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Interview mit Jane Comerford: "Lena setzt ihre Singstimme nicht ein"

Wenn jemand beurteilen kann, wer das Zeug zum Popstar hat, dann sie: Jane Comerford bildet Künstler aus und hat selbst schon am Eurovision Song Contest teilgenommen. Im stern.de-Interview spricht sie über Lena Meyer-Landruts Stärken und Schwächen - und ihre Chancen in Oslo.

Frau Comerford, Sie haben junge Talente wie Wir sind Helden zusammengebracht und gefördert, geben Gesangsunterricht und haben selbst schon mal am Eurovision Song Contest teilgenommen. Wie schätzen Sie das Talent von Lena Meyer-Landrut ein?
Ich finde, sie hat ein sehr großes Talent im Bereich Performance, sie hat eine ganz tolle Ausstrahlung auf der Bühne und vor der Kamera. Das wirkt sehr frisch, lebendig und unangepasst. All diese Attribute kommen ihr in der Gesamtperformance zugute. Ich kenne nichts Vergleichbares in der deutschen Musikszene. Sie hat eine echte Marktlücke erwischt.

Lena hat bisher keinen Gesangsunterricht gehabt. Merken Sie ihr das an?
Ich höre natürlich sehr viel, was der normale Hörer nicht unbedingt merkt. In "Satellite" und bei den meisten Songs, die sie bei Raab gesungen hat, setzt sie ihre Singstimme nicht wirklich ein. Es ist eine Art Sprechgesang. Das hat einen hohen Wiedererkennungswert, weil sie in der Aussprache einen britischen Akzent anwendet. Das ist in Kombination mit ihrem deutschen Akzent sehr auffallend. Sie hat eine eigene Stilistik entwickelt und entsprechende Songs ausgewählt, wo dieser quirlige Sprechgesang gut zur Geltung kommt und völlig authentisch wirkt.

Würden Sie Lena empfehlen, Gesangsunterricht zu nehmen?
Das kann man so nicht sagen. Das kommt drauf an, wo sie künstlerisch hin will. Ob sie bei ihrer jetzigen Art bleibt und sagt: Die Leute mögen das, ich bin Nummer eins in den Charts, das behalte ich so. Oder ob sie weiter forschen will, eine größere Bandbreite haben will.

Sollte sie bis Oslo etwas ändern?
Ich denke, das ist zu kurzfristig. Ihre ganze Erscheinung lebt davon, dass sie es genau so gemacht hat, wie sie es gemacht hat. Was will man da ändern? Das wäre ein viel zu großes Fass, das man da aufmachen würde. Halbwissen kann auch schädlich sein. Wenn man anfängt nachzudenken, setzt ein Krampf ein, und man ist blockiert. Es ist ein Vorteil, dass sie gar nicht weiß, was sie tut. Sie hat einfach Spaß und lässt ihre Natur raus.

Lena hat keine richtige Atemtechnik gelernt. Besteht die Gefahr, dass ihr in der Aufregung beim Eurovision Song Contest die Stimme versagt?
Das ist eine rein psychologische Geschichte. Wenn sie in der Lage war, bei Stefan Raab mehrmals unter Druck ihre Lieder zu singen, wird sie das auch in Oslo schaffen. Wenn dagegen die Nerven durchbrennen, dann nützt auch die beste Atemtechnik nichts. Lena muss einfach ihre Lockerheit bewahren.

Sie haben diese Situation selbst schon erlebt: Wie behält man die Nerven, wenn man vor mehr als 120 Millionen Fernsehzuschauern live singen muss?
Ich habe mich sehr beherrschen müssen. Beim Eurovision Song Contest ist alles um einen herum überdreht und hysterisch, vor allem die anderen Künstler und ihre Delegationen. Das normale Verhalten wird außer Gefecht gesetzt. Davon lässt man sich leicht anstecken und aus der inneren Ruhe bringen. Ich hatte das große Glück, dass meine Band Texas Lightning dabei war. Mit den Cowboys im Rücken waren der wochenlange Medienrummel sowie die entscheidenden Minuten auf der Bühne leichter zu bewältigen. Wichtig ist: Man darf sich an seinem Song nicht satthören. Man muss einen Schlüssel finden, um die innere Schatzkammer wieder aufzuschließen, damit die ganze Frische wieder da ist.

Ist für den Erfolg beim Song Contest wichtig, dass man alle Töne richtig trifft, oder entscheiden die Fernsehzuschauer eher nach dem Gesamteindruck, den der Künstler macht?
Der Gesamteindruck ist immer das Wichtigste. Viele im Publikum hören das gar nicht, wenn ein Ton mal daneben ist. Oder sie verzeihen es. Es ist die Kombination von Stimme, Song, Person, die Performance, das Aussehen, der Moment - und nicht eine virtuose Stimme. Darum allein ging es nie in der Popmusik.

Sie haben im vergangenen Jahr die deutschen Teilnehmer Oscar Loya und Alex Christensen als Gesangstrainerin unterstützt. Würden Sie diesmal wieder zur Verfügung stehen?

Ja, warum nicht? Neben dem Gesangscoaching habe ich im letzten Jahr auch psychologische Betreuung geleistet. Ich kann mir aber vorstellen, dass Lena Leute mitnimmt, die diese Positionen abdecken. Stefan Raab hat sehr viele Erfahrungswerte. Sie hat in ihm einen ganz starken Betreuer, der selber beim Eurovision Song Contest gesungen hat und dem sie vertraut.

Wagen Sie einen Tipp, wie Lena Meyer-Landrut abschneidet?
Einen Tipp abzugeben ist sinnlos. Beim Eurovision Song Contest kann alles passieren, und wahrscheinlich nicht das, was man denkt. Es kann gut sein, dass sie mit ihrer Art, durch ihr Understatement, die tolle Schlichtheit mit dem schwarzen Kleid, diese Unverblümtheit und das Quirlige richtig auffällt und die Leute sie natürlich und toll finden. Andererseits kann es genauso sein, dass sie in dem ganzen Feuerwerk, der Kostümierung und bombastischen Performances einfach übersehen wird. Es kann alles passieren. Wir können nur die Daumen drücken und Lena viel Glück wünschen!


Carsten Heidböhmer