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Deutscher Filmpreis: Stasi schlägt Exorzismus

Die Vergabe des Deutschen Filmpreises versprach ein spannendes Duell zu werden. "Das Leben der Anderen" und "Requiem" lagen bei den Nominierungen vorn. Am Ende gab es einen klaren Sieger.

Von Carsten Heidböhmer

Zumindest für die Journalisten stand der Sieger des Abends schon vorher fest: Kein anderer Regisseur oder Schauspieler brauchte ähnlich lange, um den Parcours der Journalisten und Fotografen auf dem roten Teppich zu absolvieren, wie Florian Henckel von Donnersmarck. Es war schon 19 Uhr, alle übrigen Nominierten hatten sich in den Berliner Palais am Funkturm begeben, als der Shooting Star des deutschen Films noch immer geduldig Fragen beantwortete.

Drinnen setzte sich der Triumphzug dann fort: Gleich der erste Preis des Abends, die Lola für den besten Nebendarsteller, ging an Ulrich Tukur für seine Rolle in Donnersmarcks elf Mal nominierten "Das Leben der Anderen". Doch Hans-Christian Schmids zehnfach nominierter Film "Requiem", der zweite große Favorit des Abends, konnte umgehend ausgleichen: Imogen Kogge wurde als beste Nebendarstellerin geehrt.

Dann der Drehbuchpreis: 2:1 für Donnersmarck, der das Drehbuch zu seinem Film selbst verfasst hatte. Hagen Bogdanskis Kameraarbeit in dem Stasi-Drama konnte die Führung ausbauen - "Requiem" war in dieser Kategorie nicht nominiert.

Ulrich Mühe durfte dann die Lola als bester Hauptdarsteller für seine grandiose Darbietung eines Stasi-Offiziers in "Das Leben der Anderen". Damit stand des schnell 4:1. Doch mit der Lola an Bettina Marx für das beste Kostümbild konnte "Requiem" verkürzen - alle anderen Filme waren bis dato leer ausgegangen.

Mit der Preisverleihung für den besten Kinder- und Jugendfilm gab es dann eine kurze Verschnaufpause in dem Duell zweier Filme. Die Lola in dieser Kategorie ging an "Die Höhle des gelben Hundes" von Stephan Schesch.

Sandra Hüller ("Requiem") bekam in Abwesenheit die Lola als beste Hautpdarstellerin für ihre eindringliche Darstellung einer psychisch kranken Studentin verliehen, die glaubt, vom Teufel besessen zu sein. Nach dem Silbernen Bären auf der Berlinale war das schon der zweite große Preis, den die Schauspielerin für ihre erste Filmrolle einstreichen konnte. Damit stand es plötzlich nur noch 4:3 - alles wieder offen.

Die Trophäe als beste Filmmusik nahm Bert Wrede für seinen modernen, elektrifizierten Soundtrack zu Detlev Bucks "Knallhart" entgegen. Als bester Dokumentarfilm wurde "Lost Children" von Oliver Stolz ausgezeichnet.

Dann setzte sich das Duell fort: Silke Buhr wurde für ihr Szenenbild in Donnersmarcks Film ausgezeichnet, dafür konnte "Requiem" den Preis für die Tongestaltung einheimsen (Lars Ginzel, Dirk Jacob, Marc Parisotto, M. Steyer). Die Lola für den besten Schnitt ging zur Abwechslung an "Knallhart", Dirk Grau nahm die Statue entgegen.

Als Florian Henckel von Donnersmarck dann die Regie-Lola erhielt, war eine Vorentscheidung gefallen. Die Preisvergabe in der Kategorie bester Film folgte den Gesetzen der Arithmetik: Das bis dahin sechsfach ausgezeichnete Stasi-Drama erhielt die Lola in Gold, "Requiem" (vier Auszeichnungen) und "Knallhart" (zwei Preise) wurden mit der Silbernen Lola bedacht.

Mit dieser Entscheidung schloss sich die Jury dem Votum der Zuschauer an den Kinokassen an, die ebenfalls "Das Leben der Anderen" klar "Requiem" vorgezogen hatten. Doch es gab einen weiteren Gewinner an diesem Abend. Während der "Spiegel" unlängst mäkelte, dem deutschen Kino fehle es an Stars, zeigte sich der hiesige Film in diesem Jahr stark wie lange nicht mehr. So großartige Filme wie der Publikumsliebling "Sommer vorm Balkon" von Andreas Dresen oder Vanessa Jopps "Komm näher" wären in andere Jahren mit Trophäen überschüttet worden - angesichts der starken Konkurrenz gingen sie 2006 leer aus.

Bleibt nur zu hoffen, dass der Höhenflug des deutschen Films mit Triumphen auf der Berlinale und inzwischen regelmäßigen Oscar-Nominierungen anhält. Mit Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der Anderen" fand die Jury der Deutschen Filmakademie einen würdigen Sieger. Der Anfang 30-Jährige legte gleich mit seinem ersten Langfilm eine derart routinierte und stilsichere Arbeit hin, dass die Jury gar nicht anders konnte, als ihn mit Trophäen zu überhäufen. Donnersmarck erhielt seine Preise auch für solides Handwerk. Filme von Eintagsfliegen sehen anders aus. So wird der Regisseur auch in den nächsten Jahren des Öfteren die Tortur auf sich nehmen müssen und sich auf dem roten Teppich der neugierigen Journalisten-Meute stellen.