kriminalstudien, die belegen, dass männliche Richter bei männlichen Sexualverbrechern deutlich härter urteilen als ihre weiblichen Richter-Kollegen - wohl um sich von dem kriminellen 'Geschlechts-Kollegen' zu distanzieren", berichtet der Anwalt.

Andererseits könnte es aber auch umgekehrt ausfallen. "Die Tatsache, dass es wohl eine knappe Kiste mit der Entscheidung gegen Weinstein war und er letztlich 'nur' wegen deutlich geringerer Straftatbestände als von der Staatsanwaltschaft gefordert verurteilt wurde, könnte in Verbindung mit dem 'gebrochenen Mann' den Weinstein auf Rollator gehend vorgibt zu sein, dafür sorgen, dass der Richter Milde walten lässt und im unteren Bereich der Strafe bleibt."

Er gilt jetzt als Sexualverbrecher

Der ehemalige TV-Anwalt glaubt, dass der größte Schaden für Weinstein aber ein anderer sein dürfte: In den USA gilt er jetzt als sogenannter "sex-offender" (Sexualverbrecher), mit allen Konsequenzen die eine solche Stigmatisierung in den USA bedeutet: Eintrag in die Sexualstraftäterkartei, regelmäßige Gefährderansprachen wenn er wieder in Freiheit ist.

Auch im Hinblick auf den möglichen weiteren Prozess in Los Angeles bedeutet der Schuldspruch für Weinstein nichts Gutes: "Es dürfte ein klares Präjudiz sein", sagt Stevens. "Zwar gilt auch in Amerika, dass Gerichte unabhängig sind, doch sicher führt eine solche Verurteilung zu einer gewissen Voreingenommenheit der Prozessbeteiligten." Nachdem der Weinstein-Prozess in New York für so großes mediales Aufsehen gesorgt hat, werde sich in ganz L.A. kein Geschworener finden lassen, der nicht von dem Prozess in NY gehört hat, so Stevens. 

Harvey Weinstein

Sollte Weinstein auch in Los Angeles angeklagt werden, drohen dem Filmmogul US-Medienberichten zufolge weitere lange Haftstrafen, Alexander Stevens geht im Falle eines Schuldspruchs von bis zu 28 Jahren aus - die auf das Strafmaß in New York noch draufkommen. Nicht auszuschließen also, dass Weinstein seinen Lebensabend hinter Gittern verbringen wird.

Dr. Alexander Stevens ist Autor des Buchs "Aussage gegen Aussage  – Urteile ohne Beweise"