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Ricky Gervais und die Golden Globes: Böse Häme von einem großartigen Mistkerl

Der britische Comedian Ricky Gervais machte sich als Moderator der "Golden Globes" bitterböse über halb Hollywood lustig. Manchen Stars gefror das Lachen. Einige sehen das Ende seiner Karriere nah. Nur Michael Douglas hatte einen ähnlich starken Spruch auf Lager.

Von Sophie Albers

Zum 83. Mal wurden in Los Angeles die Golden Globes verliehen, hat Hollywood sich auf die eigene Schulter geklopft, Champagner geschlürft und die Brillianten funkeln lassen. Doch der Star des Abends war weder Natalie Portman, die sich als psychotische Ballerina in "Black Swan" einen Golden Globe ertanzte, noch Christian Bale, der sich den Preis mal wieder erhungerte (bester Nebendarsteller in "The Fighter"). Und es war auch nicht David Fincher mit seinem Golden-Globes-Haufen für "The Social Network". Nein, Star des Abends war der Mann, der durch den Abend führte: der Comedian Ricky Gervais. Kein Kleid war so offenherzig, kein Skandal so ätzend wie die Witze des extrabreit lachenden Über-Briten.

"Es wird eine Nacht des wilden Feierns und heftigen Trinkens", versprach der 49-Jährige gleich zu Beginn seines Rundumschlags. "Oder wie Charlie Sheen es nennen würde: Frühstück." Besonders viel Häme kassierte Florian Henckel von Donnersmarcks Hollywooddebüt "The Tourist", das von der US-Kritik geradezu massakriert worden war: Er habe "Tourist" nicht gesehen, "aber wer hat das schon?" Hauptdarstellerin Angelina Jolie hatte schon im vergangenen Jahr einiges einstecken müssen, als Gervais zum ersten Mal die Globes moderierte: "Da sieht ein kleines asiatisches Kind ein Bild von Angelina Jolie und denkt sofort 'Mami'!" Diesmal konzentrierte er sich etwas mehr auf Cher. Man habe die Jury mit einem Cher-Auftritt bestechen wollen. "Aber was ist das denn bitte für eine Bestechung? Wir haben nicht mehr 1975."

"Guck es einfach nicht an, wenn du es anfasst"

Auch "Sex and the City 2" musste dran glauben: "Ich war mir sicher, der Golden Globe für Spezialeffekte würde an das Team gehen, das das Poster bearbeitet hat. Mädels, wir wissen, wie alt ihr seid. Ich habe eine von euch in einer Folge von 'Bonanza' gesehen." Chris "Mister Big" Noth konnte lachen. Bruce Willis fand es weniger witzig, als Gervais ihn "Ashton Kutchers Vater" nannte. Und Robert Downey Jr. kam mit süffisanten Hinweisen auf seine Entziehungskuren auch nur bedingt zurecht. Die Erwähnung der TV-Serie "The Walking Dead" nutzte Gervais als Anlass, dem 84-jährigen "Playboy"-Gründer Hugh Hefner zu gratulieren, der gerade eine 24-Jährige geehelicht hat. "Als sie gefragt wurde, warum sie ihn geheiratet hat, meinte sie: 'Er hat gesagt, er sei schon 94.' Beruhig dich. Guck' es einfach nicht an, wenn du es anfasst", fügte Gervais wild grimassierend hinzu. Und "ein berühmter Scientologe" bekam noch eine verbale "Er ist übrigens schwul"-Kopfnuss verpasst.

Das Erstaunliche, aber auch Stand-Up-Comedian-Typische an "The Office"-Erfinder Gervais ist die Geschwindigkeit und Eleganz, mit der er in einem Fluss von Star zu Film zu Hollywood-Interna springt und mit einem verdammt scharfen Skalpell Demutstraditionen zersäbelt. Die Bigotterie hat tatsächlich Pause. Das schaffen sonst vielleicht noch Russell Brand und Jon Stewart - Letzterer allerdings mit Ansage.

"Was für ein Schock!"

Natürlich heißt es nun wieder, es sei die letzte Preisverleihung des Briten gewesen, der kein Pardon, keinen Respekt und kein Mitgefühl kenne. Bereits im vergangenen Jahr bekam er schlechte Kritiken - der "Hollywood Reporter" nannte ihn "erstaunlich uninspiriert", die "Chicago Tribune" warf ihm vor, "die Hand zu beißen, die ihn füttert". Nun war er wieder da, und der "Hollywood Reporter" feiert plötzlich seine zehn "fiesesten" Witze. Geadelt hat er ihn sogar: Gervais habe dem Abend des "kriecherischen Schulterklopfens" das verpasst, was er brauchte: "einen angstlosen Mann, der die Ego-Blasen zum Platzen bringt".

Während die "Washington Post" Gervais wiederum das Ende seiner gesamten Karriere prophezeit, freuen sich Zuschauer, für die solche Shows ja sind, in Blogs und Foren über seinen "Mut", seine Authentizität und darüber, dass er "die riesige Kultur der Künstlichkeit, die diesen Event umgibt, eingerissen hat, und damit gezeigt hat, - was für ein Schock! - wie dünnhäutig diese Leute eigentlich sind."

Ricky Gervais hat also auf ganzer Linie gewonnen: Er wird von den Richtigen gehasst und von den Richtigen geliebt.

Nur einer war genauso hart wie er: Hollywood-Star Michael Douglas, der gerade die Chemotherapie seiner Kehlkopfkrebserkrankung hinter sich gebracht hat, kommentierte den anhaltenden Applaus für ihn mit den Worten: "Es muss doch einen einfacheren Weg geben, Standing Ovations zu bekommen."