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Interview zum 75. Geburtstag des Liedermachers: Wolf Biermanns schwieriger Neuanfang in der BRD

Wolf Biermann, einer der bedeutendsten Liedermacher in Deutschland und eine Symbolfigur der Oppositionsbewegung in der DDR, wird heute 75 Jahre alt. Drei Fragen an den Berliner Ehrenbürger.

Der nach langjährigem Berufsverbot 1976 aus der DDR ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann stand damals vor dem Nichts, wie er sich heute rückblickend erinnert. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa anlässlich seines 75. Geburtstages am 15. November erinnert sich der Berliner Ehrenbürger an seinen schwierigen Neuanfang.

An Ihrem 75. Geburtstag blicken Sie auch gleichzeitig auf Ihre Ausbürgerung aus der DDR vor 35 Jahren im November 1976 zurück. Mit welchen Erinnerungen und Gefühlen?
Es war ein Schock, ich wusste nicht mehr, was ich machen soll. Es war aus mit mir, ich habe keine Zukunft mehr gesehen. Für wen sollte ich noch Gedichte schreiben, worüber? Außerdem war ich auch nicht einer von denen, die in den Westen kommen und dann den Sack auspacken mit ungesagten Wahrheiten. Alles, was ich zu sagen hatte, kritisch, hatte ich in der DDR gesagt. Ich brauchte mehrere Jahre, um in der neuen Gesellschaft Fuß zu fassen und mich auch künstlerisch wieder ausdrücken zu können. Doch ich durfte aus treuem Hass zu meinen alten Feinden in der DDR nicht kaputt gehen, die an mir ja ein Exempel für all die anderen rebellischen jungen Menschen in ihrem Machtbereich statuieren wollten.

Sahen Sie sich auch im Westen noch weiterhin als einen Kommunisten an?
Mir dämmerte nach einigen Jahren, dass ich kein Kommunist mehr sein kann. In der DDR musste ich Kommunist bleiben, das war meine emotionale Basis schon von zuhause aus. Meine Mutter Emma, die mich aus dem brennenden Hamburg im Krieg gerettet hat, war eine Arbeiterin und KP-Mitglied seit 1920. Aber ich erkannte bald, dass in diesem System der sogenannten Menschenretter mit lumpenhafter Bescheidenheit der einzelne Mensch einfach beiseitegelassen wurde. Für mich war das eine Erleuchtung, weil es bis dahin so kommunistisch dunkel in meinem Kopf war.

Wo ist heute Ihre Heimat, was fühlen Sie, wenn Sie heute durch die Straßen im Ostteil Berlins in Ihrer früheren Wohngegend an der Friedrichstraße gehen, am Berliner Ensemble vorbei, wo Sie mal gearbeitet haben?
Mein Herz zittert in Ost-Berlin noch immer. Weil dort jedes Haus, jede Tür, jeder Hundestein mich an alte Zeiten erinnert (...) Natürlich wird das Herz da schwer. Aber in der Bibel steht ja schon, "alles hat seine Zeit". Der Wolf ist Hamburger, da bin ich ja auch geboren, der Biermann aber ist Berliner, inzwischen ja sogar Ehrenbürger. Drei meiner Kinder leben auch in Berlin. Und ist das nicht wunderbar, dass die Frage des Wohnortes für uns wieder eine rein private Frage ist und keine mehr auf Leben oder Tod?

Wilfried Mommert, DPA / DPA
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