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Maria Shriver: Arnies beste Wahl

Seit fast 30 Jahren ist sie Arnold Schwarzeneggers First Lady: Maria Shriver. Dass er seine zweite Amtszeit als Gouverneur von Kalifornien antritt, ist auch ihr Verdienst.

Von Christine Kruttschnitt

"Was wird denn von einer First Lady erwartet?", fragte sie mit leisem Unbehagen in ihrem ersten Jahr, da war der Gatte gerade einige Wochen im Amt. "Den Christbaum anzünden", kam als Antwort. Also begab sich Maria Shriver Schwarzenegger an der Seite des frisch gebackenen Gouverneurs von Kalifornien zur prächtigsten Tanne von Sacramento, strahlte in Fernsehkameras und knipste die Christbaumlichter an.

Anfang Dezember hat sie zum vierten Mal gestrahlt und geknipst; der Gatte war kurz zuvor mit beruhigender Mehrheit im Amt bestätigt worden, und die einst so zurückhaltende Landesmutter hatte sich zur - laut "Los Angeles Times" - "prominentesten und mächtigsten First Lady aller Zeiten in Kalifornien" entwickelt. An der Spitze von Amerikas bevölkerungs- und einflussreichstem Bundesstaat gelten Maria Shriver und Arnold Schwarzenegger als das wichtigste Power-Paar der Nation. Und gab es bei ihm nie Zweifel an sowohl seinen Ambitionen wie seiner Durchsetzungskraft, so registriert die Öffentlichkeit eigentlich erst jetzt so recht, wie lang und fest die Strippen sind, an denen Maria Shriver zieht.

Sie treffen gemeinsame Entscheidungen

So steckten Mitarbeiter der lokalen Presse, Dokumente für den Gouverneur gingen in Kopie gleich an die First Lady, und dass die beiden Personalfragen absprechen, wurde offenbar, als Arnold, der eingefleischte Republikaner, die Stabschefin seines demokratischen Vorgängers übernahm. Maria, Nichte von John F. Kennedy, entstammt der berühmtesten Demokratenfamilie Amerikas. Mit ihrem vielköpfigen Stab aus Helfern hat sie ein brummendes Netzwerk aus Wohltätigkeitsorganisationen, PR-Firmen und Industriekontakten aufgebaut, das ihre Anliegen unterstützt. Jede First Lady hat ein Anliegen. Maria hat gleich mehrere. Sie macht sich für Frauenrechte stark, entwickelt Ernährungsprogramme für fettleibige Kinder und hilft über ihr "Heroic Families Program" den Angehörigen von Soldaten im Irak, kostenlos mit ihren Lieben zu telefonieren. "Alles Aktivitäten", meint der Schwarzenegger-Biograf Michael Blitz, "die den Weg ebnen für einen Führungsanspruch auch auf nationaler Ebene."

Ehrgeizig waren die beiden schon immer; vielleicht hat sie das von Anfang an am meisten aneinander fasziniert. Als sie sich kennenlernten, im Sommer 1977 bei einem Tennis-Wohltätigkeitsturnier, erzählte ihr der junge Bodybuilder aus Österreich, dass er ein Star werden wolle. Weltberühmt! Wie originell, dachte sie. Alle jungen Männer in ihrer Umgebung waren so Harvard-ernst und so Yale-seriös, so langweilig!, und da stand dieser Muskelberg mit dem schubladenweiten Lachen und sprach derart zuversichtlich über seine Träume, als hätte er sie alle im Katalog geordert; Lieferung in 14 Tagen. "Er war so allein, so unabhängig", erinnert sie sich versonnen. "Ich gehörte immer nur zu einem Rudel, welche Kennedy bist du noch mal? Von Arnold war ich hin und weg."

Sie lud ihn noch am selben Tag nach Hyannis Port ein, dem Feriensitz der Kennedys auf Cape Cod. "Willst du übers Wochenende mitkommen? Der Flieger geht in zwei Stunden", sagte sie. Arnold nickte bloß. "Klingt gut."

Der aufgepumpte Kerl war intelligent

Und so begann, was Realisten perfektes Teamwork und Romantiker eine große Liebe nennen. Die Kennedys waren über den erklärten Nixon-Fan und Kraftsportler erst irritiert, dann erkannten sie das Vertraute im Fremden: Schwarzenegger war ein rastloser Arbeiter wie sie; einer, der etwas verändern wollte, wenn auch zunächst nur sich selbst. Marias Mutter Eunice, jüngere Schwester von JFK, gab dem jungen Mann einen Posten in der Behindertenhilfsorganisation, die sie ins Leben gerufen hatte, den "Special Olympics". Er erfüllte den Job als Trainer mit solcher Hingabe, dass Eunice wie ihre Tochter kapitulierte. Sie merkte, dass der aufgepumpte Kerl intelligent war. Nachdenklich. Und zielstrebig.

Arnold mochte nicht aus annähernd so gutem Hause stammen wie Maria. Aber sein wachsender Ruhm als Hollywood-Star war so frisch und gut wie ihr Name groß und bedeutend. Er brachte Glamour in die Ehe ein, sie Klasse; er Elan, sie Tradition. Als nach neun Jahren endlich geheiratet wurde, schickte der Papst dem erzkatholischen Kennedy-Clan seinen Segen, während vor der Kirche in Hyannis Port die Paparazzi tobten. Vor rund 500 Gästen - von Jackie Kennedy bis Oprah Winfrey - überreichte der Bräutigam seiner jungen Frau ihr Porträt, gemalt von Andy Warhol. "Sie ist wirklich hübsch", hatte der Pop-Art-Künstler über das Objekt in seinem Tagebuch vermerkt. "Bisschen stark in den Hüften. Und hat viel geredet."

Letzteres hat sie von der Mutter. Eunice, heute ältestes noch lebendes Kind von Joe und Rose Kennedy, stand immer unter Strom, wollte immer alles wissen, wollte mit ihrem großen Bruder, dem Präsidenten, die Welt verändern. Mit dem ehemaligen Marineoffizier und Yale-Absolventen Robert Sargent Shriver hat sie fünf Kinder, unter ihnen nur die eine Tochter. Maria neigte als Kind zur Moppeligkeit, erst als Teenie floss der Speck ab, stachen die Kennedyschen Kiefer vor. Sie sieht ihrer Mutter geradezu lächerlich ähnlich, die gleichen scharfen blauen Augen, das volle braune Haar. "Ihre Tochter hat eine Superfigur", bemerkte Arnold auf seine leutselige Art bei seiner ersten Begegnung mit Eunice. Vielleicht hat Maria die Augen gerollt; sie sagt heute noch, es vergehe kein Tag, an dem sie nicht über einen Spruch des Gatten stolpere. Oder lachen müsse.

Sie wurde streng katholisch erzogen, geht sonntags immer noch zur Messe, ist aber längst nicht so fromm wie ihre Brüder. Unbekümmert brachte sie als junges Mädchen ihre Boyfriends zum Übernachten mit ins Ferienhaus zur Großmutter. Wie alle Kennedy-Sprösslinge wuchs sie unter den Augen der Öffentlichkeit auf; war es gewohnt, dass wildfremde Leute ihr Kommentare über ihre Familie zuriefen. Sie empfand dieses Vermächtnis als bedrückend. Wollte nicht ihr Leben lang allein der Verwandtschaft wegen bevorzugt werden. Oder kritisiert. Maria wollte selbst etwas auf die Beine stellen. Ihr kleiner Ausbruch aus der Clan-Tradition: Sie ging zum Fernsehen, nicht in die Politik, extra nicht. Sie fing als Produktionsassistentin bei einem kleinen Sender an, arbeitete sich hoch.

"Wenn das nicht reicht, haben wir halt Telefonsex"

1985 gibt sie ihre Verlobung mit Schwarzenegger bekannt. Das Paar führt eine Fernbeziehung: Er dreht Filme in Los Angeles, sie nimmt einen neuen Posten in New York an. "Wir fliegen so oft es geht hin und her und zahlen Tausende Dollar an Telefonrechnungen", sagt Arnold damals in einem Interview. "Und wenn das alles nicht reicht, haben wir halt Telefonsex." Maria wird mit den Augen gerollt haben.

Amerika ist fasziniert von dem scheinbar so ungleichen Paar. Die sozial Engagierte und der Terminator, die Ostküstenintellektuelle und der Selfmade-Man. Wenn er Fußball spiele, erzählt Arnold, der Polizistensohn aus Graz, ziehe er sein ältestes T-Shirt an - "Maria rollt im Kaschmirpullover durchs Gras!" Wird oft gestritten? "Wir streiten nie", antwortet er, der Meister der filmreifen Abwehr. "Wir führen interessante Diskussionen."

Während in seinen Filmen die Welt in die Luft fliegt, versucht Maria in ihren TV-Beiträgen, sie zu erklären. Neben haufenweise Zuckerwatte-Interviews mit Showstars befragt sie Politiker wie Fidel Castro und Hillary Clinton, bekommt Preise für ihre Berichterstattung über sozial schwache Frauen und die Schwulenszene in Amerika. Sie liest Arnolds Drehbücher, rät zu leichteren Stoffen wie "Twins" und "Kindergarten Cop". Ihre Kinder sollen den Vater nicht als Killermaschine sehen.

Zwei Töchter und zwei Söhne bringt sie zwischen 1989 und 1998 zur Welt, ihr Alltag ist angefüllt mit Kindern, Karriere, Kinopremieren des Gatten und Kennedy-Events, ein Familienfest hier, eine Spendengala dort. Sie schreibt Bücher für junge Leser, unter anderem über Alzheimer und den Tod. Und sie macht kein Geheimnis daraus, dass sie von Schwarzeneggers Polit-Plänen nicht begeistert ist. Wollte sie das nicht vermeiden? Die Kennedysche Frauenrolle, einem Staatsmann das Händchen halten?

Sie orientiert sich an ihrer Tante Jackie

Als in Schwarzeneggers erstem Wahlkampf Berichte über sein angebliches Begrapschen junger Journalistinnen verbreitet werden, ist sie wiederum froh darüber, dass ihre Familie so ziemlich jeden Schlamassel schon öffentlich durchleben musste. Sie orientiert sich an ihrer Tante Jackie. Die hatte die Affären ihres Mannes, tatsächliche wie erfundene, totgeschwiegen.

Später, als First Lady, sagt sie: "Bin ich wild entschlossen, Arnold zu helfen? Und glaube ich fest an ihn, und will ich, dass es ihm gut geht? Die Antwort lautet: Ja. Und erinnert mich das an meinen Onkel Robert, der John F. immer den Rücken frei hielt? Wieder sage ich: Ja."

Ihr älterer Bruder, Bobby Shriver, der im Stadtrat von Santa Monica sitzt, drückt das so aus: "Du schadest Arnold, und Maria reißt dir den Kopf ab."

"Maria Shriver ist absolut entscheidend für die Karriere des Gouverneurs", erklärt die Direktorin des Instituts für Politik- und Medienwissenschaften an der Universität in Sacramento. "Es liegt an ihr allein, ob die Menschen in einem demokratischen Staat wie Kalifornien ihm vertrauen."

Nun, dann hat sie ihre Sache gut gemacht. Am 5. Januar wird Schwarzenegger seinen zweiten Amtsantritt feiern - auf Krücken, denn beim Skifahren in Sun Valley hat er sich den rechten Oberschenkelknochen gebrochen; aber dafür glorioser als je zuvor, mit Sponsorengeldern aus der Wirtschaft. "Wird das", fragte zu den festlichen Plänen bissig eine Leserin der "Los Angeles Times", "seine Inauguration oder seine Krönung?"

Was wird Maria Shriver tun? Strahlen natürlich. Das fällt ihr diesmal leicht. Und dann gleich tags darauf wieder ein paar Strippen ziehen. Vor allem das wird von der First Lady erwartet.

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