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Lady Diana: "Als Feindin einfach unschlagbar"

Sie war so herzensgut wie rachsüchtig, sie bezauberte das Volk und terrorisierte ihren Gatten: Vor zehn Jahren starb Lady Diana. Ein Gespräch mit der Journalistin Tina Brown, die eine neue Biografie über die Prinzessin verfasst hat. Lesen Sie das erste Kapitel vorab - exklusiv bei stern.de.

Mrs Brown, was hat Sie dazu getrieben, eine Biografie über eine Frau zu schreiben, die ununterbrochen allen alles von sich erzählte?

Zehn Jahre nach ihrem Tod ist es an der Zeit, sich zu fragen, warum Diana eine Ikone des 20. Jahrhunderts war. Außerdem erzählte sie ja stets nur das, was sie uns wissen lassen wollte. In das Buch "Diana - Ihre wahre Geschichte" beispielsweise diktierte sie dem Autor Andrew Morton, Prinz Charles hätte sich bei ihrem ersten gemeinsamen Picknick total in sie verguckt. In Wahrheit hat sie sich auf seinen Schoß gesetzt und gnadenlos mit den Wimpern geklimpert. Auch sagte sie, sie habe einen Selbstmordversuch verübt, als sie mit William schwanger war, in dem sie sich auf Schloss Balmoral die Treppen runterstürzte. Sie ist aber schlicht gestolpert, drei Stufen runtergerutscht, und Charles hat sich rührend um sie gekümmert. Beide haben sehr am Mythos gestrickt.

Sie sind Diana ein paarmal begegnet. Wie haben Sie die Lady erlebt?

Das erste Mal traf ich sie 1981, sechs Monate nach ihrer Hochzeit, bei einem Empfang in der amerikanischen Botschaft in London. Damals war sie sehr schüchtern, sehr naiv - eine scheue Gazelle. Zuletzt sah ich sie im Juli 1997, kurz vor ihrem Tod, bei einem Lunch in New York mit Anna Wintour, der "Vogue"-Chefredakteurin. Aus dem Mädchen von einst war ein globaler Superstar geworden. Die Frau, die da in einem elektrisierend grünen Kostüm ins Restaurant des "Four Seasons" spazierte, wirkte gigantisch, wie eine überdimensionale Barbarella. Wow! Als hätte man Angelina Jolie mit Nicole Kidman gekreuzt.

Bei der Lektüre Ihres Buches wird einem nicht ganz klar, was Sie von Diana halten. Mal schreiben Sie Zeilen voller Bewunderung, mal erscheint die Prinzessin als larmoyante Nervensäge.

Als ich an ihrer Biografie saß, wurde sie mir richtig sympathisch, womit ich anfangs nicht gerechnet hatte. Sie ist wie die Sorte Freundin, die man liebt und von der man weiß, dass sie eine herzensgute Person ist, obwohl sie ständig Dinge tut, die einen in den Wahnsinn treiben.

Was schätzen Sie an ihr?

Sie hatte einen unglaublichen und manchmal auch sehr amüsanten Schneid. Als sie sich Mitte der 90er Jahre in den pakistanischen Herzchirurgen Hasnat Khan verliebt hatte, wurde sie einmal von einem Reporter dabei erwischt, wie sie um Mitternacht zu seinem Krankenhaus fuhr, um ihn abzuholen. Natürlich wollte sie nicht zugeben, dass sie ein Rendezvous mit einem Muslim hatte. Also behauptete sie, dass sie dreimal in der Woche Sterbenskranke besuche, um Gutes zu tun.

Prompt galt sie als durchgeknallter Todesgroupie, und die Satirezeitschrift "Private Eye" schlug vor, allen Patienten eine Plakette zu geben, auf der stehen sollte: "Bei Verlust des Bewusstseins bitte keine Besuche der Prinzessin von Wales!"

Aber das Image einer Irren zu haben war ihr lieber, als die Wahrheit preiszugeben.

War Diana mutig?

Sie war eine echte Draufgängerin. Wer von uns geht schon gern durch ein Minenfeld? Sie hat es getan, kurz vor ihrem Tod, so wie sie Aids- und Leprakranken die Hand gehalten hat. Außerdem hatte sie die Courage, den Windsors die Stirn zu bieten, von Anfang an, trotz all ihrer Schüchternheit. So hat sie es geschafft, aus ihren Söhnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten normale Jungs zu machen, Oshkosh-Prinzen gewissermaßen. Einmal sagte Prinz Philip, ihr Schwiegervater, zu ihr: "Mädchen, wenn du dich nicht benimmst, nehmen wir dir deinen Titel weg." Diana, Mitglied einer der ältesten aristokratischen Familien Englands, antwortete nur: "Mein Titel ist älter als deiner." Sie war die Einzige in der Familie, die keine Angst vor ihm hatte.

Und was nervt Sie an Diana?

Bei all ihrer emotionalen Intelligenz war sie auf geradezu verheerende Weise ungebildet.

Das war nicht ihre Schuld.

Nein, es war ihre Familie, die dachte, dass man höhere Töchter ohne Schulabschluss ins Leben schicken kann. Ich fürchte, sie hat außer den Romanen von Barbara Cartland kein einziges Buch zu Ende gelesen.

Na, Andrew Mortons Werk über sie selbst dürfte sie auch verschlungen haben.

Ja, aber dabei ist es geblieben. Ihr Mangel an Bildung führte gegen Ende ihres Lebens auch dazu, dass sie anfing zu glauben, was die Zeitungen über sie schrieben. So sagte sie mir damals in New York, ohne mit der Wimper zu zucken, sie könne den Konflikt in Nordirland lösen. Das war purer Größenwahn. Und weil sie kaum Interessen hatte und immerfort mit sich selbst beschäftigt war, fühlte sie sich oft furchtbar einsam. Wenn sie nach Hause kam, in den Kensington Palast, hatte die Königin der Welt keinen, mit dem sie reden konnte.

Sie beschreiben Diana auch als boshafte Intrigantin. So vermuten Sie, dass Prinz Andrews Frau Sarah Ferguson aufgrund eines Tipps ihrer Schwägerin seinerzeit in Südfrankreich dabei fotografiert wurde, wie sie sich die Zehen von ihrem amerikanischen Finanzberater lutschen ließ - Diana habe von einer hässlichen Biografie ablenken wollen, die über sie erscheinen sollte.

Ja, Diana konnte ziemlich verschlagen sein. Aufgrund ihrer Kindheit war sie emotional zu bedürftig und unglaublich unsicher. Es gab kein weibliches Vorbild in ihrem Leben. Sie kam aus einer katastrophalen Familie, ihre Eltern wechselten nach der Scheidung kein Wort mehr miteinander, ihre Großmutter liebte das Establishment mehr als die eigene Tochter und sorgte dafür, dass diese das Sorgerecht für ihre Kinder verlor. Diana hatte diese schreckliche Wut im Bauch. Als Feindin war sie furchtbar - rachsüchtig, engstirnig, grausam.

Der Erste, der das merkte, war Prinz Charles.

Er hatte diesen schüchternen Teenager geheiratet, von dem auch Camilla sich nicht bedroht fühlte; sie dachte, die gefügige Diana würde ihren Status als Mätresse nicht gefährden. Doch dann begann die Maus zu brüllen. Und die Welt war Zeuge ihrer Verwandlung. Dianas Leben wurde die Seifenoper des Planeten, dafür hat sie unablässig gesorgt.

Hatten Diana und Charles je eine Chance?

Vielleicht, wenn man sie in Ruhe gelassen hätte. Es gibt Bilder von ihrer zweiten Hochzeitsreise in die Karibik, als Diana mit William schwanger war. Meilenweit von den Windsors und von Camilla entfernt, wirkten sie vergnügt. Aber Diana ist viel zu jung in eine Situation hineingeraten, die das Gegenteil von dem war, was sie brauchte. Da war dieses Mädchen, das nach Liebe, Aufmerksamkeit, Wärme und Treue schrie. Und dann hieß es: Darf ich dir deine Schwiegereltern vorstellen? Hurra, die Windsors!

Familie Tiefkühlschrank.

Die Queen ist bewundernswert, aber nicht die Ersatzmutter, die Diana brauchte.

Kann man sagen, dass Prinz Charles für Diana trotz allem die Liebe ihres Lebens war?

Leider. Alle Männer liebten sie, bis auf einen, und das war ihr Ehemann. Er war unerreichbar für sie. Und er liebte eine andere, Camilla, weniger hübsch, weniger jung. Diana ist darüber verrückt geworden. Und Charles um ein Haar auch. Denn als Feindin war seine Frau einfach unschlagbar. Sie hat ihn erst wirklich verstanden, als sie über 30 war und die Ehe am Ende. Wäre er da auf sie zugegangen, hätten sie vielleicht noch eine Chance gehabt, aber er hat es nie getan.

Warum auch? Sie war ihm zu anstrengend.

Es ist für jeden Mann schwierig, mit einer Frau zu leben, die unter Bulimie leidet, aber der Prinz von Wales war dafür nun wirklich nicht gerüstet. Er fand das scheußlich; das ist ja auch sexuell abtörnend. Außerdem fühlte er sich von ihr bedroht. Als er sie heiratete, dachte er, er sei der Superstar und sie das schmückende Beiwerk. Charles hat nie begriffen, was für ein Trumpf Diana für die Monarchie war. Es war seine kleinliche Eifersucht, die ihn in Camillas Arme zurücktrieb. Sie gab ihm, was er brauchte: das Gefühl, Gott zu sein. Ich bin übrigens sicher, dass die beiden ihre Liaison nicht erst nach der Geburt von Harry und dem Ende der Ehe wieder aufnahmen, sondern weitaus früher, nämlich kurz nach der Geburt von William.

Wie kommen Sie darauf?

Weil alle seine Freunde ständig wie auf Befehl wiederholen: Die Beziehung begann erst wieder nach der Geburt von Harry. Meiner Ansicht nach hat man ihnen geraten, genau dies zu sagen.

Dianas Lover waren auch nicht die Richtigen für sie. Warum diese Fehlgriffe?

Weil sie vom Prinzen besessen war. Im Grunde waren das alles schlechte Kopien ihres Gatten, frisch gewaschen, freundlich, nicht sehr aufregend. Das trifft besonders auf James Hewitt zu, der Charles immer imitiert hat.

Es gibt das schöne Gerücht, Hewitt sei der Vater von Harry. Was halten Sie davon?

Es schien mir so lange plausibel, bis ich auf Althorp war, dem Familiensitz der Spencers, und auf die Wände geschaut habe. Dianas Ahnen sehen alle aus wie der rothaarige und draufgängerische Harry, ihnen gleicht er viel mehr als Hewitt.

Ihre letzten Begleiter aber passten nicht in Dianas Beuteschema. Suchte sie doch noch einen Anti-Charles?

Hasnat Khan ist interessant und seriös, ein echter Mann. Und deswegen hat er nicht Diana gewählt, sondern seinen Beruf als Arzt. Als ich sie damals in New York traf, fragte sie: "Wer will mich denn haben?" Bizarr, denn die Antwort schien sonnenklar: jeder Mann in diesem Restaurant! Doch im Nachhinein denke ich: Kaum einer hätte Lust gehabt, sein Leben aufzugeben, um fortan nur noch in der Klatschpresse zu existieren - selbst für Diana nicht. Das Einzige, was sie bekommen konnte, war ein Handtaschenträger.

So wie Dodi al Fayed.

Ach, in ihren letzten Wochen an Dodis Seite war sie im falschen Film.

Sie beschreiben den ägyptischen Milliardärssohn als rastlosen und unzuverlässigen Kokser. Was wollte Diana von ihm? War er ihr Sommerspielzeug?

Dodi war lieb und charmant. Das tat ihr gut, weil sie nach der Trennung von Khan wieder mal einsam war. Aber er war überhaupt nicht ihr Typ, und sie begann bald, sich über den pharaonisch vergoldeten Geschmack der Fayeds lustig zu machen. An ihrem letzten Abend im Ritz hat sie geweint, es wuchs ihr alles über den Kopf, das permanente Chaos, die ständigen Ortswechsel. Und sie vermisste ihre Söhne.

Sie schreiben, Diana habe sich bei ihrem letzten Telefonat mit William gestritten – wegen Dodi.

Ja, William fragte sie: "Was zur Hölle tust du da?" Er fand die Affäre entsetzlich peinlich und vulgär.

Könnte seine Mutter noch leben, wenn sie geschulte Leibwächter gehabt hätte?

Selbstverständlich. Kein Bodyguard der königlichen Familie hätte ihr je erlaubt, zu Henri Paul in diesen Mercedes zu steigen. Unbekannter Fahrer? Niemals! Aber sie wollte den Schutz der Windsors nicht, dazu war sie zu paranoid. Sie unterstellte ihnen, ihr nachzuspionieren. Und so war sie Freiwild für die Fotografen, mit denen sie eine verhängnisvolle Affäre hatte. Es war ein tödliches Duell.

Was ist das Vermächtnis der Prinzessin?

Sie hat die Monarchie modernisiert. Nach den Bombenattentaten in London im Sommer 2005 zum Beispiel besuchte die Queen sofort die Opfer - und nicht erst dann, als laut Terminkalender Zeit dafür gewesen wäre. Auch Charles ist heute durchaus spontaner, er hat ihr viel zu verdanken. Tony Blair sagte mir: "Diana hat uns eine neue Art gelehrt, Briten zu sein." Er hat recht: Wir sind toleranter, offener und emotionaler geworden.

Interview: Ulrike von Bülow und Stefanie Rosenkranz / print