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Joschka Fischer: Der Mann aus Zimmer 119

In Princeton unterrichtet Joschka Fischer jetzt Studenten in Krisendiplomatie - und erlebt etwas Neues: Er ist hier nur einer unter vielen.

Von Tilman Gerwien

Auf dem Weg zu seinem neuen Arbeitsplatz geht Deutschlands ehemaliger Außenminister die Prospect Avenue entlang. Er überquert dann einen kleinen Vorplatz, wuchtet die schweren Holztüren einer Vorhalle auf, über der interessanterweise "Fisher Hall" steht. Im ersten Stock macht der schmale Flur noch zweimal einen Knick, dann ist Joschka Fischer am Ziel: Büro Nr. 119 Bendheim Hall, Princeton University.

Als Journalist sollte man sich gut überlegen, ob man ihm auf diesem Weg in die Quere kommen will. Er regt sich dann fürchterlich auf, spricht von einer "Riesensauerei, die Sie hier veranstalten", droht mit Anrufen beim Chefredakteur und beim "Press Officer" der Universität: "Ich bin jetzt nur noch Privatmann!"

Dass ausgerechnet er nun keine Öffentlichkeit will, er, der uns doch noch mit jeder seiner Heldentaten zu unterhalten wusste, ob als Straßenkämpfer, Hungerkünstler oder Außenminister - das wirkt ein bisschen merkwürdig.

Hier fällt er kaum auf

Der Privatmann "Joschka M. Fischer" - wie er in Princeton annonciert wird, im Uni-Kürzel auch "jmf" - fällt zwischen den wissenschaftlichen Überfliegern der Elite-Universität und all den Ex-Botschaftern und Ex-Präsidentenberatern, die hier ein- und ausgehen, nicht weiter auf. Der ehemalige US-Außenminister George P. Shultz hat in Princeton studiert, der Ökonomie-Nobelpreisträger-Anwärter Paul Krugman lehrt hier. Fischer ist der Mann aus Zimmer 119. Der Mann, der in Deutschland mal irgendwas Berühmtes war. Fragt man Studenten auf dem Campus, wissen viele nicht, wer er ist. Andere sagen allenfalls: "Yes, I've heard of him."

Fischer ist auch nicht "Professor" an der Woodrow Wilson School of Public and International Affairs, wie es in Deutschland zuweilen hieß, sondern "Lecturer" und "Visiting Professor", also eine Art Lehrbeauftragter. In der Hierarchie des Vorlesungsverzeichnisses rangiert die Rubrik "Lecturer" als vorletzte, nach insgesamt sieben Professor-Rängen. Deswegen hängt in der Bildergalerie am Eingang der Wilson School zwischen all den ehrwürdigen Fakultätskollegen auch kein Porträt des Deutschen. Was nicht heißen soll, dass man dem "political maverick", dem "politischen Außenseiter", wie er hier genannt wird, in der akademischen Elite nicht großen Respekt entgegenbringen würde: Fischer steht als Redner auf der Liste des renommierten Washington Speakers Bureau und bekleidet einen Posten im ehrwürdigen Council on Foreign Relations. In der Stokes Library der Wilson School sind seine Bücher nahezu vollzählig erhältlich.

Kein Abitur, war von erstaunliche intellektuellen Neugier

Allerdings bilden seine bisweilen robusten Umgangsformen einen eigentümlichen Kontrast zu der Upperclass-Atmosphäre gediegener Gelehrsamkeit. Princeton ist ein akademisches Paradies. Auf sechs Studenten kommt ein Universitätslehrer. Die Bibliotheken haben auch nachts geöffnet. Es gibt wunderschöne Lesesäle mit schweren, alten Ledersesseln. Flachbildschirme bilden in den Hörsälen die Lehrinhalte ab. Für die horrenden Studiengebühren (34.000 Dollar pro Jahr) stehen Stipendien aller Art bereit. "Vergessen Sie das Thema Geld", sagt der nette Herr von der Uni-Verwaltung. "Wir schicken Sie auf unsere Kosten auch zum Forschungsaufenthalt nach Botswana." Für Fischer muss all das wie eine Traumwelt sein - er hat kein Abitur, war aber immer von einer erstaunlichen intellektuellen Neugier. Er hat auch jetzt Lektüre-Empfehlungen parat: Fritz Sterns "Five Germanys I Have Known" etwa, das große Erinnerungsbuch des vor den Nazis in die USA geflohenen jüdischen Historikers.

Jeden Mittwoch unterrichtet er im fensterlosen Raum 023 der Bendheim Hall zusammen mit Wolfgang Danspeckgruber von 13.30 bis 16.20 Uhr junge Studenten im Proseminar "Internationale Krisendiplomatie". Diese Woche soll es um Instrumente des Krisenmanagements wie den UN-Sicherheitsrat gehen. Bis zum 13. Dezember wollen sich Danspeckgruber und Fischer durch die wichtigsten Konflikte der Welt wie Kosovo, Israel/Palästina, Irak und Iran arbeiten. Danspeckgruber ist ein österreichischer Reserveoffizier, der sich wissenschaftlich mit "zusammenbrechender Staatlichkeit" und den Krisenherden der Welt beschäftigt. Er gilt in der akademischen Szene als umtriebige, etwas schillernde Figur. Und er kann in einem Wahnsinnstempo reden - zwischen Deutsch und Englisch hin und her: "It's totally silly, dass Sie diese Woche nach Princeton kommen, wir keep hier einen totally black-out, you know?"

Es ist ein idyllisches Städtchen, dieses Princeton, 1,5 Autostunden von New York entfernt. Entlang der Nassau Street: Häuser im Neuengland-Stil, Buchhandlungen, Boutiquen und "Starbuck's" - und viele Fahrräder. In der Stockton Street: Villen mit stattlichen Vorgärten. Hier hat Thomas Mann seine ersten Jahre im US-Exil verbracht. Es ist schön hier. Aber: auch ein bisschen schön langweilig. Leidet Joschka Fischer hier vielleicht doch hin und wieder an politischer Unterzuckerung?

Vor Wochen konnte man ihn bei einer Diskussion in einem Washingtoner Thinktank beobachten. Es ging um Terror und die transatlantischen Beziehungen. Fischer schien sich zu langweilen - bis Kurt Volker, ein Abteilungsleiter aus dem U.S. State Department, den alle nur "Kört" nannten, die Außenpolitik von Bush in ihrer höheren Weisheit darzulegen begann. Fischer wurde unruhig, er knetete seine Hände, man spürte, wie er Betriebstemperatur erreichte. "Es ist etwas schwierig, das beeindruckende Bild mit der Realität in Übereinstimmung zu bringen", sagte er zu "Kört". Im Publikum fingen die Ersten an zu kichern. Er hätte "Kört" jetzt fertigmachen können, so wie früher, es wäre ihm ein Vergnügen gewesen - aber es ging nicht. Er ist hier zu Gast, er muss sich gut benehmen.

Kammerton des Privatgelehrten statt Rock'n'Roll

Der "letzte Live-Rock'n'Roller der deutschen Politik" (Fischer über Fischer) versucht sich nun im Kammerton des Privatgelehrten - ein Übergang nicht ohne Disharmonien. Neulich war er in den "Tagesthemen" zu sehen, zugeschaltet aus den USA - und man traute seinen Augen nicht: Fischer saß in einer Art Ohrensessel, hinter ihm bogen sich dekorativ die Bücherregale, und mit professoraler Würde gab er wohltemperierte Statements ab. Es kann aber auch passieren, dass er nach einem Transatlantikflug einen festlichen Empfang entert, sich mit dem Ruf "Kinder, was hab ich für einen Hunger, wo habt's ihr denn euer Büfett?" Gehör verschafft, um sich dann über die Mittelmäßigkeit europäischen Regierungspersonals zu ereifern: "Keine Leadership mehr, wohin man schaut!"

Vielleicht geht es ihm jetzt so wie großen Sportlern nach dem Ende ihrer Karriere. Sie ahnen, dass sie nie wieder in ihrem Leben etwas so gut können werden wie Tennis oder Fußball spielen. Sie leiden unter dem Boris-Becker-Syndrom. Nichts wird Joschka Fischer je wieder so gut können wie Politik. Und nichts wird ihm solche Ausschüttungen an Adrenalin und Testosteron verpassen. Fotos zeigen ihn, der noch vor wenigen Jahren eine Erscheinung von drahtiger Energie war, wie er in teigiger, wohlbeleibter Konturlosigkeit zerfließt. Man sieht, wie er miesgelaunt am Flughafen in den USA eintrifft; der familiäre Anhang folgt in respektvollem Abstand. Er hat diese Bilder vom Anwalt aus dem Verkehr ziehen lassen. Er wehrt sich gegen die neue Paparazzi-Pest. Zudem: Er will so auch nicht gesehen werden.

Ein einziger, ungeheurer Ausbruch an Talent und Energie

Die Welt dreht sich weiter, ohne ihn. Im Auswärtigen Amt regiert jetzt ein Mensch namens Steinmeier, er hat im Ministerbüro blaugraue Auslegeware über Fischers Terrakottafliesen ausrollen lassen. Fischer aber möchte, dass etwas von ihm bleibt. Es ist eine eigenartige Vorstellung, dass er nun in Raum 023 mit Studenten, die 35 Jahre jünger sind, noch einmal all die Krisenschauplätze gedanklich durchspielt, auf denen er selbst einst Akteur war - als wolle er seine politische Existenz intellektuell verlängern.

Aber mehr als politischen Visionen sind Anhänger und Bewunderer seiner puren Kraft gefolgt, und im Rückblick erscheint sein ganzes Leben eher wie ein einziger, ungeheurer Ausbruch an Talent und Energie. Jenseits davon ist schon jetzt wenig Erinnerung. "I was over many years engaged in the Palestinian-Israeli conflict very closely", ist ein typischer Fischer-Satz von heute, mit dem er seine Vergangenheit festhalten will. Man spürt noch die Energie der politischen Kraftnatur. Nur scheint diese Energie jetzt ins Leere zu laufen - hochtourig zwar, aber eben ins Leere.

Wir haben ihn gemocht - mehr, als jeden anderen

Einmal sieht man ihn in Türsteherpose vorm Büro seines Co-"Lecturers" Danspeckgruber stehen. Fischer ereifert sich lautstark über journalistische Zudringlichkeit und sagt, er werde sich in einem Zeitungskommentar der Person des Reporters widmen, "in einer Weise, die Sie sich gar nicht vorstellen können!"

Und doch: War in jenem Gesamtkompositum in den "Tagesthemen", das den Metzgersohn aus Gerabronn als ergrauten Lehnsesselstrategen zeigte, nicht auch eine leise Ironie versteckt? Ein letztes, Schwejk-haftes Augenzwinkern, mit dem er das gespreizte Gehabe akademischer Spektabilitäten und damit wie schon so oft in seinem Leben den Operetten- und Rollencharakter der bürgerlichen Welt überhaupt, ihren ganzen falschen Budenzauber, auf geniale Weise freiwillig-unfreiwillig entlarvte?

Für solche Momente haben wir ihn doch immer gemocht - mehr vielleicht als jeden anderen Politiker. Und so gesehen wäre Fischer sich sogar in Princeton noch treu geblieben.

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