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Michael Jackson: Das Ende der Superstars

Mit Michael Jackson, der heute in Los Angeles beerdigt wird, hat einer der letzten wahren Superstars die Welt verlassen. Aus der eisigen Showbiz-Höhe blickt nun allein Madonna in den Abgrund des Unterhaltungszirkus. Schuld daran, dass es keinen Nachwuchs gibt, sind ganz allein wir.

Von Sophie Albers

November 2002. Zwei Journalisten sitzen in einem Restaurant und streiten sich über ein neues Fernsehformat namens "Deutschland sucht den Superstar". Während den einen das Potenzial des demokratisierten Startums begeistert, sieht der andere das Ende einer Ära gekommen: Wenn jeder ein Star sein kann, ist es niemand mehr, so das Argument. Sieben Jahre lang schien der große Erfolg der Castingshows dem Optimisten Recht zu geben. Doch der Tod von Michael Jackson macht deutlich, dass auch der Pessimist richtig lag. Der Welt gehen die echten Superstars aus.

Wenn die letzte noch lebende Legende Madonna irgendwann abtreten wird, ist es endgültig vorbei mit dem Musik-Superstar, wie ihn das 20. Jahrhundert geschaffen hat. Ein Wesen, dessen Allgegenwart und Bekanntheitsgrad tatsächlich für einen über dem Rest der Unterhaltungsindustrie leuchtenden Stern gesorgt haben. Die Namen Michael Jackson und Madonna sind weltbekannt - in Jena wie in New York und Timbuktu. Diese Karrieren haben einer Ära den Stempel aufgedrückt. Die Gesichter haben die absolute Wiedererkennbarkeit. Ihre Namen sind zu Synonymen geworden. Jeder weiß, was mit "Jacko-Style" oder "Madonna-mäßig" gemeint ist. So leben Name und Image auch nach dem Tod weiter. Wie es schon bei Elvis Presley und Frank Sinatra der Fall war. Aber was ist denn bitte "Beyoncé-mäßig"?

Werk und Image

Das Wesentliche für einen Star sei vor allem, dass Werk und Image zusammen rezipiert werden, erklärte Hans-Otto Hügel, Professor für populäre Kultur an der Universität Hildesheim, das Konzept des Stars im vergangenen Jahr auf einem Vortrag. Der Star habe nicht nur etwas geleistet, er stehe auch für etwas. Erst beides zusammen ist die Abschussrampe für den Himmelsflug.

Jacksons fünf Jahrzehnte umfassende Karriere hat neben Musik, die gleich für mehrere musikalische Epochen steht, auch ein Image begründet, das die Popkulturnutzer mit jeder CD und jeder Konzertkarte erstanden haben: der begnadete Entertainer und das verstörend-faszinierende ewige Kind. Bei Madonna kommt zu drei Jahrzehnten qualitativ nicht unumstrittener, aber lange richtungsweisender Musik das Bild der starken, emanzipierten, sexuell hungrigen und selbstbestimmten Frau hinzu. Sie haben immer wieder Neues geschaffen und sind doch unverwechselbar geblieben.

Verbrauchte Lolita

Das neue Jahrtausend tut sich schwer mit solchen Überwesen. Britney Spears ist zwar weltbekannt, doch ist das Lolita-Image musikalisch wie auch für die Persönlichkeit verbraucht und von einem Image des Verfalls überlagert. Ihr droht das klassische Schicksal eines Kinderstars, wenn sie sich nicht - "Madonna-mäßig" - neu erfindet. Aber noch etwas verwehrt den Beyoncés und Justin Timberlakes den Einzug in den Superstar-Olymp. Und damit sind wir wieder bei den Castingshows angekommen.

Im 21. Jahrhundert werden Stars auf Augenhöhe gebracht. Von oben und von unten. Die bereits im Rampenlicht stehenden Prominenten werden durch Paparazzi-Bilder und intimes Getwitter auf 08/15-Niveau gestutzt. Wenn auch mit mehr Geld. Beyoncés geklebter Haaransatz, Timberlakes Beziehungsprobleme oder auch Miley Cyrus' Badezimmerfotosessions. Wir kommen zuweilen gefühlt so nah ran wie die Zahnbürste.

Kein Mysterium

Zum anderen sorgt auch die Superstars-Suche aus der Mitte derer, die die Stars eigentlich verehren sollten, für Entzauberung. Die für den Star so wichtige Legende bleibt aus, weil der Betrachter von Anfang an zusieht. Idealiter sogar bei der Nasenbegradigung, bei Nervenzusammenbrüchen und anderen schwachen Momenten. Aber Stars ohne Geheimnis, das sind Menschen wie du und ich. Mit Fehlern in Haut und Charakter, was die unbedingte Verehrung schwierig macht. Die kann, wenn man an die Bilder der trauernden Michael-Jackson-Fans denkt, bei den "alten Superstars" durchaus den Charakter einer Ersatzreligion haben.

Ob diese Säkularisierung im Popstar-Geschäft eine negative oder positive Entwicklung ist, bleibt dem Betrachter überlassen. "They ain't making jews like Jesus anymore", hat der amerikanische Countrysänger und Satiriker Kinky Friedmans einst gesungen. Fest steht, dass auch Popstars wie Michael Jackson schon lange aus der Produktion gegangen sind.