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Jahrzehntelange Diskriminierung: Justin Trudeau entschuldigt sich unter Tränen bei Homosexuellen

Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle wurden in Kanada jahrzehntelang diskriminiert und kriminalisiert. In einer emotionalen Rede hat Premier Justin Trudeau die benachteiligten Gruppen jetzt um Verzeihung gebeten.

Kanadas Premierminister Justin Trudeau bei seiner Rede im Parlament in Ottawa

"Wir werden niemals zulassen, dass so etwas noch einmal passiert": Premierminister Justin Trudeau bei seiner Entschuldigung an Kanadas LGBTQ2-Gemeinden im Parlament in Ottawa

Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat sich in einer emotionalen Rede bei den Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen (LGBTQ2) des Landes für Jahrzehnte der Diskriminierung durch den Staat entschuldigt. "Ihr seid Fachkräfte. Ihr seid Patrioten. Und vor allem seid ihr unschuldig. Für all Euer Leid verdient ihr Gerechtigkeit und Frieden", sagte Trudeau im kanadischen Unterhaus in Ottawa.

Justin Trudeau spricht von "kollektiver Schande"

Unter Tränen bat der Premier die LGBTQ2-Gemeinden auf Englisch und Französisch um Verzeihung: "Im Namen der Regierung, des Parlaments und des kanadischen Volkes: Wir haben Fehler gemacht. Es tut uns leid. Wir werden niemals zulassen, dass so etwas noch einmal passiert", erklärte er. "Es ist unsere kollektive Schande, dass ihr so schlecht behandelt wurdet. Und es ist unsere kollektive Schande, dass es bis zu dieser Entschuldigung so lange gedauert hat."

Gegen Ende seiner Rede richtete Trudeau sich auch an die Außenwelt: "Kanada wird erhobenen Hauptes auf der internationalen Bühne stehen und sich stolz für die Gleichberechtigung von LGBTQ2-Gemeinden überall auf der Welt einsetzen." Die "2" am Ende von LGBTQ2 steht für "two-spirit", damit sind im Falle Kanadas die LGBTQ unter den Ureinwohnern gemeint. Die Abgeordneten im Parlament unterbrachen Trudeaus Rede mehrfach mit stehenden Ovationen.

Mit der Entschuldigung wandte sich der Premier an Menschen, die zwischen den 1950er- und 1990er-Jahren in Kanadas Bundesbehörden, der Armee, der Bundespolizei und den Geheimdiensten wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert und teilweise aus dem Staatsdienst entlassen worden waren. Trudeau kündigte die Zahlung von umgerechnet mehr als 67 Millionen Euro an, um eine Sammelklage Tausender Kanadier wegen ihrer Entlassung aus Gründen der sexuellen Orientierung beizulegen.

Trudeaus Vater entkriminalisierte Homosexualität

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Kanadas Behörden systematisch Schwule und Lesben aus dem Staatsdienst drängen wollen, weil sie diese für erpressbar durch die Sowjetunion hielten. In den 1960er-Jahren hatte Kanadas Polizei dabei Listen mit Namen Tausender mutmaßlicher Homosexueller angelegt. Sie brachte auch Maschinen zum Einsatz, mit denen die Reaktion der Pupillen von Verdächtigen auf homosexuelle Pornografie gemessen wurde, um die Verdächtigen so als schwul zu entlarven.

Homosexualität in Kanada wurde 1969 entkriminalisiert. Das Gesetz hatte der damalige Justizminister - und spätere Premierminister - Pierre Trudeau eingebracht. Er war der Vater des derzeitigen Regierungschefs. Justin Trudeau hat sich immer wieder für die Rechte von Homosexuellen eingesetzt.

Justin Trudeau und sein Sohn Hadrien


mad, mit AFP/DPA