HOME

Ulrich Mühe: Tod eines Getriebenen

Ulrich Mühe ist gestorben. Der Schauspieler verkörperte in dem Oscar-prämierten Film "Das Leben der Anderen" einen Stasi-Offizier.

Von Gerda-Marie Schönfeld

Wenn man ihn überhaupt auf den Partys der Hauptstadt traf, dann konnte man ihn glatt übersehen. Klein und zart, fast mager stand Ulrich Mühe meist in der Ecke, ein Glas vor sich, seine schöne blonde Frau, die Schauspielerin Susanne Lothar, neben sich, fast so, als müsse er ein wenig Schutz bei ihr suchen. Zärtlich nannte er die Hamburgerin "meine Freiheitsstatue". Sie war seine dritte Ehefrau.

Der melancholische Ulrich Mühe mit den unglaublich blauen Augen war nie ein Star, der die Szene betritt und alle Scheinwerfer auf sich zieht. So war es auch in diesem Februar in Hollywood, als Florian Henckel von Donnersmarcks Stasi-Drama "Das Leben der anderen" einen Überraschungs-Oscar erhielt und das adlige Riesenbaby Donnersmarck sein verdientes sensationelles Debüt auf allen Partys feierte, während man den Hauptdarsteller Ulrich Mühe, er ist der Stasi-Offizier, immer ein bisschen verloren herumstehen sah und seine Frau nicht von seiner Seite wich. Es war sein erster Besuch in Hollywood. Da war er schon ziemlich krank. Gleich nach der Rückkehr folgte eine komplizierte Magenoperation. Er sah nicht nur so aus, als würde er alles in sich hineinfressen. Er tat es auch.

Der Filmtrailer zu "Das Leben der Anderen"

In Hollywood trug Mühe übrigens ein T-Shirt mit der Aufschrift "Grimma-Sachsen". Dort wurde er 1953 geboren wurde, als Sohn eines Kürschnermeisters. Ganz leicht schimmerte sein weicher sächsischer Akzent immer noch durch. Der NVA-Dienst an der Berliner Mauer brachte ihm so heftige Magengeschwüre ein, dass er den Einsatz vorzeitig abbrechen musste. Vielleicht ist sein tödliches Magenleiden sogar auf diese Zeit zurückzuführen.

Auf Augenhöhe mit Müller-Stahl und Brandauer

Ab 1975 arbeitete der gelernte Baufacharbeiter Ulrich Mühe energisch auf eine Schauspielkarriere hin: Studium an der Leipziger Theaterhochschule "Hans Otto", Zusammenarbeit mit dem Ostberliner Regisseur und Dramatiker Heiner Müller, dann, ab 1983, Star des Ensembles am Deutschen Theater in Ostberlin. Die Kritiker stellten ihn in eine Reihe mit Armin Müller-Stahl und Klaus Maria Brandauer.

Es hagelte Preise und Auszeichnungen in Ost und West, und als im November 1989 die Mauer fiel, musste der DDR-Schauspieler Ulrich Mühe sich nicht erst im Westen bekannt machen. Er durfte schon Mitte der achtziger Jahre ins "kapitalistische Ausland". Und wenn er heimkam in sein Deutsches Theater, in seine DDR, dann merkte man ihm an, dass es nicht mehr seine war, und Neid verfolgte den Star, der in den Westen reisen durfte. "Uli wirkte immer alleene. Er hat nie mitjesoffen", sagt der Kollege Michael Gwisdek.

"Uli wirkte immer alleene"

Nach der Wende verkündete Ulrich Mühe verwegen in aller Öffentlichkeit, er habe in einer Diktatur gelebt. Auch das hat man ihm übel genommen. Lange her. Inzwischen wurde Mühe zum besten deutschen und besten euopäischen Schauspieler gekürt, mit zahlreichen Hauptrollen in Film, Fernsehen und auf der Bühne.

Ein unglückliches Nachspiel, eine posthume Ehetragödie beherrschte im vergangenen Jahr sein Leben: Mühe beschuldigte seine Exfrau, die Schauspielerin Jenny Gröllmann, sie habe für die Stasi gespitzelt. Sie wehrte sich erfolgreich dagegen und starb wenig später an Krebs. Sein beharrlicher Kampf gegen eine sterbende Frau, die einmal seine Ehefrau war, hat ihn viele Sympathien gekostet. Die DDR, sagte er später, lässt einen nie los.

Ulrich Mühe, Vater von fünf Kindern, starb am 22. Juli 2007 in Sachsen-Anhalt.