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Kritik zu "Günther Jauch" Die ARD und das "Kreml-TV"


Eine Woche nach dem umstrittenen Putin-Interview diskutiert man bei Günther Jauch immer noch darüber. Die EU kommt dabei nicht so gut weg, wird aber von einem FDP-Mann tapfer verteidigt.
Von Jan Zier

Wenn eine Talkshow schon mal so etwas wie Relevanz erzielt, dann muss sie das natürlich auskosten. Und das kann sie am besten - mit noch einer Talkshow. Zum selben Thema, natürlich: Putin & die Krim-Frage. Auch wenn die jüngste Debatte dazu bei Jauch "ohne Erkenntnisgewinn" war. Andererseits haben sechs Millionen sie gesehen, und bis hinauf zur Kanzlerin Angela Merkel oder Außenminister Frank-Walter Steinmeier haben sich gar viele in den letzten Tagen öffentlich über den Kreml-Chef geäußert. Zugleich hat sich die ARD viel Kritik mit ihrem Putin-Interview eingehandelt. Von verspielter Glaubwürdigkeit war die Rede, von "Putins Kreml-TV" gar.

Also hat sie sich jetzt einen eingeladen, der zwar substantiell nicht viel zum Thema sagen kann, aber bestimmt kein Putin-Versteher ist: Wolf Biermann, der dann auch zuverlässig von "heißem Krieg" redet und sich Talleyrand, Metternich und de Gaulle zurückwünscht.

Trotzdem wird es dann doch noch eine sachliche Diskussion, was wiederum nicht zuletzt an Gabriele Krone-Schmalz liegt, die von 1987 bis 1991 ARD-Korrespondentin in Moskau war und seither großes Renommee genießt. Sie will nicht das Spiel vom bösen Putin spielen und macht stattdessen der EU schwere Vorwürfe: "Natürlich" trage der Westen eine Mitschuld an den vielen tausend Toten, die der Konflikt gefordert habe. "Viele dieser Menschen könnten noch leben", so Krone-Schmalz. Wenn die EU-Kommission, damals unter José Manuel Barroso, ernsthaft mit Russland über die Ukraine geredet hätte als Putin das noch wollte. Auch die Sanktionspolitik des Westens stößt bei Krone-Schmalz auf scharfe Kritik: Sie habe die Zahl der "Putin-Freunde" in Russland in die Höhe getrieben, dabei Volk und Führung in Russland stärker zusammengeschweißt.

Annexion oder Sezession?

Alexander Graf Lambsdorff, stellvertretender Vorsitzender des Europäischen Parlaments und Außenpolitiker einer früher mal bedeutenden Partei, verteidigt dagegen die Sanktionen tapfer, auch gegen die wiederholte Kritik seines SPD-Widersachers Matthias Platzeck, dem Vorsitzenden des Deutsch-Russischen Forums. Der Westen müsse seine "Missbilligung spürbar zum Ausdruck bringen", so der FDP-Politiker, der sich sicher ist, dass die Sanktionen "die Handelnden" in Russland "beeinflussen" werden. Wohin die eskalierende Sanktionspolitik denn führen solle, fragt sich Platzeck, aber eine Antwort hat er nicht, so wenig wie Lambsdorff.

Und während der immer wieder von einer "Annexion" der Krim redet, warnt Krone-Schmalz eindringlich vor diesem Begriff, denn er ermächtige Staaten zu militärischem Handeln. Eine Sezession hingegen, eine Abspaltung, die komme im Völkerrecht gar nicht vor. Platzeck wiederum, der in seiner Partei jüngst wegen versöhnlicher Töne gegenüber Russland auffiel, will nicht so gerne von Annexion reden, sich aber auch nicht nachsagen lassen, er wolle eine solche einfach dulden. Wie Krone-Schmalz macht auch er der Barroso-Kommission starke Vorwürfe – und hofft nun auf die neue Spitze an der EU und der Nato.

Am Ende wird es dann noch mal gefühlig: "Warum soll sich Russland nicht vom Westen bedroht fühlen", fragt Krone-Schmalz. Es gebe ja "keine objektive Bedrohung" durch den Westen, sagt Lambsdorff dann. Obwohl man das in Russland zu beobachtenden "subjektive Gefühl", vom Westen "bedrängt" zu werden, schon irgendwie auch ernst nehmen solle. Der Satz: "Du musst keine Angst haben", der helfe nicht gegen die Angst, antwortet Platzeck. So geht politische Psychologie im Talkshow-Format. Aber immerhin muss sich die ARD jetzt nicht mehr ganz so sehr nachsagen lassen, sie mache ja nur "Kreml-TV".


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