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Lena Gercke bei "Das Supertalent" Die Gute-Laune-Frau


Lena Gercke, bisher vor allem als Model und Fußballerfrau bekannt, sitzt bei der Casting-Show "Das Supertalent" in der Jury. Der stern hat sie bei den Aufzeichnungen begleitet.
Von Vivian Alterauge

Bloß kein Wind jetzt - die Haare, das Make-up! Zwei Stunden hat es gedauert, bis Lena Gercke so aussah, wie Lena Gercke aussehen soll: das hellblonde Haar aufwendig lässig zurechtgeföhnt, Klimperwimpern, goldbraun schattierte Porzellanhaut. Die 100 Meter vom Hotel zum Wiesbadener Staatstheater, wo "Das Supertalent" aufgezeichnet wird, soll sie deshalb lieber mit dem Van zurücklegen. Links sitzt ihre Mutter, rechts die Stylistin. 60 Sekunden Fahrt. Zeit genug, einen Kanye-West-Song mitzusingen, ein Selfie mit der Mutter zu knipsen, die Menschentrauben vorm Theater zu bestaunen, wow, echt so viele. Aussteigen, auf dezimeterhohen Absätzen durch die Menge zum Hintereingang balancieren, in den Aufzug, in die Garderobe. Nachpudern, was auf 100 Meter Weg verloren ging. Daneben steht ihr Koffer, auf dem Namensanhänger: "I want it all."

Lena Gercke sitzt beim "Supertalent", der RTL-Samstagabend-Familiencastingshow, in der Jury. Die Besetzung passt: Neben dem blaffenden Dieter Bohlen, dem überdrehten Bruce Darnell und dem Landfrauencharmeur Guido Maria Kretschmer ist sie die Junge, die Hübsche, die Frische. Die Gute-Laune-Frau, auf die sich jeder einigen kann. Es ist diese Kulisse, vor der sich der Wandel des Models Lena Gercke vollziehen soll - zu Lena Gercke, dem Allround-Star.

Schon länger habe man sie beobachtet, sagt Tom Sänger, Unterhaltungschef bei RTL. Die neue Rolle sei "ein optimaler Einstieg, eine tolle Basis für die Zukunft". Bekommt sie bei RTL bald eine eigene Show? Ist sie eine jüngere, pflegeleichtere Sylvie Meis, deren Platz in der Publikumsgunst sie womöglich bald einnimmt? RTL verneint beides.

Man wolle Moderatoren hüten, erklärt ein RTL-Insider, die richtigen Rollen für sie finden, eine wie Gercke wolle man nicht verbrennen. Sie sei jung genug, um sie für weitere Formate zurechtfeilen zu können, und erfahren genug, um nicht von vorn beginnen zu müssen. Ein Asset also, Zukunftsmaterial, ein Star von morgen. Was braucht es, um das zu werden? Das richtige Produkt. Den richtigen Plan. Und das richtige Team.

Das Produkt: Lena von nebenan

Das Innere des Staatstheaters ist vom Duft süßer Drogeriemarktparfüms gesättigt. Gercke strahlt, busselt Teammitglieder, verteilt Komplimente. Berät in Sachen Entschlackungskuren. Ja, grüne Smoothies sind super, Abführtabletten kaufst du in der Apotheke. Sie ist die perfekte gute Freundin, ein Kumpel, der nur zufällig makellos hübsch ist. Und immer pünktlich. Und solide. Sie selbst sagt, sie sei immer so. Sie wisse überhaupt nicht, wie das geht: sich verstellen. Nein, eine Marke sei sie nicht. "Ich denke gar nicht darüber nach, wie Leute mich sehen."

Dieses "Ich bin eben, wie ich bin" ist ein von TV-Persönlichkeiten oft gewähltes Image-Outfit für öffentliche Auftritte, das allerdings nicht jedem passt. Bei Sylvie Meis blitzt zu oft ihr brennender Ehrgeiz durch. Bei Lena Gercke aber sitzt es wie angegossen. Wie früher bei Heidi Klum, mit der Lena Gercke verglichen wird, ständig, warum denn schon wieder? Da wird sie ungehalten, da verliert ihre Stimme kurz den sonst souveränen Grundton. "Ich komme zwar aus der Show, die auch Heidi in Deutschland sehr bekannt gemacht hat", sagt sie. "Und sie ist blond, ich bin blond." Das sei alles. Jetzt ist aber Probe. Sie knipst ihr Lächeln wieder an und ist parat.

Der Plan: so tun, als gäb's keinen

Routine wirkt dann perfekt, wenn sie zwanglos scheint. Gercke macht das richtig gut: laufen, lächeln, plaudern. Sich unbekümmert geben. Was ihr Plan sei? "Bisher hat sich alles von selbst gefügt." Sie wünsche sich, dass alles so bleibe, wie es gerade ist, sagt sie. Immer zufrieden wirken, glücklich im Moment, das gehört zu Gerckes Markenidentität. Ehrgeiz macht sich nun mal nicht gut, schon gar nicht bei einer Frau. Aber ohne Plan kommt man im Modelgeschäft nicht weit und ins Showgeschäft gar nicht erst rein.

Sie hat schon jung begonnen. Als Kind tanzte sie und machte Akrobatik in Cloppenburg, wo sie bei ihrer Mutter aufwuchs. Sie ist die Schlankste in der Familie, die Schönste. Ihre Schwestern haben andere Träume: studieren, Ärztin werden oder Anwältin.

Bei einem regionalen Casting einer Fast-Food-Kette wurde Lena Gercke 2004 entdeckt, modelte mal hier, mal da, kleine Jobs, nichts Besonderes. 2006, mit 17, bewarb sie sich bei "Germany's Next Topmodel". Und gewann. Unter vielen schönen, launigen Mädchen war sie das schüchternste. Aber auch das professionellste. Sie schien formbar, wandelbar, das perfekte Model für Jobs, bei denen das Produkt im Vordergrund steht.

Dabei blieb Lena Gercke aber sichtbar. Sie warb für Gillette, Katjes, Opel, Karstadt. Ein Portfolio der Solidität. Nebenbei machte sie das Abitur. Ging ins Ausland: Mailand, Athen, Paris, New York. Tauchte in den Klatschspalten auf, am roten Teppich, im Fernsehen.

2009, mit 20, wurde Gercke zur Moderatorin von "Austria's Next Topmodel". Brav absolvierte sie das Programm, rezitierte "Ich habe heute leider kein Foto für dich" fast so gut wie Heidi Klum, deren Vater sie für die Sendung gecoacht hatte. Und so plätscherte ihre Karriere dahin, bis sie als Freundin des deutschen Nationalspielers Sami Khedira zur Fußball-WM flog. Da sah man sie jubelnd auf der Tribüne, küssend am Feld, eine schöne Spielerfrau, so nett, so natürlich. Ihr Wert stieg.

Natürlich arbeite man an Lenas Image, sagt die Managerin. Die Angebote werden ausgesiebt. Keine skandalgefährdeten Labels, kein Hundefutter. Und: keine Moderationen Moderationen am Spielfeld, keine Bilder in spanischer Torerokluft, weil Khedira doch bei Real Madrid spielt. Lena, sagt die Managerin, habe schließlich eine eigene Karriere.

Das Team: Wechsel

Eine Woche nach der Aufzeichnung für das "Supertalent" steht Lena Gercke in einem Studio in München. Samstagfrüh. Fotoshoot für ein Modemagazin. Warmtanzen, lächeln, Schlafzimmerblick, springen, lachen. Der Fotograf schwärmt: "Sie bietet immer wahnsinnig viel an." Beim Mittagessen langt sie zu: Frikadellen mit Ketchup. Sie koche so gern Hausmannskost, erzählt sie. Und engagiere sich. Sie habe auch ein Patenkind in Südafrika. Zwei Modepraktikantinnen stochern in ihrem Salat, beobachten ehrfürchtig, wie die beladene Gabel in Gerckes Mund verschwindet. Sie erzählt, dass sie ein Online-Fitnessstudio eröffne, sie nennt es ihr "Baby". Dann möchte sie telefonieren, im Bademantel vor der Studiotür. "Jetzt braucht Lena absolute Ruhe", flötet ihre Managerin.

Drei Wochen später ist sie ihre Exmanagerin. Auch von ihrer deutschen Modelagentur trennt sich Gercke. Zeit für die nächste Stufe. "So etwas ist ganz normal in der Branche", sagt ihre Exmanagerin. "Alles in beiderseitigem Einverständnis, ganz unspektakulär." Gerckes ehemalige Modelagentin Susanne Maushake wird konkreter: "Lenas neues Management schreibt vor, dass sie zumindest in Deutschland keine Modelagentur mehr haben soll." Der Wandel vom Model zur "Personality" ist im Gange. Alles fügt sich. Lena Gercke lächelt.

Manchmal wünscht man sich, sie besäße ein wenig mehr Rotznäsigkeit. Als sie in der Abflughalle des Münchner Flughafens ein Loch an ihren Used Jeans entdeckt, wird sie hektisch: Sieht man etwa ihren Po? Aber als Star für die ganze Familie ist Rotznäsigkeit die falsche Strategie. Angenehme Langeweile funktioniert sicher besser.

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