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Kommentar

Harvey Weinstein: Der mächtigste Mann Hollywoods ist gefeuert - aber das reicht nicht

Harvey Weinstein arbeitet nicht mehr - vorerst. Der einflussreiche Hollywood-Produzent hat sich nach den umfangreichen Vorwürfen wegen sexueller Belästigung zurückgezogen. Doch bringt ihn der Skandal wirklich zu Fall?

Harvey Weinstein: Chronologie der Vorwürfe sexueller Belästigung und mutmaßlicher Vergewaltigung

Es war am Freitag auf den Tag genau ein Jahr her, dass die Aufnahmen von Donald Trump aufgetaucht sind. "Ich fange einfach an, sie zu küssen. Ich warte noch nicht einmal. Wenn du ein Star bist, lassen sie das zu. Du kannst alles machen, ihnen einfach zwischen die Beine greifen", hörte man den milliardenschweren Unternehmer über Frauen herziehen. Die Mitschnitte waren so ekelerregend, so skandalös, dass man damals dachte: Jetzt ist es vorbei. So einer kann nicht Präsident der Vereinigten Staaten werden. Er wurde Präsident.

Trump, Bill Cosby, Roman Polanski  - die Liste der mächtigen Männer, die Frauen sexuell belästigt haben sollen, ist lang. Die Liste der Männer, die dafür Konsequenzen zu spüren bekommen, kurz. Umso bemerkenswerter ist es, dass Harvey Weinstein nun erst einmal weg vom Fenster ist. Wie seine Firma am Freitag mitteilte, befürwortete der Vorstand Weinsteins "Rückzug auf unbestimmte Zeit". 

Harvey Weinstein soll Frauen nackt empfangen haben

Die "New York Times" hatte am Donnerstag berichtet, dass der 65-Jährige jahrzehntelang Schweigegeld an mutmaßliche Opfer gezahlt habe. Zahlreiche Frauen aus dem Filmgeschäft, darunter auch die Schauspielerinnen Rose McGowan und Ashley Judd, werfen dem Filmproduzenten sexuelle Belästigung vor. 

Das Schlimme: Überrascht ist davon offenbar niemand wirklich. Weinstein galt als notorischer Choleriker, als Machtmensch mit Hang zur Überreaktion. In einem ersten Statement gab er den Geläuterten, sagte, dass es ihm ehrlich leid tue. Doch dann kündigte er noch am selben Tag an, die "New York Times" zu verklagen. Denn es scheint ihm eben nicht leid zu tun, und das Phänomen ist bekannt. Bill Cosby zum Beispiel will jetzt Männer darüber aufklären, was heutzutage vor Gericht als Belästigung gilt. Zur Erinnerung: Ihm werfen über 60 Frauen Vergewaltigung vor.

Ohne Kampf wird Harvey Weinstein nicht gehen

Weinstein schwafelte in einem Statement von "einer anderen Kultur", die damals geherrscht habe. Ganz so, als ob es in den 90ern normal war, Frauen nackt zu empfangen und sie zu Massagen zu drängen. Doch eine einzelne Frau hätte niemals den Hauch einer Chance, gegen reiche, erfolgreiche Männer anzukämpfen. Und selbst jetzt sieht es nicht gut aus für die mutmaßlichen Opfer: Die Anzeichen dafür, dass Weinstein nicht ohne Kampf geht, häufen sich. Im Vorstand seiner Firma gab es bereits erste Streits und Rücktritte, sein Bruder Bob, der die Firma in seiner Abwesenheit leitet, wird vermutlich alles dafür tun, um ihn zurückzuholen. 

Gleichzeitig kann Weinstein auf prominente Unterstützung hoffen: Er gilt als einflussreichster Produzent Hollywoods. Stars wie Jennifer Lawrence, Gwyneth Paltrow oder Ben Affleck reißen sich um Rollen bei ihm. Können sie es sich leisten, ihm einen Gefallen abzuschlagen, oder nicht? Roman Polanski hat auch kein Problem damit, Stars für seine Filme aufzutreiben. Denn am Ende zählt immer nur eines: Macht. Und so lange sich das nicht ändert, werden sich Frauen weiterhin erst nach Jahrzehnten - wenn überhaupt - trauen, mit ihren traumatischen Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn sie alle wissen: Im Zweifel wird der Mann trotzdem Präsident.