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Miss Germany: Zwischen Handtuch und Kanzlerin

Am 02. Februar wird die neue Miss Germany gewählt. Die 19-jährige Nelly Marie Bojahr hatte diesen Titel ein Jahr lang inne und spricht im stern.de-Interview über ihre rund 250 Termine, ein ungewolltes Zusammentreffen mit Angela Merkel und die Vorurteile, mit denen man als Schönheitskönigin konfrontiert wird.

Frau Bojahr, am Wochenende wird die neue Miss Germany gewählt. Sind Sie froh, dass Sie die Krone bald los sind?

Nein, nicht wirklich. Es sind zumindest gemischte Gefühle. Ich habe ein sehr spannendes, interessantes Jahr hinter mir. Auf der anderen Seite war es manchmal auch sehr anstrengend.

Die Schönste im Land zu sein, ist ein echter Fulltime-Job.

Das kann man wohl sagen. Es ging direkt nach meiner Wahl los. Schon am nächsten Tag hatte ich einen Termin bei einer Automobilmesse. Ich war dann nachts um 01.00 Uhr zu Hause in Kleinmachnow und musste drei Stunden später wieder hoch, weil mich das Frühstücksfernsehen eingeladen hatte. Insgesamt dürfte ich während des letzten Jahres etwa 250 Termine gehabt haben.

Welches waren Ihre schönsten Erlebnisse im vergangenen Jahr?

Das waren sehr viele. Schön war natürlich, viele spannende und prominente Menschen treffen zu können. Franz Beckenbauer war dabei, die Klitschko-Brüder, auch Boris Becker. Meist waren das allerdings nur ganz kurze Begegnungen. Ein bisschen länger konnte ich mit Niki Lauda und Mika Häkkinen plaudern, als ich bei einer Gala in der Türkei die Möglichkeit hatte zwischen den beiden zu sitzen. Das war schon ein sehr lustiges Gespräch, mit Niki auf deutsch und mit Mika auf Englisch.

Es gibt auch ein Foto von Ihnen und Angela Merkel.

Ja, aber das war absoluter Zufall. Es war beim Sommerfest einer Zeitung in Berlin, der Presserummel war entsprechend groß. Noch ehe ich es richtig registriert hatte, wurde ich von ein paar Fotografen in eine Richtung gedrängt und stand auf einmal neben der Bundeskanzlerin. Das haben natürlich alle fotografiert. Gleich danach waren aber Merkels Bodyguards da und haben sie abgeschirmt – gesprochen haben wir daher nicht miteinander.

Klingt alles recht spannend. Welche Dinge haben Ihnen nicht so gefallen?

Da gab es nur wenige. Ich habe viele Sachen zum ersten Mal gemacht, daher war alles für mich immer wieder neu spannend. Nicht so schön war, wenn ich mal zu spät zu einem Termin gekommen bin, etwa wenn ich einen Zug verpasst habe. Da habe ich mich dann sehr geärgert.

Sie haben unter anderem für Handtuchrollen geworben. War das auch aufregend?

Ja, war es, ganz ehrlich. Es handelte sich dabei um meine erste Produktpräsentation inklusive großer Pressekonferenz. Für mich war das neu, und ich habe mich gefreut, es tun zu dürfen.

Was halten Sie von Kritikern, die Misswahlen für reine Fleischbeschau halten?

Es gibt viele Leute, die diese Vorurteile haben. Sie denken: Mädchen, die da mitmachen haben nichts anderes zu bieten und müssen auf Teufel komm raus etwas aus ihrem Aussehen machen. Manchmal mag das stimmen, manchmal nicht.

Haben Sie das auch persönlich erfahren?

Ja, ich musste oft gegen dieses Klischee ankämpfen. Im Alltag habe ich es häufiger mal bemerkt, dass hintenrum getuschelt wurde, wenn ich irgendwo reinkam. Vor allem von Frauen. Aber auch viele Journalisten haben in Interviews Anspielungen gemacht, wollten herauskitzeln, dass ich als Schönheitskönigin wohl nicht sonderlich intelligent sein könne. "Du bist also Miss Germany und willst jetzt bestimmt Model werden, ja?" - so ging das häufiger mal. Mir hat es aber Spaß gemacht zu zeigen, dass dieses Vorurteil auf mich nicht zutrifft und ich nicht so leicht in eine Schublade zu stecken bin.

Haben Sie kein Problem damit, bei Ihren Auftritten von Männern angestarrt zu werden?

Werde ich das? Das ist mir bisher noch nicht aufgefallen. Bei kleineren Schönheitswettbewerben ist das sicher anders. In Discotheken, wenn das Publikum angetrunken ist und "Ausziehen, ausziehen" ruft. Aber bei solchen Veranstaltungen habe ich nie mitgemacht. Meist bin ich ja, im Cocktail- oder Abendkleid unterwegs und blicke in fröhliche, strahlende Gesichter. Ein paar mal kamen sogar kleine Mädchen zu mir und sagten: "Nelly, ich möchte das auch mal schaffen. Sag mir, was muss ich dafür tun muss."

Wie hat Ihr Umfeld reagiert, als Sie Miss Germany wurden? Was hat sich seither verändert?

Am Anfang habe ich wegen der vielen Termine nur wenig davon mitbekommen. Aber es war schon Gesprächsthema im Ort und in der Schule, selbst der Bürgermeister hat mir ein Päckchen mit einem Buch über den Ort geschickt. Meine Freunde haben sich sehr für mich gefreut und gratuliert. Natürlich hatte ich im letzten Jahr viel weniger Zeit für sie, weil ich soviel unterwegs war und ja auch ein Jahr mit der Schule ausgesetzt habe. Aber wir haben über E-Mail und Telefon Kontakt gehalten. Jede freie Minute habe ich genutzt, um bei meiner Familie und meinen Freunden zu sein.

Wie geht es jetzt bei Ihnen weiter?

Ich gehe jetzt erst mal wieder zur Schule und will das Abitur machen. Danach möchte ich studieren, vielleicht vorher für ein paar Monate ins Ausland. Später könnte ich mir vorstellen, im Medienbereich zu arbeiten. Ich habe durch meine Zeit als Miss Germany einen guten Einblick bekommen und fand es hinter den Kulissen immer sehr interessant.

Interview: Björn Erichsen