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FRIEDRICH NIETZSCHE - Teil 2: »Ich gelte als sonderbarer Kauz«

Nietzsche tanzt und trinkt und verirrt sich in ein Bordell. Er schwelgt im Luxus und schlägt sich in der Bonner Burschenschaft. Erst in Leipzig packt den Studenten die Lust zum grenzenlosen Denken.

Nietzsche tanzt und trinkt und verirrt sich in ein Bordell. Er schwelgt im Luxus und schlägt sich in der Bonner Burschenschaft. Erst in Leipzig packt den Studenten die Lust zum grenzenlosen Denken. Sein Gott wird der düstere Philosoph Schopenhauer, sein Übermensch Richard Wagner

Nietzsche hat einen Kater. Du wirst diese geschwänzten Thiere nicht kennen, schreibt er vergnügt an seine liebe Liesbeth nach Naumburg. Er sitzt also verkatert in seiner gemütlichen Bonner Studentenbude mit Sopha und hübscher Petroleumlampe, hat sich gerade des Bettes entwunden und erzählt nun seiner Schwester von den vergangenen drei wilden Dezembertagen.

Das große Verbindungsfest fängt mit einem Trinkgelage an, dauert so bis gegen 2 Nachts. Am nächsten Vormittag gemeinsames Frühstück um elf, Bummel über den Bonner Marktplatz, Kaffee im feinen Hotel Kley, und am Abend dann großes Hallo mit 40 Mann hoch in der toll geschmückten Kneipe zu unendlichen Bowleströmen.

Paul Deussen ist auch dabei, der Freund aus Schulpforta. Sie mochten sich, denn sie liebten beide die Hymnen des Anakreon. Der besang den Genuss des Augenblicks, besang Weiber- und Knabenliebe, den Wein und sich selbst. Anakreon schürte und linderte ihre pubertären Nöte, sie lasen ihn heimlich im Schlafsaal, lasen: Ich schlief berauscht von Bacchus / des nachts auf Purpurdecken... Und Deussen zog seinen Koffer unterm Bett hervor, holte ein Päckchen Schnupftabak raus, und weil Wein strengstens verboten war, schnupften die zwei denn in einer weihevollen Stunde Brüderschaft.

Nun sind beide in Bonn und sind auch gleich in die Burschenschaft »Franconia« eingetreten. Also Bowle in Strömen, neue Bekanntschaften, ein Schumann-Fan ist dabei, fabelhaft bewandert. Auf dem wunderschönen Bonner Gottesacker, wo der Musiker liegt, ist Nietzsche ja schon gewesen, und zwar mit seiner Wirtin und deren Nichte, dem Fräulein Marie. Marie, schreibt er, heißt am Rhein alles.

Nietzsche ist nicht wieder zu erkennen. Er reitet mit Freund Deussen auf Eseln zum Drachenfels hoch, flötet abends in Königswinter Feinsliebchen-Lieder unter den Fenstern vermuteter Jungfrauen. Er feiert, singt und trinkt die Nächte durch.

Nietzsche ist noch nicht mal vier Wochen in Bonn, da taucht er schon mit weißer Weste und Glacés bei einem höchst noblen Konzert auf. Fabelhafter Luxus, schreibt er nach Hause, alles Weibsvolk feuerroth, immer englisch gesprochen no speak inglich. Teufel auch, da ist es wieder, Nietzsches Handicap mit den lebenden Fremdsprachen. Mit Griechisch und Latein hätte er jeden Small Talk hingelegt.

Das Studentenleben ist teuer, und bei knappen Kassen ist an Weihnachten daheim natürlich nicht zu denken. Er sitzt Heiligabend allein in seiner Studentenbude und wartet auf Geschenke. Auf ein Paket aus Naumburg. Aber nichts. Es wird dunkel. Er zündet die Lampe an. Er horcht auf jedes Geräusch. Es wird sieben. Er isst zu Abend. Immer noch kein Postbote. Er hält es nicht mehr aus.

Er läuft durch leere Straßen, schaut in erleuchtete Fenster, denkt wehmütig an Mutter und Liesbeth und geht in seine Franconen-Kneipe zu den Freunden. Sie sitzen unterm Weihnachtsbaum, singen und klönen, trinken Bowle, tauschen kleine Geschenke aus, und um elf ist Nietzsche wieder zu Hause. Und noch immer kein Paket.

Das kommt am nächsten Tag mit falscher Adresse an. Ich wohne ja Bonngasse 518. Aber Jubel und Dankesbrief für all die schönen Eßsachen und den Uhrenhalter. Und wie schön passen die schwarzrothgoldnen Schuhe, die seien ihm ordentlich unheimlich vorgekommen.

Die patriotischen Simpeleien, wird Freund Deussen in seinen Erinnerungen schreiben, hatten für uns als Kosmopoliten wenig Reiz. Und dann das ewige Schwänzen der Vorlesungen, nur weil die schlagenden Franconen sich in irgendwelchen Scheunen treffen müssen, um sich die Gesichter zu zerhacken.

Also Nietzsche sieht das nicht so eng wie sein frommer Freund. Er geht oft auf den Fechtboden. Und wenn es bei den Franconen auch keinen Mensurzwang gibt, so hat er eines Tages doch Lust, mal zuzuschlagen.

Deussen ist ziemlich besorgt, weil sein Freund so kurzsichtig ist. Natürlich begleitet er ihn in eine dieser Scheunen. Die Klingen werden gebunden, die scharfen Rapiere blitzen, und es dauert keine drei Minuten, da schlägt ihm der Gegner eine Tiefquart quer über den Nasenrücken.

Blut tropft. Der Verwundete wird verbunden und von Deussen in einen Wagen verfrachtet. Ich legte ihn zu Hause ins Bett, schreibt er, kühlte fleißig, verweigerte Besuche und Alkohol, und in zwei bis drei Tagen war unser Held wiederhergestellt. Eine Narbe bleibt. Sie gefällt ihm.

Ihm gefallen auch die Verbindungsfarben weiß-rot-gold. Und er findet es toll, dass Berühmtheiten wie Spielhagen und Treitschke, der Dichter und der Historiker, Franconen sind. Ist alles wichtig, bedeutet Renommee.

Ja, Nietzsche will nach oben. Was sagt sein griechischer Dichter Theognis? Nur von den Besten erlernst du das Beste; verkehrst du mit Schlechten, dann ist bald auch dahin, was du besaßt an Vernunft.

Als seine Mutter anfragt, ob sie seinen Wirtsleuten, die so rührend für ihn sorgten, nicht mal einen Brief schreiben soll, ist Nietzsche entsetzt. Er will diese Vertrautheiten nicht. Seine Vermieter, schreibt er scharf an die Mutter, sind ehrenwerthe Leute, aber Handwerker. An sie zu schreiben, fände ich, offen gesagt, im höchsten Grade unpassend. Ich würde auf der Stelle ausziehen.

Ist ja gut! Aber studiert der Junge eigentlich irgendwann auch mal? Und was faselt er da von diesem schönen, geistreichen Professor Springer, bei dem er Kunstgeschichte hört? Er soll doch Theologie studieren! Die Mutter ist aufgeschreckt. Verliebe dich nur nicht zu sehr in deinen schönen Professor, schreibt sie. In Naumburg habe man schon Sorge, er wolle Belletrist werden. Also das bitte nicht. Aber das ist Nietzsche ja längst schon, Belletrist. Wenigstens in seinen Briefen. Auch in den Notizheften, die er mit Hunderten von Gefühlen füllt. Da schreibt er über die Silvesternacht 1864: Es ist still in meiner Stube, dann und wann knistern die Kohlen im Ofen, ich habe die Lampe niedergeschraubt.

Ja, das kann er. Erzählen und beschreiben. Erst das Außen, dann das Innen. Sehen und hineinsehen. Analyse - wie im Märchen: lockend, buhlend, gnadenlos. Immer verständlich, selbst wenn der Sinn unverständlich. Und immer mit Rhythmus, mit Stil, mit Wortwitz und mit Satzgewalt.

Also da sitzt er Silvester mal wieder allein zu Haus. Es ist schummrig in der Stube. Nur Feuerfetzen flackern aus den Ritzen der Ofentür. Er macht sich einen heißen Punsch, setzt sich ans Pianino, spielt das Requiem, das Schumann zu Lord Byrons Alpenfürst Manfred komponiert hat - und ist nun in der richtigen Stimmung. Er setzt sich aufs Sofa, schließt die Augen und denkt nach.

Da fliegt ein Geist durchs Zimmer. Und was seh ich auf meinem Bett? Dort liegt jemand - er stöhnt leise, röchelt - ein Sterbender! Sein Vater? Steigt da etwa das Gespenst aus dem Grab wieder auf? Schatten schweben. Schatten sprechen: Du böses Jahr...Du liebes Jahr... Du altes Jahr...Und das alte Jahr röchelt leise. Plötzlich wird es hell, die Wände fliegen weg, die Decke schwebt empor, er sieht aufs Bett, das Bett ist leer. Und draußen schlägt es zwölf, und auf der Straße rufen sie: Hoch das neue Jahr!

Im neuen Jahr will er sich gegen solche Visionen wehren, will sich den Weltschmerz aus dem Leibe reißen. An all der Trauer und Melancholie ist doch nur das Christentum schuld. Also Schluss mit Theologie. Der Himmel soll auf Erden sein, nicht erst im Paradies.

Nietzsche wird Altphilologie studieren, das ist die Kunst, antike Texte zu deuten. Er teilt es seiner Mutter mitten in einem Brief klipp und knapp mit. Noch dies: meine Wendung zu Philologie ist entschieden. Beides zu studieren ist etwas Halbes...Lebe recht, recht wohl, liebe Mama. Grüße an die lieben Tanten!

Die lieben Tanten! Vor allem Tante Rosalie, die in der Familie für Gott- und Bibelfragen zuständig ist, wird wohl die Hände gerungen haben. Ist ihr protestantischer Neffe im stockkatholischen Rheinland abtrünnig geworden?

Ach wo, da kann Nietzsche sie beruhigen. Er hat für die bigotte katholische Bevölkerung aber auch gar nichts übrig. Zu viel Weihrauch und quäkende und krächzende alte Weiber.

Er schreibt über junge Weiber: Schreibt für die Bierzeitung seiner Burschenschaft »Die Frankonen im Himmel«, eine frivole kleine Zauberposse mit 77 Jungfrauen. Die tragen gelbe Schürzen über weißen Kleidern und ziehen - wie Gretchen ihren Faust - 77 Franconen an Bindfäden zu sich in die Höh. Am Ende liegen die Damen dann auf den Fragmenten ihrer Jungfrauenschaft, und 77 Franconen dösen in goldene Träume hinein.

Und Nietzsche? Tanzt, singt unter Fenstern, schwärmt ein bisschen für Marie und die Schöne vom Theater. Aber sonst? Deussen gibt Auskunft. Nein, schreibt er, er habe nie bemerkt, dass Nietzsche zu Küssen neige. Und zu noch mehr schon gar nicht. Mulierem nunquam attigit, er rührte nie ein Weib an. So was sagt Theologe Deussen dann doch lieber auf Latein.

Aber dann erzählt er eine verrückte Geschichte, die Nietzsche ihm berichtet hat: Im Februar 1865 fährt sein Freund Fritz allein nach Köln. Köln ist das Dorado für Studenten in Nöten. Nietzsche guckt sich den Dom an und dies und das. Dann fragt er jemanden nach einem Restaurant, und der Mensch bringt ihn in ein Bordell. Nietzsche: Ich sah mich plötzlich umgeben von einem halben Dutzend Erscheinungen in Flitter und Gaze.

Er starrt die Prostituierten an, und die machen ihn an. Und er will weg, weg aus dieser Lusthölle. Da sieht er ein Klavier, das einzige seelenhafte Wesen in der Gesellschaft, geht hin, schlägt ein paar Akkorde an, sie lösten meine Erstarrung und ich gewann das Freie.

Dieses Ereignis hat Thomas Mann zur Schlüsselszene seines »Doktor Faustus« gemacht. Ein frecher Sendbote schleppt Adrian Leverkühn in ein Bordell. Ich stand und verbarg meine Affecten, sagt der und sieht auf die Engel der Sünde und sieht ein Klavier, geht wie blind drauflos und schlägt ein paar Akkorde an, von H- nach C-Dur. Und dann steht sie da, Esmeralda, mit großem Mund und Mandelaugen, und fluchtartig verlässt Leverkühn den Freudensalon.

Bei jener Hetaera esmeralda mit ihren gepuderten Halbkugeln in spanischem Mieder wird der geniale Musiker sich mit Syphilis anstecken. Auch Nietzsche wird sich - in Bonn oder in Leipzig - infizieren. In Leipzig jedenfalls wird er gegen diese Krankheit behandelt. Und was Thomas Mann über den größenwahnsinnigen Leverkühn sagt, der sich mit dem Satan einlässt, klingt wie die Zukunft von Nietzsche: Du wirst führen, du wirst der Zukunft den Marsch schlagen, auf deinen Namen werden die Buben schwören... von deiner Tollheit werden sie in Gesundheit zehren.

Nietzsches Geliebte ist damals auch die Musik. Er komponiert und fantasiert. Einmal auch im Wirtshaus auf dem Klavier. Seine Franconen jubeln ihm zu und nennen ihn »Gluck«.

Ich gelte hier in studentischen Kreisen etwas als musikalische Autorität, berichtet er nach Hause, und außerdem als sonderbarer Kauz. Dann fügt er hinzu, wie er selbst sich fühlt, dass er oft nicht glücklich ist, zu viele Launen hat und gern ein wenig Quälgeist ist, nicht nur für mich selbst, sondern auch für andre.

So offen ist er selten. Lieber zieht er Mauern hoch und hält sich Masken vors Gesicht. Was in Bonn abläuft, wird sich unerbittlich wiederholen: Alles beginnt euphorisch. Man ist beeindruckt von seiner Klugheit, entzückt von seiner Liebenswürdigkeit, will ihn vereinnahmen und kommt ihm zu nah. Nähe bringt Erkenntnis, und Erkenntnis bringt Langeweile bei Nietzsche. Er zieht sich zurück, wird überheblich. Wer sind die, und wer ist er.

Er studiert noch ein Semester in Bonn. Sehr fleißig ist er nicht. Eitel ist er. Lässt sich einen Schnurrbart wachsen, einen zivilisiert gebändigten - gezwirbelt. Freut sich über die neuen Verbindungsmützen. Rote Stürmer. Kolossal kleidsam. Einen flotten Anzug bestellt er auch. Im modernsten Schnitt, wie er sagt. Das Thier kostet 17 Thl. Einen Thaler habe er abgehandelt.

So stolziert er noch einmal durch den Bonner Sommer, geht in Opern und Konzerte, macht wilde Rhein-Wein-Fahrten mit seinen Franconen, und der Sommer geht, das Rheuma kommt. Alarmzeichen bei Nietzsche. Sein Fazit: Nichts für die Wissenschaft getan, wenig fürs Leben und reichlich Schulden gemacht. Er klagt, wie Paul Deussen berichtet, daß das Geld immer so leicht weglaufe, wahrscheinlich, weil es so rund sei.

Er packt. Bett und Bücher gehen als Fracht. Wäsche per Post. Leipzig heißt der nächste Studienort. Ich gieng von Bonn weg wie ein Flüchtling, schreibt er, als er nachts bei Nieselregen an der Reling des Dampfschiffes steht und die Lichter am Rheinufer langsam verschwinden.

Gut zwei Monate später, am 20. Oktober 1865, großer Tag. Nietzsche immatrikuliert sich in Leipzig, genau 100 Jahre nachdem Goethe sich eingetragen hat. Das ist ihm ein gutes Omen.

Höhepunkt des Tages ist die Antrittsvorlesung des berühmten Philologen Ritschl, der im Streit aus Bonn abgezogen war. Nun hält er Einzug in Leipzig. Das Auditorium maximum quillt über. Alle wollen Ritschl hören.

Der schlurft vergnügt in seinen großen Filzschuhen - die er wegen seines Podagraleidens trägt - in den überfüllten Saal. Sonst natürlich fein und festlich mit weißer Binde. Schlurft also durch den Saal, guckt sich ein bisschen um und ruft plötzlich: Ei da ist ja auch Herr Nietzsche! Und winkt ihm fröhlich zu.

Der große Ritschl, dieser feurige Redner, der viel zu klug und sinnlich ist, um ein Fachphilister zu sein, wittert das junge Genie, wird Nietzsches Förderer und Vaterfigur.

Ach, wie sehr hat der Student den Naumburger Weiberhaushalt satt, der ihn auf frische Wäsche, frommes Herz und saubere Gedanken reduziert, wie sehr hat er einen Mann vermisst, den er verehren, ja vergöttern kann - wie Ritschl.

Ritschl wird aus dem verschlampten Studenten in nur wenigen Semestern einen Wissenschaftler machen, einen jungen Gelehrten, der ohne Abschluss und ohne Habilitation Professor wird. Er ist Ritschls Auserwählter, wird schon Anfang Dezember zum Tee geladen, gehört bald zum Club der 13 Philologen, die einmal in der Woche über vorgegebene Themen streiten. Und jedes Mal übernimmt ein anderer den Vorsitz.

Nietzsche ist im Januar 1866 dran. Im Restaurant »Löwe« hält er einen Vortrag über die politisch-moralischen Sprüche des Theognis, jenes griechischen Dichters, der versuchte, die adlige Gesellschaft zu retten. Völlig irrational findet Nietzsche, dass der Aristokrat Ferdinand Lassalle gut drei Jahre zuvor hier in Leipzig sein Herz für die Unterdrückten entdeckt und den »Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein« gegründet hat. Ein Herrenmensch steigt zu den Halbmenschen hinab. Ja, so sieht Nietzsche das. Auch Karl Marx mit seinem »Kapital«, das 1867 veröffentlich wird, geht ihm total gegen den Strich. Er wird später in seiner Philosophie eine Elite ohne Mitleid fordern.

Also über Theognis, den Erhalter alles Edlen, wird er reden. Es ist sein Debüt in der Philologenwelt. Zuerst ist er etwas gehemmt, bis er merkt, wie entzückt die Kollegen ihm zuhören. Spät in der Nacht kehrt er in seine romantisch gelegene Studentenbude zurück, Blumengasse 4 im Garten. Ja, er ist glücklich, ist so zufrieden mit sich, dass er sich entschließt, den Vortrag auch Ritschl zu zeigen.

Ein paar Tage später wird er zum Meister gerufen. Der hat noch nie von einem Studenten des dritten Semesters einen solchen Vortrag gelesen. Er will ihn publizieren lassen. Nietzsche geht auf Wolken. Mir schwebte mein Glück auf den Lippen. Er trifft sich mit Freunden im Gasthof und erzählt alles bei Kaffee und Pfannkuchen.

Es ist die Zeit, wo ich zum Philologen geboren wurde, schreibt er, ich empfand den Stachel des Lobes, das für mich auf dieser Laufbahn zu pflücken sei. Nicht die Philologie ist sein Glück, sondern das Lob, der Erfolg, die Ehre.

Eines Tages stöbert Nietzsche im Antiquariat des alten Rohn, seines Vermieters, herum, nimmt ein Buch in die Hand, »Die Welt als Wille und Vorstellung« von Arthur Schopenhauer. Nie gehört, nie gelesen. Und ich weiß nicht, welcher Dämon mir zuflüsterte: »Nimm Dir dies Buch mit nach Hause«.

Zu Hause wirft er sich mit dem erworbenen Schatz in die Sofaecke und verschlingt das Buch des düsteren Genius wie im Rausch. Schopenhauer, der Pessimist, der lehrt, nicht die Vernunft, sondern triebhafter Lebenswille beherrscht den Menschen. Und der ist schuld am Jammertal auf Erden. Erlösung von allem Übel gibt es nur durch Verneinung des Willens. Wie soll das gehen? Asketen, Heilige und Yogis haben es gezeigt: in sich schauen und den Willen auslöschen.

Der Blitz ist eingeschlagen bei Nietzsche. Hier sah ich Krankheit und Heilung, Verbannung und Zufluchtsort, Hölle und Himmel. Und ihn packt das Bedürfnis nach Selbsterkenntnis, ja Selbstzernagung.

Er fängt an, sich zu hassen, zu verachten, zu kasteien. Er zwingt sich, 14 Tage nacheinander erst nachts um zwei ins Bett zu gehen und Punkt sechs wieder aufzustehen. Arbeit heißt nun Askese. Und Stoizismus wird seine Lebenshaltung. Fürs Erste.

Ein paar Mal in der Woche geht Nietzsche nun mittags zum verehrten Meister Ritschl nach Hause. Da wird gelernt und disputiert. Ritschl sitzt dann in einem Meer von Papieren mit seinem Glas Rotwein und beschimpft erst einmal all seine Feinde an der Universität.

Er ist ein fröhlicher Reaktionär, dieser Ritschl, ein Macchiavell, einer, der für Absolutismus plädiert und kluge Tyrannen besser findet als Volksvertreter, ein moderner Theognis also, der dem Fortschritt misstraut und deshalb das Alte preist. Das entzückt den Jünger Nietzsche.

Und dann erzählt ihm der Alte vergnügt, dass er dauernd große und kleine Geldscheine zwischen die Seiten seiner Bücher schiebt und sich freut, wenn er sie beim Lesen dann irgendwann wiederfindet. Vater Ritschl ist für Nietzsche der einzige Mensch, dessen Tadel ich gern höre, weil alle seine Urteile so gesund und kräftig sind.

»Gesund« ist das Wort der Stunde. Gesund ist der Körper, wenn der Geist gesund ist. Nietzsche verachtet die froschblütigen Mikrologen der Fakultät, die von der Wissenschaft nichts als den gelehrten Staub kennen. Er rühmt die Arbeitsweise seines neuen Freundes Erwin Rohde, die gesunde frische Glieder und rote Backen hat. Aber Nietzsche - gesund? Also der asthmatische Husten meldet sich manchmal schon gewaltig, wenn er die Nächte durchmacht. Dann sitzt er da wie ein alter Gelehrter, sitzt in Bücherburgen, studiert Griechen und Römer, Quellen und Handschriften, kühl bis ans Herz, nur der Kopf, der leuchtet.

Fleiß, Kenntnis, Methode - das ist das ABC der Philologie. Das Sinnliche bleibt auf der Strecke. Dabei neigt Nietzsche doch aber eher zu Heinrich Heine, zum Feuilleton, zu Ironie und Lakonie, zum Ragout, wie er sagt, und nicht zum Rinderbraten.

Da sind sie wieder: Überdruss und Langeweile. Was hat es mich für Mühe gekostet, ein wissenschaftliches Gesicht zu machen, schreibt er, und die schlechte Laune setzt sich mal wieder wie eine Klette fest. Alles macht keinen Spaß mehr. Er selbst habe ja bisher auch nicht mehr als lächerliche Mäuse geboren.

Sein Urteil ist vernichtend: Die Philologie ist eine Mißgeburt der Göttin Philosophie, erzeugt von einem Idioten. Ja, die Philologen sind Sklaven. Was denn sonst. Fleißige, brave Bienen, denen ein philosophischer Halbgott alle paar Jahrhunderte wieder eine neue Arbeit hinwirft.

Erwin Rohde, sein kluger Kommilitone, den ich liebe, wie ich keinen liebe, denkt da wie er. Von oben. Immer von oben. Der feine Hamburger, der aussieht wie ein Aristokrat, wird nun sein Busenfreund. Rohde ist reich. Nietzsche ist geistreich. Sie liegen nicht mehr im Staub der Bibliotheken, sie reiten aus, kommen gestiefelt und gespornt in die Vorlesung.

Gestiefelt und gespornt, so wird Nietzsche bald Schopenhauer in seiner »Geburt der Tragödie« beschreiben. Wie auf Dürers berühmtem Stich »Ritter, Tod und Teufel«, den der Studiosus sich als gerahmten Druck ins Zimmer gehängt hat. Mit starrem Blick aus Erz und Eisen reitet der Geharnischte da seinen Weg - vorbei an den Gesellen des Hades.

Irgendwann würden auch Rohde und er losziehen, würden Paris erobern, diese herrliche Luxus-Stadt. Eine deutsche Kolonie würden sie dort gründen unter dem Dach ihres Philosophen. Vorher aber lernen wir noch die göttliche Kraft des Cancan, schreibt Nietzsche an den Freund, um später würdig an der Spitze der Civilisation zu marschieren.

Aber erst einmal wird Nietzsche woanders marschieren. Beim Militär. Bismarck ist Bundeskanzler geworden, die allgemeine Wehrpflicht von Preußen gilt nun auch in den anderen Bundesstaaten. Im September 1867 wird Nietzsche gemustert. Er ist tauglich, trotz Kurzsichtigkeit.

Nietzsche sieht sich nicht ungern als Krieger, als Soldat. Er hat sich auch diesen militärisch knappen Ton angewöhnt, und in Turin, seiner letzten Lebensstation, trägt er sich in der Fremdenliste als ufficiale tedesco ein, als deutscher Offizier.

Nun muss er sich am 9. Oktober in Naumburg zum Dienst melden. Das Schicksal hat mit einem plötzlichen Ruck das Leipziger Blatt meines Lebens abgerissen. Nun muss er dienen: zu Fuß, zu Pferde und am Geschütz.

Mit Stalldienst fängt er an: Es scharrt, wiehert, bürstet, klopft um Dich herum, schreibt er an Rohde. Er muss Unaussprechliches, Unansehnliches mit bloßen Händen wegtragen. Und wer sitzt mitten im Dreck? Beim Hund, meine eigene Gestalt.

Bald ist er Gefreiter, bald der beste unter dreißig Reitern, wie er sagt. Er darf sogar Befehle geben, also Rohde würde sich weglachen, wenn er ihn kommandieren hörte! Auch habe seine Philosophie endlich Gelegenheit, ihm praktisch zu nützen. Noch in keinem Augenblick habe er sich nämlich gedemütigt oder erniedrigt gefühlt. Und manchmal, wenn er erschöpft und kaputt sei, verstecke er sich unter dem Bauch seines Pferdes und raune leise: Schopenhauer hilf.

Es geht ihm also gut. Er lässt sich mit gezogenem Säbel und gezwirbeltem Schnauzer fotografieren. Standbein, Spielbein und die Linke lässig in der Hüfte. Dazu macht er ein bitterböses Gesicht. Das muss so sein, denn es ist etwas Rohes um einen Krieger. Und wenn er auf seinem feurigen Ross Balduin über den großen Exerzierplatz saust, ist er mit seinem Geschick schon sehr zufrieden.

Bis Anfang März 1868. Da rutscht er beim Aufspringen so unglücklich vom Pferd, dass er sich das Brustbein anbricht und ein paar Muskeln zerreißt. Ohnmachten, Fieber, Eisumschläge und rasende Schmerzen. Mit Stricken gebunden liegt er im Bett. Und jeden Abend gibt es Morphium.

Dies alles schreibt er seinem liebsten Freund Rohde hochdramatisch mit Krakelfüßen, weil lädierter Arm. Jetzt, nach zehn Tagen, seien Schnitte in die Brust gemacht worden, innen ist alles entzündet. Ich sage zu wenig wenn ich sage daß schon 4, 5 Tassen von Eiter aus jeder Wunde hervorgequollen sind. Und eines Abends schwimmt auch noch ein Knöchelchen mit dem gelben Saft heraus. Also sein Zustand sei ziemlich kläglich: matt wie eine Fliege, angegriffen wie eine alte Jungfer, mager wie ein Storch.

Ein Vierteljahr ist er außer Gefecht, ein halbes Jahr Rekonvaleszent, bekommt Diät, nimmt Bäder, ist suspendiert vom Dienst und arbeitet fürs Studium. Liest sich kreuz und quer durch den Weltengeist, liest Goethe und Diogenes, Schelling, Kant und Demokrit. Und zwischen all den Kopfgeburten pfeift er Melodien der »Schönen Helena«, seiner Lieblingsoperette von Offenbach: Drum, wer der Göttin dient, vernehme den Befehl, / Nichts als Tanzen und Singen, und immer fidel!

Das will Nietzsche auch endlich mal wieder sein, als er zum Studium nach Leipzig zurückkehrt. Er nennt sich nun Privatgelehrter, sucht eine feine Garçonnière und findet sie für 25 Taler bei Professor Biedermann in der Lessingstraße 22, zwei Treppen hoch. Er schreibt »Dr. Nietzsche« an die Tür, obwohl er nie promoviert hat, und nimmt sich vor, etwas mehr Gesellschaftsmensch zu werden.

Dabei helfen Biedermanns, auch wenn sie, wie Nietzsche findet, ihrem Namen alle Ehre machen. Aber sie kennen eben tout Leipzig, kennen Heinrich Laube, den Theaterdirektor, kennen den Oberbürgermeister, kennen Professor Brockhaus, und Frau Brockhaus ist die Schwester von Richard Wagner, und Professor Ritschls Frau Sophie ist glühende Wagnerianerin und kennt den Meister gut und will nun auch Nietzsche bekehren, den Lieblingsschüler ihres Mannes.

Sie lockt ihn in Konzerte. Er hört die »Tristan«-Ouvertüre, das »Meistersinger«-Vorspiel, ist tief berührt, entrückt und aufgewühlt, und er schreibt an seinen Busenfreund: Mir behagt an Wagner, was mir an Schopenhauer behagt, die ethische Luft, der faustische Duft, Kreuz, Tod und Gruft.

Im November 1868 kommt Wagner inkognito nach Leipzig zu seinen Verwandten. Er kommt allein, also ohne Cosima, die verheiratete Geliebte, von der er schon zwei Kinder hat. Cosima ist in München und versucht, die unmöglichen Verhältnisse irgendwie zu ordnen. Ob ihr Mann sich scheiden lässt? Der hochnervöse Wagner, dem es seit vier Jahren endlich gut geht, weil der schwärmerische Bayernkönig Ludwig ihm Geld und Gunst zu Füßen gelegt, Wagner kommt also inkognito nach Leipzig, und Frau Ritschl sorgt dafür, dass Nietzsche zum Empfang geladen wird.

Nietzsche, der glaubt, auf eine große Gesellschaft zu stoßen, will in großer Toilette erscheinen. Da trifft es sich, dass er gerade einen Ballanzug anfertigen lässt. Er also zum Schneider, findet dessen Sclaven heftig mit meinem Anzuge beschäftigt, erklärt die Dringlichkeit, und man verspricht, das feine Stück pünktlich am Sonntag zu liefern.

Es gießt in Strömen, als ein altes Männchen verspätet mit dem klitschnassen Paket ankommt. Aber der Frack ist trocken und ein Gedicht. Doch das Männchen will Bezahlung. Nietzsche will aber nur den Schneider bezahlen, nicht den Überbringer. Die Situation wird ernst: Der Mann wird dringender, die Zeit wird dringender; ich ergreife die Sachen und beginne sie anzuziehen, der Mann ergreift die Sachen und hindert mich sie anzuziehen: Gewalt meiner Seite, Gewalt seiner Seite! Scene. Ich kämpfe im Hemde: denn ich will die neuen Hosen anziehen.

Es gelingt ihm nicht. Das Männchen erobert den Ballanzug und verschwindet mit der Beute im Regen. Nietzsche wirft sich in seinen alten Rock, stürmt in die finstere Nacht hinaus und hinein in den Salon von Brockhaus.

Und siehe da: Der Frack war überflüssig. Die Runde ist eine Familienrunde. Man ist unter sich. Ganz intim. Ich werde Richard vorgestellt und rede zu ihm einige Worte der Verehrung. Und da legt Wagner auch schon los, theatralisch in Sächsisch: Meine Gutsten...Erzählt, wie miserabel seine Opern überall aufgeführt werden, schreitet zum Klavier und spielt aus seinen »Meistersingern«, singt dazu, imitiert alle Stimmen, liest danach ein Kapitel aus seiner Biografie vor, ein frühes Stück, als er noch Revolutionär war und aus Sachsen fliehen musste. Nach dem Essen traut Nietzsche sich und erzählt ihm dann von Schopenhauer.

Schopenhauer! Aber ja!, sagt Wagner. Der einzige Philosoph, der seine Musik überhaupt verstanden habe. Und Nietzsche schmilzt dahin. Was für ein fabelhaft lebhafter und feuriger Mann, der sehr schnell spricht, sehr witzig ist und heiter und ihm am Ende sehr warm die Hand drückt. Er soll ihn doch recht bald mal besuchen, sagt der 55-Jährige zum 24-Jährigen. Das ist das Billett für die große Welt. Was für ein Abend.

Und drei Monate später: Was für ein Angebot. Nietzsche soll Professor für klassische Philologie in Basel werden. Die Stelle war frei, Ritschl ist gefragt worden, denn Ritschl gilt als Koryphäe im Philologenland, und Ritschl antwortet prompt: Friedrich Nietzsche.

Noch nie, schreibt er als Begründung dafür, diesen jungen Gelehrten zu empfehlen, der außer dem Abitur nie ein Examen gemacht, also noch nie habe er einen Studenten erlebt, der so früh so jung schon so reif gewesen wäre. Er sei stark, rüstig, gesund und tapfer.

Natürlich. Es ist ja die Zeit, wo jeder Jüngling Jung-Siegfried zu sein hat, auch wenn er angegriffen, matt und mager ist und Brille trägt wie Nietzsche. Er habe etwas von Odysseus, schreibt Ritschl nach Basel, denn er überlege lange, dann aber breche es mächtig, gewinnend und überzeugend aus ihm hervor.

Ein Odysseus also. Was will man mehr. Nietzsche wird berufen. Sein Gehalt beträgt 800 Taler im Jahr. Die Mutter kann es nicht fassen. 800 Thaler Einnahme! Das ist für Naumburg das Gehalt eines Krösus. Mein guter alter Fritz, schreibt sie in ihrem Jubelbrief. Ach, sie ist so stolz. An alle Verwandten habe sie schon geschrieben. Und zählt auf, wer schon bei ihr angeklingelt, gratuliert und in Tränen ausgebrochen sei vor Glück. Tante Riekchen wünscht alle toten Ahnen herbei, Wenkels wissen schon Bescheid, sie haben es auf der Promenade von Frau Pinder gehört. Und Wenkels Suschen hat beim Wort Lehrstuhl gefragt: Ist das ein Königsthron?