HOME

Lars Saabye Christensen: Seltsame Käuze

Der Norweger Lars Saabye Christensen erzählt in seinem wunderbaren Roman "Der Halbbruder" von den Geheimnissen und Schrullen einer Familie.

Wenn er von seinen Geschichten er zählt, sagt er, dass er auf sie aufpassen muss. "Einen Roman kann man mit einem einzigen Satz ruinieren", findet er. "Und dann ist alles langweilig. Es muss ein Geheimnis geben. Kein Verbrechen, aber ein Geheimnis." Lars Saabye Christensen strahlt. Natürlich freut es ihn, wenn ihn die Leute in Oslo auf der Straße fragen, wer Freds Vater ist oder nach den anderen Dingen, die seine Familiensaga "Der Halbbruder" nicht auf Anhieb verrät. "Ich beantworte es nicht", sagt er und lächelt. "Aber wenn Sie sehr aufmerksam lesen, werden Sie die Antworten finden." SEIN HELD HEISST BARNUM, ein Drehbuchautor, der die Geschichte seiner Familie

erzählt, die seiner Mutter, Großmutter und Urgroßmutter und vor allem die seines älteren Halbbruders Fred. Als Junge wird Barnum ständig verprügelt, weil er so klein ist. Einer mit blonden Locken und der ständigen Angst, das Falsche zu tun. Fred ist das Gegenteil: groß und mit Zorn in den Augen. Einer, der raucht und manchmal tagelang verschwindet. Gezeugt wurde Fred bei einer Vergewaltigung am Tag, als der Krieg zu Ende ging. Aber davon weiß Barnum lange nichts. Nur, dass er Fred liebt und manchmal fürchtet und nicht versteht, warum der so eine Wut in sich trägt.

"Der Halbbruder" handelt von Familiengeheimnissen und kauzigen Außenseitern. "Was mir an Briefmarken am besten gefällt", sagt einer von ihnen, "ist die Tatsache, dass diejenigen, die falsch sind, am meisten wert sind." Auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik spielt dieser hinreißende Roman, an dem Christensen zehn Jahre geschrieben hat. Er ist so dicht erzählt, dass man ihn mehrmals lesen kann und immer noch Neues entdeckt. Für den "Halbbruder" erhielt der 50-Jährige neben anderen Auszeichnungen den Nordischen Literaturpreis; das Buch stand in seiner Heimat eineinhalb Jahre auf der Bestsellerliste.

Christensen wirkt wie einer, der lieber im Hintergrund bleibt, als die Hauptrolle zu spielen. Der am liebsten allein zu Hause sitzt und schreibt. Hat der Autor etwas mit seinem Helden gemeinsam? Er sagt, dass Barnum sich ständig Sorgen mache, da wären sie einander wohl ähnlich. Christensen lächelt und fügt dann etwas hinzu, das man auf Pakete schreibt, in denen Zerbrechliches ist: "Handle with care."

Das gilt es unbedingt zu beherzigen bei seinem wunderschönen Roman. Denn dann hinterlässt der ein angenehmes Gefühl von Glück. Darüber, dass es Geheimnisse gibt, die man selbst lüften muss.

Themen in diesem Artikel