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Brandauer spielt in "Das letzte Band": Das Leben als Variation von Atemzügen

Klaus Maria Brandauer steht wieder auf der Theaterbühne. In "Das letzte Band" spielt er einen alternden, sonderbaren Kauz. Es geht um Erinnerungen, Einsamkeit und um das, was uns am Leben hält.

Er hustet, er keucht, er jammert, schnieft und grunzt: Der kauzige Sonderling Krapp blickt auf sein Leben zurück. Er schlurft mit Rundbuckel über die Bühne und sitzt im Lichtkegel einer Lampe einsam an seinem Schreibtisch. Von einem Tonbandgerät hört er Aufnahmen, die er selbst aufgesprochen hat - vor 30 Jahren. Das Stück "Das letzte Band" von Samuel Beckett unter der Regie von Peter Stein zeigt einen Mann mit den Zügen eines Clowns: übergroße Schuhe, gewaltige Nase und graue Wuschelhaare. Der Krapp in dem Stück ist 69 Jahre alt - wie der Schauspieler, der ihn darstellt: Klaus Maria Brandauer.

Der gebürtige Österreicher ist seit langem eine Institution auf der Bühne und im Film. 1982 wird er mit Istvan Szabos "Mephisto" weltbekannt, für seine Nebenrolle in Sydney Pollacks "Jenseits von Afrika" bekommt er den Golden Globe, im Mai zeigt ihn das Erste in "Die Auslöschung", einem Alzheimer-Drama. "Das letzte Band" hat am Freitag Premiere in der Schinkel-Kirche im brandenburgischen Neuhardenberg (Märkisch-Oderland).

Wohl auch wegen der zufälligen Altersparallele in "Das letzte Band" fühlt Brandauer mit dem Mann, den er verkörpert. Aber nicht nur deshalb: "Das von Herrn Krapp, dieses Schicksal, das kann ich ganz gut nachvollziehen. Er hat große Probleme mit der Wiederholung", sagt der 69-Jährige. Auf jeden Atemzug folge ein neuer und ein neuer. Für den Krapp auf der Bühne scheint das immer wieder eine Qual zu sein - doch einige seiner Erinnerungen aus der Zeit als junger Mann erlösen ihn.

Auch Brandauer hat Schwierigkeiten mit dem Altwerden

"Und jetzt geht es darum, die Variation der Variation der Variation in diesen Atemzügen hinzubekommen", meint Brandauer. "Das ist unser Schicksal. Oder vielleicht auch unsere Lust."

Das Stück lebt von der Mimik und Gestik Brandauers. Mit Inbrunst und Verzweiflung isst er Bananen, blättert in Büchern, denkt und starrt. Minutenlang fällt kein Wort. Fast alles geht langsam, beschwerlich. Schließlich hört Krapp ein Tonband ab. Er als 39-Jähriger spricht über sein Leben und seine Gedanken als 27-Jähriger: Bianca, sterbende Mutter, vollbusige, unbekannte Frau. "Ich finde das eine ziemlich reale Geschichte, die da vor sich geht", sagt Brandauer. Seiner Meinung nach wird der Autor Beckett oft fälschlicherweise als einer der Begründer des absurden Theaters gehandelt.

Krapp wirkt zwar um Jahre älter als sein Darsteller. Doch auch Brandauer hadert mit dem Altwerden. "Das ganze Leben wird ein bisschen schwerer. Aber nicht deshalb, weil ich jetzt alt werde, sondern weil mir das Altwerden nicht gefällt", sagt er. "Ich finde es auch nicht gut, dass ich auf die Welt komme und schwuppdiwupp und dann muss ich wieder gehen."

Rückkehr nach Neuhardenberg

"Das letzte Band" ist Brandauers erste Beckett-Rolle, aber nicht die erste, für die der Schauspieler auf das platte Land nach Brandenburg gereist ist. Im vergangenen Sommer spielte er Shakespeares "Sommernachtstraum" als Ein-Personen-Stück in derselben kleinen Kirche unter einem aufgemalten Sternenhimmel. "Ich mag den Ort sehr gern. Die Kirche hat es mir angetan, aber auch der Ort drumherum, obwohl man hier sagen würde, das ist jwd", sagt Brandauer. "Es kehrt hier eine Stille ein."

Nach der Premiere ist "Das letzte Band" noch fünfmal in Neuhardenberg zu sehen. Danach folgen Gastspiele in Paris, Lissabon, Moskau und beim Movimentos-Festival in Wolfsburg.

fle/Anja Mia Neumann, DPA / DPA