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Prozess des Jahres: Warum Gina-Lisa Lohfink trotz Verurteilung keine Verliererin ist

Der Prozess des Jahres 2016 kennt fast nur Verlierer. Doch ausgerechnet Gina-Lisa Lohfink gehört nicht dazu. Rückblick auf einen Fall, der die Nation spaltete.

Gina-Lisa Lohfink

Gina-Lisa Lohfink gibt im Berliner Amtsgericht Tiergarten Interviews.

Noch in vielen Jahren werden sich, sobald in einer Diskussionsrunde das Gespräch auf den Fall kommt, zwei Lager bilden. Die einen werden sagen, das Amtsgericht Berlin habe Gina-Lisa Lohfink zu Recht zu einer Strafzahlung verdonnert, denn sie sei gar nicht vergewaltigt worden. Sie habe gelogen, als sie 2012 Anzeige gegen zwei Männer erstattete, der eine Fußballer, der andere in der Berliner Clubszene unterwegs. Das andere Lager wird darauf beharren, dass doch dieses ganze Verfahren von Anfang an eine Farce gewesen und Gina-Lisa Lohfink gleich drei Mal Unrecht zugefügt worden sei - zuerst von den zwei Männern, danach vom Gericht, schließlich von der Öffentlichkeit, die sie nach ihrem Äußeren beurteilte, nach ihrer Sexualmoral, nach ihren Aufträgen.

Der Fall ist schnell erzählt: Im Juni 2012 verabredeten sich zwei Männer dazu, Gina-Lisa Lohfink in eine Wohnung zu locken, um mit ihr Sex zu haben. Sie setzten diesen Plan Schritt für Schritt in die Tat um. Erst gaukelte ihr der eine Gefühle vor, verbrachte die Nacht mit ihr, füllte sie am nächsten Abend in einem Club mit Alkohol ab, brachte sie in die Wohnung des anderen, beide nahmen dort teils gegen ihren Willen sexuelle Handlungen an der Betrunkenen vor, die sie auch noch filmten und die Videos anschließend in Umlauf brachten. Es ist ein unfassbarer, von einer in Bild und Ton dokumentierten, beängstigenden Frauenverachtung geprägter Akt der Niedertracht. Ein Verbrechen jedoch, urteilte das Amtsgericht Berlin, ist es nicht. Und als Gina-Lisa Lohfink das, was ihr nach ihrem "Filmriss", wie sie sagt, Stück für Stück bewusst wurde, als Vergewaltigung verstand und zur Anzeige brachte, habe sie frech gelogen, fand die Richterin. Macht 20.000 Euro Strafe.

Gina-Lisa Lohfink polarisiert und spaltet die Lager

Die öffentliche Diskussion über den Fall und die teils gegensätzliche Beurteilung scheinbarer Ungereimtheiten war von einem Clash der Generationen geprägt. Hier das Berliner Justiz-Establishment nebst seinen Unterstützern, die meisten aus dem bürgerlichen Milieu - oft genug sind es dieselben, die im neuen, verschärften Sexualstrafrecht eine Gefahr für die Gesellschaft sehen. Dort eine junge Generation, für die das "Nein" als insuläre Willensbekundung im Rahmen willentlich durchgeführter Handlungen ganz selbstverständlich zu sexueller Selbstbestimmung zählt. Weshalb auch der Umstand, dass Lohfink einen der beiden am nächsten Tag wieder traf, für dieses Lager keinerlei Relevanz besitzt, während das andere darin einen Beweis dafür zu erkennen glaubt, dass Lohfink nicht die Wahrheit sagt.

Eine erfolgreiche Hamburger Anwältin schrieb nach dem Urteil an die Redaktion des stern: "Hätten Lohfinks Anwälte eine andere Strategie gewählt, wäre sie nicht verurteilt worden." Dieser Satz ist bemerkenswert. Es ging also nicht um die Faktenlage, sondern darum, wie der Fall präsentiert wurde. Ohnehin wirkt es, als habe das Berliner Justiz-Establishment, zu dem übrigens auch der Anwalt der beiden Männer zählt, die Reihen geschlossen und am Team Lohfink ein Exempel statuiert: Wer eigenmächtig die Medien dazu schaltet, verliert. Wer berechtigte Vorwürfe gegen die Vorgangsweise des Justizapparats erhebt, verliert. Wer es wagt, den Prozess der Rechtssprechung als das zu demaskieren, was dieser im Grunde jedes Mal ist - nämlich eine bloße Auslegung des Gesetzes -, verliert.

Keiner ging unbeschadet aus diesem Prozess

Aus dem Prozess des Jahres ist keiner unbeschadet gegangen. Doch ausgerechnet der Mensch, auf dem der größte Druck lastete und der am Ende als "schuldig" gebrandmarkt wurde, hat dabei gewonnen. Es sei auf dem Gehsteig vor dem Amtsgericht Berlin passiert, sagt sie, wo ihr völlig unbekannte Leute zuriefen: "Du bist nicht allein!" Frauen und Männer, die ihrem Leben, ihrem Äußeren und ihrer Art ihr Geld zu verdienen, nichts abgewinnen können. Und trotzdem da waren. Weil es um Gerechtigkeit, nicht um Stilfragen ging. "Da ist in mir drin etwas passiert", erinnert sich Gina-Lisa Lohfink, "Da erkannte ich, dass ich bisher vielleicht nicht gut genug auf mich aufgepasst habe. Und dass ich immer noch ein wertvoller Mensch bin, egal, was da drin passiert ist."

Der Moment wirkt bis heute nach. Sie wirkt im Gespräch ruhiger, macht nicht mehr alle naselang Selfies oder tippt auf ihrem Handy herum. Noch zu Beginn des Jahres konnte man kaum mit ihr reden, ohne dass sie daneben ihre WhatsApp-Nachrichten checkte, ein Foto schoss oder ein anderes herzeigte: "Wie findest du das?" Sie wolle jetzt besser auf sich achtgeben, sagt sie, und sich auch nicht mehr alles zumuten. In ihrer Strafsache geht sie deshalb nicht in Berufung, wie ursprünglich geplant, sondern in Revision. Sie erspart sich damit ein anstrengendes nochmaliges Verfahren, in dem sie das Trauma des ersten Verfahrens noch einmal durchleben müsste.

Wie passt das Dschungelcamp zur neuen Gina-Lisa Lohfink?

Aber wie passt die Mitwirkung bei der RTL-Sendung "Ich bin ein Star, holt mich hier raus?" zu ihrem Vorsatz? Eine Show, die von der Selbstentwürdigung der Kandidaten lebt? Tatsächlich ist es gut möglich, dass ihr die Dschungelcamp-Teilnahme nützt, abgesehen davon, dass sie den Auftrag braucht, um ihre Anwaltsrechnungen zu bezahlen: Sie hat im Dschungelcamp nichts als sich selbst, kein Make-up, keine Klamotten, keine Tanzmusik, keinen Manager oder Anwalt. Was man dort sehen und hören wird, ist die nackte, bloße Gina-Lisa im eigentlichen Sinn: ein einfaches Mädchen, das auch nach über zehn Jahren im Geschäft zwischen dem Wunsch nach einem bürgerlichen Leben und den Verlockungen des Promidaseins schwankt und es - trotz aller Verletzungen - am Ende stets geschafft hat, sich zu schützen.

Ein Blick auf diese, die echte Gina-Lisa Lohfink kann vieles gerade rücken. Denn der Fall Lohfink erschließt sich ausschließlich über sie selbst. Wenn sie ihre Chance nutzt, wird man vielleicht verstehen, wie sehr ihr Unrecht getan wurde - vom Gericht wie von der Öffentlichkeit. Wie gesagt: Aus dem Prozess des Jahres ist keiner unbeschadet gegangen.