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Jane Comerford: Die Popschmiede der Stars

Bekannt wurde sie mit der Band "Texas Lightning" und als Jurorin bei den "Popstars". Seit 24 Jahren ist Jane Comerford Dozentin beim "Popkurs", wo schon die Karrieren von "Wir sind Helden" und "Revolverheld" begannen. stern.de traf die Künstlerin bei der Arbeit in Hamburg.

Von Matthias Lauerer

Seit bald sieben Jahren schwappt die Popstarwelle über Deutschland hinweg. Egal ob "Popstars" bei RTL 2 oder "DSDS " bei RTL – die Suche nach dem künftigen Star kommt bei den TV-Zuschauern immer wieder gut an. Doch wer sich wirklich intensiv auf eine Karriere im Pop-Bereich vorbereiten will, kommt am Hamburger Kontaktstudiengang Popularmusik, kurz Popkurs kaum vorbei. Denn innerhalb von sechs Wochen vermittelt er seit 26 Jahren jungen Talenten die Grundlagen für den Einstieg ins Musik-Geschäft. stern.de hat die angehenden Künstler einen Tag lang begleitet.

Auf der Suche nach dem richtigen Groove

Daniel Rauschenberg, 29, ist eigentlich Sänger und macht mit seiner Band deutschen Indie-Pop. Doch heute wird Daniel nicht singen. Sondern um 14 Uhr in der Musikhochschule Hamburg den Groovekurs bei Professor Peter Weihe besuchen. Eine lange Stunde trainieren die Teilnehmer dort im Raum BE 1 ihr Taktgefühl. Los geht es erst, wenn alle ihre Schuhe ausgezogen haben. Nur Groove-Geber Weihe behält seine weißen Turnschuhe an. Alle anderen folgen ihm auf schwarzen und grauen Socken: hier und jetzt geht es um den richtigen Groove.

Professor Weihe marschiert vorne weg und klatscht unterschiedliche Rhythmen in seine Hände, die Gruppe soll es ihm dann nach tun. Weihes lange Haare fliegen, es wird gelacht und Daniel kämpft mit mancher Klatschfolge. Denn er muss nicht nur klatschen, sondern auch mit seinen Füßen im korrekten Takt auf den Parkettboden stampfen. Kommandos wie "Auf dem letzten Viertel ruhen wir uns aus", oder "Wir machen eine siebener Figur auf unserer Sechzehntel" hallen durch den Raum, verschluckt nur von den samtenen Vorhängen. Doch trotz konzentrierter Mienen haben die sieben Teilnehmer Spaß, es wird oft gelacht. "Ohne Rhythmus geht bei Musik nichts. Ich finde den Kurs abgefahren", sagt Sänger Daniel nach der Stunde.

Die Kaderschmiede der Künstler

Der Popkurs gilt in der Szene als beste Grundlage um Kontakte zu knüpfen, neue Bandmitglieder zu finden, oder gar eine neue Band zu gründen. Dass dies funktioniert beweisen die erfolgreichen Absolventen des Kurses. Ob "Wir sind Helden", "Revolverheld", oder "Die Happy" – sie alle nahmen am Kurs teil. "Die Musiker werden hier nicht aus ihrem bisherigen Umfeld gerissen. Und die Musik wird im Kurs wirklich erfahren, weil die sechs Kurs-Wochen absolut intensiv sind", sagt Geschäftsführerin Katja Kaye Bottenberg und erklärt so den Erfolg des angebotenen Lehrgangs. In zwei Blöcken unterrichten die Dozenten ihre bis zu 50 Schützlinge. Der jährlich stattfindende Kurs startet im März, der zweite Teil folgt dann im August.

Von Anfang mit dabei sind die beiden Dozenten Peter Weihe und sein Kollege Anselm Kluge. "Hier bilden sich Bands, es bricht aus vielen einfach heraus", beschreibt Kluge die Vorteile des Kurses. Doch bevor es dazu kommt steht die Aufnahmeprüfung. Zehn Minuten haben die Bewerber Zeit, um sich vor einem Gremium zu präsentieren. Wer will, kann sogar seine eigene Band mitbringen. Wichtig sind Charakter, Ausstrahlung und eben das Können, je nach musikalischer Stilrichtung. "Ein Punk-Musiker muss keine Noten lesen können, bei Jazz wäre das dann doch von Vorteil", bemerkt Geschäftsführerin Bottenberg. An die 200 Bewerber gebe es pro Jahr, immerhin 50 schafften es in den Kurs. 500 Euro kosten die Künstler die sechs Wochen.

Der individuelle Ton muss Feuer haben

Im Nachbarraum "BE 2" wartet jetzt Jane Comerford, die zuletzt als "Popstars"-Jurorin zu sehen war, auf ihre Nachwuchs-Musiker. Auf dem Programm: "Gesang für Nichtsänger". Nur junge Männer bilden einen Halbkreis. Dann wird gesummt und gebrummt. Doch bei so manchem will das nicht so recht klappen. Dann tritt Comerford, die 2006 mit der Band "Texas Lightning" am Eurovision Song Contest teilnahm, nach vorne und sucht mit ihm nach dem individuellen Ton. Manchmal wird dieser erst mit einer Umarmung, oder einem lauten Summen vor der Gruppe gefunden. Später berichtet jeder von seinen gewünschten Verbesserungen im Gesang. Da wird bei einem Schüler die "Stimme zu schnell heiser", oder ein anderer trifft erst gar nicht den gewünschten Ton. Comerford, die seit 24 Jahren im Popkurs lehrt, geht stets charmant auf die individuellen Probleme ihrer Schüler ein, nimmt jeden Ernst und gibt Tipps.

Besonders deutlich fällt dies im anschließenden Kurs "Englisch Texten" auf. Hier feilen Sänger- und Sängerinnen an ihren Texten. Maria ist die erste, die vorsingt. Mit der Gitarre in der Hand, in Jeans und blau-weißem Ringelshirt setzt sich die schlanke Blondine auf einen Stuhl vor ihre Gesangsgruppe und singt ihr Lied. Nach dem Vortrag gibt es erstes Lob aus der Gruppe. "Wie super ist das denn", freut sich Dozentin Comerford. Doch Maria ist mit ihrer Textzeile: "We are crying out loud, we are loud and proud”, nicht zufrieden. Vorschläge wie "Loud and about" oder "Out and about" helfen aus der Gruppe. "Prüfe den Groove, prüfe die Harmonie. Das muss Feuer haben", ergänzt Comerford dann deutlich, nachdem sie an ihrer Tasse Tee genippt hat. Maria ist sichtlich zufrieden und setzt sich wieder zurück auf den Boden.

Gegen 18 Uhr ist der Kurs zu Ende und die Teilnehmer gönnen sich eine kurze Pause im Foyer. Maria kommt als letzte Teilnehmerin aus dem Raum, blickt auf ihr Textblatt und biegt dann tief in Gedanken versunken um die Ecke.

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