Italien Noch alle Zacken in der Krone?


Sein Vater, Umberto II., war der letzte König von Italien. Das Volk schickte ihn und seine Familie ins Exil. Nach der Rückkehr ließ italienische Königsfamilie keine Gelegenheit aus, das Heimatland mit Skandalen zu brüskieren. Nun fordert Kronprinz Viktor Emanuel vom Staat 260 Millionen Euro Wiedergutmachung.
Von Luisa Brandl, Rom

Es sollte ein triumphaler Einzug werden: Prinz Viktor Emanuel kehrte nach 56 Jahre Exil in seine Geburtsstadt Neapel zurück. Von hier war er als Neunjähriger mit seiner Mutter und drei Schwestern in die Schweiz emigriert. Doch abgesehen von wenigen fähnchenschwenkenden Königstreuen empfingen den Thronfolger nur Buhrufe und Pfiffe. Eine aufgebrachte Meute versperrte dem Prinzen den Weg zum Dom. Viktor Emanuel musste im Privatklub Circolo Canottieri Savoia Zuflucht suchen.

Seither sind fast fünf Jahre vergangen und die italienische Königsfamilie ließ keine Gelegenheit aus, ihr Heimatland mit Peinlichkeiten und Skandalen zu brüskieren. Doch damit nicht genug: Nun sehen sich die verhinderten Erben im Recht, Italien zur Kasse zu bitten. Viktor Emanuel fordert für sein Leben im Exil vom Staat 260 Millionen Euro Schadenersatz und die Rückgabe diverser Schlösser und des millionenschweren Familienschmucks, der seit Kriegsende im Tresor der Zentralbank lagert.

Wiedergutmachung für "moralische Schäden"

Der Sohn des letzten italienischen Königs, Umberto II., verlangt eine Wiedergutmachung für die "moralischen Schäden". Mit der Heimatliebe des 70-Jährigen kann es allerdings nicht weit her sein: Viktor Emanuel behält aus Steuergründen seinen ersten Wohnsitz in Portugal und residiert meist in einer 30-Zimmer-Villa am Genfer See. Aus dem Schweizer Exil beschimpfte er Italien zuvor als "repubblichetta", als Republikchen, und die Parlamentarier pauschal als "arbeitsscheu". Die Entschädigung stehe auch seinem 35-jährigen Sohn Emanuel Filiberto zu, so der Thronprätendent. Dieser wiederum spricht nur gebrochen Italienisch, radebrecht aber: "Ich habe 30 Jahre meines Lebens verloren."

Nach Ende des Faschismus entschieden sich die Italiener 1946 per Volksabstimmung gegen die Monarchie. Die Königsfamilie musste das Land verlassen. Erst in der Berlusconi-Ära änderte das Parlament 2002 eine entsprechende Übergangsklausel in der Verfassung, und die Savoyer durften zurückkehren. Emanuel Filiberto nutzte das neu erworbene Recht, um seine Hochzeit mit der französischen Schauspielerin Clotilde Courau in Rom in jener Kirche zu feiern, in der auch seine Urgroßeltern sich einst trauen ließen. "Es wird eine Märchenhochzeit für alle Italiener", posaunte er. Doch zur Vermählung erschienen vor allem Medienvertreter und Sponsoren. Die geladenen Gäste aus dem europäischen Hochadel sagten ab.

Während der Bräutigam in holperigem Italienisch der hochschwangeren Clotilde sein Jawort gab, trug er in seinem eleganten Tight ein Taschentuch in den Vereinsfarben schwarz-weiß seines Lieblingsfußballklubs Juventus Turin. Seine Angetraute, eine Meisterin im Fechten, hatte der sportliche Prinz bei einem Pentathlon-Wettkampf in Monaco kennengelernt. Er traktierte sie ein Jahr lang mit Anrufen, bis sie schließlich nachgab und ihrem damaligen Freund Guillaume, dem Sohn von Gérard Depardieu, den Laufpass gab. Der Boulevardpresse, die sich auf die bürgerliche Braut mit Vorleben stürzte, sagte sie quasi entschuldigend: "Ich habe den Sex erst spät entdeckt und Drogen gar nicht angetastet."

Lieblinge der Klatschpresse

Als später Nacktfotos von der brünetten Gemahlin kursierten, versuchte Emanuele Filiberto die Klatschblätter zu beschwichtigen, das gehöre nun mal zum Beruf einer Schauspielerin: "Ich sehe im Kino auch lieber nackte Brüste als Gewaltszenen." Aha. Bis dahin kannten die Italiener den Enkel des letzten Königs eigentlich nur aus Werbespots für Fertigsaucen im italienischen Fernsehen und als TV-Kommentator im dritten Programm, wenn Juventus Turin spielte.

Nun versucht sich Emanuel Filiberto den Menschen direkt zu nähern. In Umbrien kaufte er ein Landgut, in dem seine beiden Töchter Vittoria, 3, und Luisa, 1, sich austoben sollen, während Papa sich auf benachbarten Viehmärkten herumtreibt und mit den Einheimischen in Pose setzt. Er hat außerdem die Bewegung "Werte und Zukunft" ins Leben gerufen, die allerdings kaum einer kennt in Italien.

Bekannt sind jedoch die Skandale seines Vaters. Viktor Emanuel geriet im Juni 2006 wegen Korruption, Zuhälterei und Betrügereien im Geschäft mit Glücksspielen in die Schlagzeilen. Er wurde am Comer See festgenommen und mit Polizeieskorte durchs ganze Land bis ins Gefängnis von Potenza im Süden gebracht. "Sie haben ihn abgeholt wie einen Banditen", jammerte sein Sohn.

Im Gefängnis von Potenza erzählte der Kronprinz Mitgefangenen noch ein anderes Kapitel aus seinem Leben, von einem tragischen Unfall, der sich vor 28 Jahren ereignet hatte. Dass seine Zelle abgehört wurde, wusste Viktor Emanuel nicht. Nach 28 Jahren gab er zu, den deutschen Studenten Dirk Hamer erschossen zu haben. Die tödliche Kugel habe sich aus seiner Waffe gelöst - damals hatte er sich als Opfer eines Diebstahls bezeichnet. Der Waffennarr hatte mit einem Gewehr die Yacht eines Römers vor der Küste Korsikas geentert, im Handgemenge gingen beide über Bord, eine Kugel löste sich und traf den völlig unbeteiligten Hamer. Er starb qualvoll an den Folgen.

Die Italiener nahmen dem Prinzen übel, dass er nicht die geringste Anteilnahme an dem Leid der Familie Hamer gezeigt hatte. Im Gegenteil: Mithilfe seiner Anwälte und Beziehungen zögerte Viktor Emanuel den Prozess jahrelang hinaus und wurde 1991 in Paris nur wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. In der Gefängniszelle in Potenza rühmte sich der Prinz, die Justiz zum Narren gehalten zu haben: "Ich hatte zwar unrecht, aber ich habe sie alle angeschmiert."

In den Achtzigern tauchte sein Name in der Mitgliedsliste der umstürzlerischen Geheimloge P2 auf. Zehn Jahre später fiel ihm zu den von seinem Großvater Viktor Emanuel III. mit unterzeichneten Rassengesetzen Mussolinis nur ein: "Nein, so schrecklich waren die doch gar nicht." Nobelpreisträger Dario Fo nannte ihn dafür einen "Tölpel und Einfaltspinsel".

Die Italiener sagten Ciao!

Nachdem die Italiener die Königsfamilie 1946 aus dem Land geworfen hatten, begann Viktor Emanuel im Exil die typische Karriere für bestimmungslose Thronprätendenten: Banker, Playboy, Boulevardpresse. Später kam er durch Waffengeschäfte zu Wohlstand. Sein Vater Umberto lag mit ihm im Clinch, seitdem er die Tochter eines Keksfabrikanten und Weltmeisterin im Wasserski Marina Doria geheiratet hatte. Bis zu seinem Tod hatte sich der Ex-König nicht mit ihm ausgesöhnt. Als er 1983 starb, soll er den Kronprinzen testamentarisch auf den Pflichtteil gesetzt haben.

Seine lebenslustigen Schwestern Maria Pia, Maria Gabriella und Maria Beatrice, die nun ebenfalls erbberechtigt wären, teilen jedoch die Forderungen nach Schadenersatz und Rückgabe keineswegs. Auch sein Vetter Amedeo von Savoyen geht auf Distanz: "Die Forderungen sind völlig unlogisch. Italien steckt in der Krise. Viele Italiener wissen nicht, wie sie mit ihrem Geld bis zum Monatsende auskommen sollen." Viktor Emanuel ist jedoch entschieden, notfalls im Alleingang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg zu ziehen.

Ob der Skandalprinz überhaupt als potenzieller Thronerbe auftreten kann, ist allerdings fraglich. Denn kurz vor der Rückkehr der Savoyer nach Italien entschied der Kronrat, dass Viktor Emanuel abzusetzen und stattdessen sein Vetter Amedeo zum möglichen Nachfolger für den italienischen Königsthron zu ernennen sei. Der Grund: Der Prinz sei nicht auf der Höhe des "monarchischen Anspruchs".


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