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Parteitag in Brighton Kauz Corbyn begeistert Labour und verwirrt die Tories


Er ist unkonventionell - und genau das macht ihn erfolgreich. Auf dem Parteitag in Brighton bringt der neue Vorsitzende der Labour-Party, Jeremy Corbyn, seine Partei hinter sich. Die Tories wissen noch nicht so recht, wie sie mit ihm umgehen sollen.
Von Michael Streck, Brighton
Am Ende stand der Saal. Die Kongress tanzte. Am Ende, nach einer Stunde Rede, winkte Jeremy Corbyn zufrieden ins Auditorium. Der neue Vorsitzende der Labour-Party hatte den ersten großen Test bestanden - eine klare und kräftige Rede und ein Spiegel dessen, was das Parteitagsmotto verhieß, das in großen Buchstaben über dem Pult leuchtete: "Straight talking. Honest Politics". Es gab stehende Ovationen zu Beginn, mittendrin und natürlich am Ende.
Corbyn, der Außenseiter, der nun die Labour-Party führt, sprach über Werte und eine andere Form des Umgangs in der Politik, er sprach davon, dass er zuhören werde, er sprach von Versöhnung und mehr Gleichheit. Er sprach pointiert, zuweilen witzig und scharf nur dann, wenn es darum ging, seine Partei von den regierenden Tories abzugrenzen. Und er versprach. Versprach eine Politik, die freundlicher, integrativer und getrieben sein soll von der Basis, von unten nach oben. Und nicht umgekehrt. Und der Saal raste.

Corbyn ist anders als seine Vorgänger

Er dankte viel, er lobte viel, er ätzte ein bisschen gegen die Rechtsausleger-Presse, die ihn etwa mit einem Asteoriden auf Kollisionskurs zur Erde verglichen hatte. Selbst kritische Beobachter beginnen langsam zu verstehen, wie dieser Mann vor zweieinhalb Wochen ein - so nannte er es selbst - "Erdbeben" auslösen konnte. Jeremy Corbyn, keine Frage, ist anders als alle Labour-Chefs der jüngeren Vergangenheit. Das ist sein Geheimnis. Und das ist zugleich seine größte Angriffsfläche.
Die 4000 Delegierten erlebten jedenfalls eine Konferenz, die sich wohltuend unterschied von denen der Vorjahre. "Refreshing", erfrischend, war die vielleicht meist gehörte Vokabel der Tage neben: Sozialismus. Denn sie trauen sich wieder, dieses Wort zu benutzen, das unter Blair und Brown und Miliband auf dem Index stand. Corbyn ist stolzer Sozialist, und dazu steht er immer und überall.

Der Mann hält sein Wort

Man kann es auch so sehen: Corbyn hielt einfach Wort. Er trat auf bei diversen kleinen Veranstaltungen am Rande der großen Reden, den sogenannten "fringe events". Sie sind das Herzstück der Parteitage, aber früher war es undenkbar, dass sich die Granden dort blicken ließen.
Corbyn? Eilte von Termin zu Termin, 37 in drei Tagen.
Sonntagabend beispielsweise erschien er völlig selbstverständlich bei der Vorstellung eines Buches über den Labour-Gründer Keir Hardie. Er hatte schon vor Monaten zugesagt. Corbyn herzte die Gastgeberin, nahm Platz, stand wieder auf und dozierte vom Geist Hardies und darüber, wie er sich gequält hatte mit seinem Kapitel in diesem Buch.
Abgabeschluss ausgerechnet ein Samstag im Mai, und sein Verein Arsenal London spielte im englischen Pokalfinale. Aber Corbyn hielt auch da Wort, schaffte die Deadline irgendwie und schickte den versprochenen Gastbeitrag spät abends. Im Buch wird er dafür auf vier Zeilen gewürdigt, als Labour-Abgeordneter von Nord-Islington, London.
Niemand, am wenigsten wohl er selbst, ahnte damals, dass er Monate später als Vorsitzender der Partei eine große programmatische Rede halten würde. Manchmal fühlt sich das noch fremd an. Für ihn selbst und für seine Bewunderer und Fans, die draußen vor dem Konferenzgebäude die linke Postille "Morning Star" verteilten. Einer sagte: "Ich muss mich manchmal kneifen." Man muss sich das - auf Deutschland übertragen - in etwa so vorstellen, als würde die komplette Führungsriege der SPD abgewählt und ersetzt durch wackere Parteisoldaten wie Franz Müntefering mal einer war.

160.000 neue Mitglieder

In den Monaten seit der desaströsen Wahl ist aus einer toten Partei ein zumindest wieder munterer Patient geworden. Labour verzeichnet einen Boom. Und vor allem wieder so etwas wie einen Kampfgeist der Aufmüpfigen, der der Partei in den vergangenen Jahren abhanden gekommen war. Das ist, Stand jetzt, schon eine ganze Menge. Mehr als 160.000 neue Mitglieder meldet Labour seit der Wahlniederlage, 50.000 davon seit Corbyns sensationellem Sieg vor zweieinhalb Wochen.
In Brighton nun demonstrierte Corbyn immer wieder und eben keinesfalls gestelzt, warum er die personifizierte Hoffnung der Basis ist. Es sind die Details. Wenn er durch die Gänge der Konferenz-Hotels ging, traf er auf Wahlkampfhelfer und alte Partei-Linke und Freunde. Stoppte und schwatzte mit jedem von ihnen. Mahnend an seiner Seite eine junge Assistentin, die den Boss stets darauf hinweisen musste, dass er inzwischen eben Boss ist und in dieser Funktion erwartet wird - zum Beispiel von rund 200 jungen Labour-Mitgliedern, denen er dann mit erhobener Faust zurief, dass "change" sehr wohl möglich ist. Er klang da fast ein wenig wie Obama. Nur authentischer, das Jackett zerknittert nach einem langen Tag.

Zwischen Ostermarsch und Kirchentag

Inwieweit Corbyn ein Chef zum Anfassen bleibt, wird die politische Realität weisen, die ihn auch gleich einholte. Sein Wunsch, eine Debatte über die britischen Atom-U-Boote der Trident-Klasse ins Parteitagsportfolio aufzunehmen, wurde krachend abgeledert. Er lächelte das weg und ging zum nächsten Meeting mit Mitgliedern, die vielfach so aussahen als wären sie Teilnehmer eines Jeremy Corbyn Lookalike-Wettbewerbs. Graubärte in Cordhosen und mit Jute-Taschen. Die Stimmung irgendwo zwischen Ostermarsch und Kirchentag.
Die Parteigranden murren und glauben, er werde sich und Labour zugrunde richten. Blair und Brown kamen gar nicht erst nach Brighton. Aber selbst die Konservativen haben noch keine Antwort auf diesen kauzigen Mann gefunden und wie sie mit ihm umgehen sollen. Sie warten ab, spielen auf Zeit und hoffen, dass sich Corbyn und sein Schattenkabinett alsbald genügend Blößen geben.

Bislang warten sie vergeblich. Wer etwa geglaubt hatte, der neue Schattenkanzler John McDonnell würde eine seiner notorisch gefürchteten Brandreden halten, wurde enttäuscht. McDonnell, ein Corbyn-Freund und Alt-Linker, sprach fast langweilig staatsmännisch, so dass ein Kolumnist des "Daily Telegraph" mutmaßte, er habe sich womöglich ein Beruhigungsmittel in den Hintern applizieren lassen. Immerhin rief McDonnell zum Abschluss noch ein kämpferisches "Solidarity", Solidarität, ins Mikrofon, und die Leute dankten donnernd.

Man ist bescheiden neuerdings. Die großen Herausforderungen kommen ja erst - innen- wie außenpolitisch. Aber wenn ein Parteitag tatsächlich so etwas ist wie ein Barometer, hat Labour das größte Tief hinter sich. Über Brighton schien strahlende Sonne. Die Zeichen könnten schlechter stehen.


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