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Kylie Minogue: "Es ist noch nicht vorbei"

Sie hat sich auf die Bühne zurückgekämpft: Kylie Minogue setzt jene Tournee fort, die sie 2005 wegen ihrer Brustkrebs-Erkrankung abbrechen musste. Doch aus dem Showgirl ist eine nachdenkliche Frau geworden.

Von Jochen Siemens

Einen Stuhl, sagt sie, wird sie brauchen. Zum Ausruhen, zum Luftholen. Und sie wird auch nicht mehr so die hopsende Puppe, das Pop-Candy sein, wie sie es war. "Ich bin nicht sicher, ob ich all das noch kann", sagt Kylie Minogue, es wird alles ein wenig wie in Zeitlupe sein, "keine schnellen Wechsel mehr". Und es wird vielleicht das letzte Mal sein, wenn sie am 11. November mit dem Spektakel Kylie Minogue in Australien wieder auf die Bühne geht und eine Welttournee fortsetzt, die so abrupt im Mai 2005 unterbrochen wurde.

Natürlich hat sich Kylie Minogue damals gefragt, was sie falsch gemacht hat. Jede Frau fragt sich das, wenn der Arzt ihr sagt, dieser Knoten da in der Brust sei eine ernste Sache. Die Diagnose Brustkrebs wirft jede Frau um, aber bei Kylie Minogue stand ein ganzes Land unter Schock. Etwa 300.000 Besucher hatten damals im "Melbourne Art Centre" eine Ausstellung ihrer Bühnenkleider gesehen. Das muss man sich mal vorstellen, Menschen stehen Schlange, als ob ein Glitzerkleid Größe 28 ein van Gogh wäre. Fast alle Konzerte ihrer "Showgirl"- Tour waren in Australien schon ausverkauft, Kylie Minogue war mal wieder ganz, ganz oben. Und fiel ganz tief.

Die Nation zitterte mit Nationaltochter Kylie

Nie zuvor hatte die Erkrankung eines Popstars ein Land so aufgewühlt, wie Kylies Schicksal es mit Australien tat. Abendnachrichten, Talkshows, Sondersendungen - die Nation zitterte mit Nationaltochter Kylie, selbst Premierminister John Howard sagte im Radio: "Wenn eine junge Frau wie Kylie so eine Diagnose erfährt, lässt einen das erschaudern. Alle Australier fühlen mit ihr." Und als nach der Diagnose 40 Prozent mehr Frauen zu Vorsorgeuntersuchungen gingen, nannten es die australischen Ärzte den "Kylie-Effekt". "Warst du schon?" gehörte unter Frauen zu den alltäglichsten Fragen, und selbst Teenager auf den Schulhöfen wussten zwischen duktalen und lobulären Karzinomen zu unterscheiden. Dr. Helen Zorbas, Direktorin des "National Breast Cancer Center", sagte: "Kylies Diagnose hat der Krebsstatistik ein Gesicht gegeben und wird hoffentlich helfen, ein neues Bewusstsein zu schaffen."

Noch im Mai 2005 wurde bei Minogue eine Geschwulst von der Größe eines Golfballs entfernt, im Sommer des Jahres ging die 1,55 Meter kleine Sängerin für die Tortur einer Chemotherapie nach Paris. Die Haare fielen ihr aus, man sah Bilder eines abgemagerten Schattens, der mit Freund Olivier Martinez durch Paris wankte.

Nun würde es zu den Soap-getränkten Strickmustern des Popgeschäfts gehören, heute aus Minogues Schicksal ein glamouröses und lukratives Comeback zu machen: Aus der Chemo wieder auf die Bühne, seht her, so ein Krebs ist wie Akne, man kann alles besiegen. Die etwas stämmige Aktion der ebenfalls erkrankten Sängerin Anastacia, sich bei der Brust-OP filmen zu lassen, hatte außer ein paar Schlagzeilen wenig Effekt. Krankheiten wie Krebs passen nicht ins Zuckergeschäft des Pop, sie irritieren die Maschinerie der Spaßgesellschaft. Umso erstaunlicher wirkt nun die Reife des ehemaligen Heile-Welt-Girlies Kylie Minogue. Bereits vor der Diagnose, sagt sie, habe sie leise Ahnungen über die Halbwertzeit ihres eigenen Produktes gehabt: "Ich hatte schon manchmal gedacht, vielleicht bin ich zu alt für dieses Geschäft. Und ich fühlte mich müde", sagt sie, die weltweit 40 Millionen Singles und 25 Millionen Alben verkauft hat.

"Es ist unfassbar, wenn das Haar wieder wächst"

Als zum Jahreswechsel 2005/06 die britische "Sun" meldete, Kylie habe in Paris das Ende der Chemotherapie und den Sieg über die Krankheit ausgiebig gefeiert, dementierte sie entschieden, wissend, dass man eine Krebserkrankung nicht hinter sich lässt wie einen Husten. Mindestens fünf Jahre, so die Grundregel unter Ärzten, müsse man abwarten, ob sich der Tumor wieder regt. Ob er gewandert ist und sich im Körper versteckt hat. Und selbst nach fünf Jahren gilt "geheilt" nur unter Vorbehalt.

Kylie Minogue weiß das, die Chemotherapie hat sie gedanklich näher an das Ende geführt, als man bisher ahnte. Für den Fall der Fälle hatte sie sich eine Liste der Dinge ausgedacht, die sie vor ihrem Abschied noch machen wollte: "Langusten essen in Portofino, von Paparazzi ungestört im Meer liegen, Ja sagen zum extra Glas Wein" Als im Oktober vergangenen Jahres ihr Körpergewicht dramatisch abnahm, alarmierte sie einen Ernährungsspezialisten, um ihr Dahinschwinden aufzuhalten. Sie nahm wieder zu und beschrieb die Qualen nach dem Ende der Chemotherapie, das Warten auf die Nachricht, ob der Krebs gestoppt sei: "Das war sehr schwer, man sitzt am Telefon und wartet auf den Anruf. Ich kann heute noch nicht wirklich glauben, hier zu sein." Später, sagt sie, kamen die unglaublichen Momente, in denen sich das Leben im Körper zurückmeldete. "Es ist unfassbar, wenn das Haar wieder wächst. Und du jeden Morgen eine neue Augenbraue oder eine neue Wimper begrüßt."

Aber, sagt sie, "es ist noch nicht vorbei. Ich brauche immer noch Medikamente. Ich werde regelmäßig untersucht. Wenn ich den Krebs nur ein bisschen später entdeckt hätte, dann wäre die Geschichte anders verlaufen". Das sagt sie fast tonlos. Damals, gleich nach der Operation, hatte sie auch alle Firmen und Sponsoren, mit denen sie arbeitete, von allen Verpflichtungen ihr gegenüber befreit. Minogue kannte das Popgeschäft, sie wollte keine Partner aus Mitleid.

Wenn sie jetzt wieder auf die Bühne geht, ist das Minogues Rückkehr in ihr Leben. Aber es ist auch eine Art Abschied von einem früheren Leben: "Ich will noch einmal diesen Berg besteigen, aber nicht mehr auf dem Gipfel herumturnen." Sie ist jetzt 38 und könnte sich ein anderes, ein privateres Leben vorstellen.

Doch auch da liegen Steine im Weg. Kylie Minogue hat sich Eizellen entnehmen und einfrieren lassen, aber die Ärzte haben ihr geraten, mit einer Befruchtung noch zwei, drei Jahre zu warten, bis sicher sei, dass sich der Krebs verzogen hat. Dann wäre sie Anfang 40, "wir werden sehen", sagt sie. Die Krankheit hat sie und ihren Freund, den Schauspieler Olivier Martinez, näher zusammengebracht, aber die Boulevardpresse registrierte empört die Weigerung Martinez', nun endlich zu heiraten. Sechs Jahre will er noch warten, sagte er, weil man immer sechs Jahre warten sollte. Es klang, als rede er nicht von der Liebe, sondern von der Krankheit.

Auf der Bühne wird Kylie Minogue nun einen ihrer größten Bubblegum-Hits singen: "I Should Be So Lucky", ich sollte so glücklich sein. Es wird zum ersten Mal ein eher trauriges Lied sein.

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