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Julia Roberts: Die Rückkehr der Königin

Seit sie nicht mehr nur Hollywoods weiblicher Superstar, sondern auch dreifache Mutter ist, wurde es etwas ruhiger um Julia Roberts. Umso erfreulicher deshalb, dass sie uns in den nächsten Wochen gleich mit zwei neuen Filmen beglücken wird.

Von Christine Kruttschnitt

War es das Lachen, als Richard Gere in "Pretty Woman" den Deckel der Schmuckschatulle zuklappte und ihre Finger noch drin waren? Ein unvergesslicher Julia-Moment; alle 120 Zähne blitzten, die kastanienroten Locken wippten, und man glaubte sogar ein leichtes Erröten zu erkennen, wie rührend. War es der schimmernde Augenaufschlag, mit dem sie in „Notting Hill“ jenen Ausspruch begleitete, der unbegleitet fast Brechreiz provozieren würde, aber aus ihrem Munde so originell und herzzerreißend klang, als hätte John Lennon ihn geschrieben: "Ich bin doch nur ein Mädchen, das vor einem Jungen steht und ihn bittet, es zu lieben!" Oder war der beste Julia-Moment der in "Erin Brockovich", wo sie über der Anrichte ihres bemerkenswerten Dekolletés lässig zu ihrem gaffenden Chef sagte: "Das nennt man Titten, Ed."

Seit bald 20 Jahren gelingen Julia Roberts diese Augenblicke, die Klassiker werden; die in wenigen Sekunden nicht nur die Essenz und die Seele des jeweiligen Films aufscheinen lassen, sondern auch die Signifikanz der Darstellerin bestätigen und stärken - als Verkörperung eines zeitgenössischen Stereotyps, der "modernen Frau", was sie "zur einzigen weiblichen Legende unserer Zeit" gemacht hat. Ah. Ja. Wer beim Lesen solcher Einschätzungen glasige Augen bekommt - sie stammen von Amerikas bedeutendsten Filmwissenschaftlern -, sei getröstet mit dem Hinweis, dass der so Gelobten selbst die Gesichtszüge in Richtung Gähnen entgleiten, wenn man mit ihr über das Phänomen Julia Roberts reden will. Über die Frage, weshalb sie erfolgreicher ist als alle anderen. Langlebiger. Weshalb sie zum Maßstab geworden ist für die ganze Branche („Hollywood sucht die nächste Julia Roberts!“). Weshalb das Publikum sie liebt wie keine Zweite und ebenjene Kritiker, wenn ihnen der analytische Text ausgeht, nur noch seufzend einräumen, sie sei halt ein Star. Der Star. Die Größte.

Ihre Schönheit ist seltsam beglückend

Ihr liebster Julia-Moment, sagt die nunmehr 40-jährige Oscar-Preisträgerin, komme weder in "Pretty Woman" vor noch sonst wo auf der Leinwand. Er geschah im Wochenbett. "Die Geburt meiner drei Kinder", sagt Julia Roberts und schickt jenen Augenaufschlag mit, der, Simsalabim, aus Klischees überraschende, einleuchtende Wahrheiten macht. Sie sitzt an diesem Wintertag in Los Angeles zum Interview in einem Zimmer ausgerechnet jenes Hotels, das einst Schauplatz war für ihren ersten großen Erfolg: In "Pretty Woman" schleppt ein New Yorker Millionär, gespielt von Richard Gere, das langbeinige Straßenmädchen ins "Beverly Wilshire" und erkennt im Luxus seiner Penthouse-Suite ihr goldenes Herz. 18 Jahre ist das her. "Ich war seitdem nie wieder hier", sagt Julia Roberts achselzuckend; kein Grund, sentimental zu werden.

Überhaupt wirkt sie recht sachlich. Als könnte sie gut zupacken. Was sie die vergangenen drei Jahre im Wesentlichen auch getan hat: ihre Zwillinge herumgeschleppt, in Buggys geschoben, auf Rutschen gehoben. Hazel und Phinnaeus wurden im November 2004 geboren, ihr Sohn Henry vor knapp acht Monaten. Sie ist zurzeit noch ein wenig schwer in den Hüften, aber eine Hunger-Elfe wie viele ihrer Kolleginnen war sie nie. Und: Kein Mensch interessiert sich in Wirklichkeit für Julia Roberts’ Körper (ihr Superausschnitt in "Erin Brockovich" war das Ergebnis ausgeklügelter Schnürtechnik und für sie etwa so typisch wie ein Buch in der Hand von Britney Spears). Nein, das ganze Geheimnis von Julia Roberts liegt in ihrem Gesicht. Es ist so zart; selbst wenn ihr Hintern auf die Größe von Grönland wüchse, bekäme sie kein Doppelkinn. Ihre Schönheit ist seltsam beglückend; als hätte man zufällig den richtigen Winkel erwischt, um eine Harmonie in diesen Zügen zu erkennen, die so gar nicht einheitlich sind. Der große, immer wie leicht geschürzte Mund. Die delikate, doch krumme Nase. Die braunen Augen, wie am Platz gehalten von weit vorspringenden Wangenknochen. Ihr Blick ist minimal aus dem Lot, das i-Tüpfelchen auf der perfekten Nichtperfektion. Wie sie da sitzt und über ihren neuen Film redet, "Der Krieg des Charlie Wilson", sieht sie kaum älter aus als damals, im Schaumbad in der Penthouse-Suite.

"Ich bin nie besonders ehrgeizig gewesen"

Anders nun auf der Leinwand. In "Charlie Wilson" spielt sie die rund 50-jährige texanische Millionärin Joanne Herring, ein blond gefärbtes "Dallas"-Power-Paket mit Silikonbusen und so viel Make-up im Gesicht wie alle vier Jungs von "Kiss", nur in anderen Farben. Sie ist nicht die ideale Besetzung für die Rolle, macht aber das Beste daraus. Sie wollte eben unbedingt wieder mit Mike Nichols arbeiten, ihrem Regisseur von "Hautnah", jenem Beziehungsdrama, in dem sie eine betrügerische Ehefrau spielte. Und die Idee wiederum, Hollywoods beliebteste Schauspielerin mit Hollywoods beliebtestem Schauspieler zu vereinen - nämlich Hauptdarsteller Tom Hanks -, muss die Produzenten ganz närrisch gemacht haben vor Glück: Allein in den USA haben die Filme der beiden zusammengenommen fünfeinhalb Milliarden Dollar eingespielt; mehr als fünfmal so viel wie die Summe, die Wilson zur Vertreibung der Sowjets aufbrachte (siehe Kasten auf Seite 141). Ihr Julia-Moment sieht so aus: Er, Hanks, weicht sich gerade postkoital in der Wanne ein, sie sitzt am Schminktisch und tuscht die Wimpern. Und während sie ihrem Gelegenheitsliebhaber Wilson dezidiert einen Schlachtplan zur Befreiung Afghanistans skizziert, trennt sie die von Mascara verklebten Härchen schön einzeln mit einer aufgebogenen Büroklammer.

So macht man das im Süden, Julia kommt aus Georgia, wo die Mädchen heftigen Dialekt reden und sich noch heftiger bemalen. Als sie am Set ihre Klammer auspackte und mit dem Gefiesel anfing, stöhnte Hanks auf. "Niemand wird bemerken, was ich mache. Alle achten nur auf Julia!" Nun ist das bekanntlich immer so. Kommende Woche wird sie wohl Berlin auf den Kopf stellen, wo sie auf der Berlinale ihren nächsten Film, das Familiendrama "Fireflies in the Garden", präsentieren soll. Da wird viel von Comeback die Rede sein. Sie seufzt. Eigentlich habe sie nie viel mehr gedreht, sagt sie. "Ich bin nie besonders ehrgeizig gewesen. Und jetzt, mit der Familie, habe ich alles natürlich noch mehr runtergeschraubt." Sie verdient pro Film bis zu 25 Millionen Dollar, aber sie träumt vom ganz einfachen Leben. Sie wäscht die Windeln ihrer Babys und propagiert Biodiesel, bemüht sich, das Abendessen selbst zu kochen, und strickt dem Nachwuchs eigenhändig Strampler. Ihr Gatte ist Kameramann; niemand würde seinen Namen kennen, hätte es da nicht vor sechs Jahren eine Hochzeit auf Julias Ranch in Taos gegeben, einem Künstlerparadies in New Mexico. Sie lernte Daniel Moder bei den Dreharbeiten zum Roadmovie "The Mexican" kennen. Er war damals noch verheiratet, aber "ihr ganzer Körper" sagte ihr: der oder keiner.

Sie ist nicht zur Strickliesel mutiert

Julia Roberts und die Männer, das war eher immer eine Lachnummer. Ihren Verlobten Kiefer Sutherland ließ sie praktisch am Altar stehen, und die kurzlebige Ehe mit dem sanftmütigen Musiker Lyle Lovett wurde belächelt, als hätte sie einen Pinguin geheiratet. Immer wieder hörte man von Beziehungen mit ihren Co-Stars. Dagegen ist Moder geradezu unspektakulär; ein Surfer-Typ aus Kalifornien, der den Presserummel um seine Frau und nun auch um seine Person aus tiefstem Herzen hasst. Das Paar ist um Normalität bemüht; kürzlich stellte Julia einen Paparazzo zur Rede, er solle gefälligst ihre Kinder in Ruhe lassen. Das Mädchen aus Smyrna, Tochter eines Staubsaugervertreters und einer Sekretärin, das in Hollywood zum Superstar wurde, will nun wieder zurück in die Kleinstadt; mental zumindest. In ein geträumtes Dorf, wo Kinder auf der Straße Ball spielen und abends Milch von glücklichen Kühen trinken. Und wo Julia Roberts niemand anders ist als die Mama, die das Zahnen lindert und Biokartoffelbrei kocht. Nein, keine Sorge. Sie produziert Filme, hat für zwei neue Rollen unterschrieben und engagiert sich für eine Aids-Kampagne. Julia Roberts ist nicht zur Strickliesel mutiert. Sie ist nur weniger denn je scharf darauf, Julia-Momente zu schaffen, da es jenseits der Kamera doch ein ganzes Julia-Dasein gibt.

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