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Porträt Cindy McCain: Keine harmlos-nette Barbiepuppe

Im Gegensatz zu ihrer Konkurrentin Michelle Obama sagt sie nicht viel - also auch nichts Falsches: Cindy McCain, Frau des Präsidentschaftskandidaten der Republikaner. Wer die reiche Erbin allerdings als Dummchen abstempelt, liegt falsch: Sie hat ihrem Mann erst den Weg in die Politik geebnet.

Von Ulrike von Bülow, New York

Neulich erschien sie mit ihrem Gatten zu einer Pressekonferenz in Michigan, leicht verletzt. Sie trug den rechten Arm in einer schwarzen Schlinge, er sprach: "Ich weiß, dass viele sich über Cindys neues Schmuckstück wundern. Sie hat eine leichte Verstauchung, weil ihr jemand bei der letzten Veranstaltung zu stark die Hand geschüttelt hat." Cindy, blond und zierlich, kniff die rot bemalten Lippen zusammen. Von ihrem kleinen Handicap abgesehen war es eigentlich wie immer bei McCains: Er redet, sie hört zu.

John McCain, 71, republikanischer Präsidentschaftskandidat im Wahlkampf, ist der Mann an der Front, Cindy McCain, 54, die Frau im Hintergrund. Händeschütteln, Winken, das ist ihr Job. Man denkt darum gern: Cindy McCain, eine harmlos-nette Barbiepuppe, die klassisch-konservativ hinter ihrem Mann steht. Mal im Kostüm, mal im Hosenanzug, stets perfekt geschminkt und frisiert. Aber wird man ihr damit gerecht?

Wenn man sich ein bisschen mit Cindy McCain beschäftigt, mit ihrer Biografie, findet man den Stoff, der in Seifenopern vorkommt: Reiches Mädchen trifft weniger reichen Mann, schenkt ihm Kinder, lässt ihn groß werden, macht sich klein, wird tablettensüchtig, sucht ihren Weg. Cindy McCain hat sich in der Öffentlichkeit nie besonders wohl gefühlt, aber natürlich kommt sie in diesen Zeiten nicht umhin, die Politiker-Gattin zu geben und Journalisten an sich heran zu lassen. Klar, dass die Leute neugierig auf sie seien, sagt Cindy McCain: "Das wäre ich auch, wenn ich jemanden wählen sollte."

Die Zurückhaltung eine Nancy Reagan

Nun gibt sie nicht so kesse Dinge von sich wie ihre demokratische Kollegin Michelle Obama ("Ich bin ein großer Fan von Accessoires, ich bin mit einem verheiratet"), aber das heißt nicht zwingend, dass Cindy McCain nichts zu sagen hat. Die Art, wie sie auftritt, mit der Zurückhaltung einer Nancy Reagan, ist die Art, die ankommt bei den Wählern ihres Gatten, die ja eher etwas gestrig ticken.

Wer Cindy McCain abseits der politischen Bühne begegnet, trifft eine Frau, die durchaus offen und sehr hilfsbereit ist und so etwas wie das Herz von John McCain. Der ist ja bekannt dafür, dass er ziemlich poltern kann. Es kommt vor, dass Mr. McCain Reporter anblafft und später um Verzeihung bittet - mit den Worten: Mrs. McCain habe mit ihm geschimpft und gesagt, er müsse sich entschuldigen. Auch ist Cindy McCain so etwas wie das Portemonnaie von John McCain. Sie hat von ihrem Vater eines der größten Unternehmen für Biervertrieb in den USA geerbt, ihr Vermögen wird auf 100 Millionen Dollar geschätzt. Sie überlässt ihrem Mann hin und wieder das Privatflugzeug ihrer Firma für Wahlkampfausflüge.

Im Urlaub auf Hawaii trifft sie John McCain

Mrs. McCain, geborene Cindy Lou Hensley, war noch kein Jahr alt, als ihr Vater "Hensley & Company" gründete, so heißt die Firma. Sie kam 1954 zur Welt und wuchs in Phoenix, Arizona, auf - als Einzelkind. Ihr Vater unternahm mit ihr Dinge, die Väter sonst eher mit Söhnen unternehmen: Trecking in der Wildnis, Camping in den Canyons, tagelang. Aus Cindy wurde ein Cowgirl, mit 14 kürte man sie zur "Rodeo Queen" von Arizona. Ihr Vater wollte, dass sie ins Familiengeschäft einsteigt, aber Cindy ging mit 18 nach Kalifornien, studierte und machte ihren Abschluss in Erziehungswissenschaften. Dann kehrte sie zurück nach Phoenix und unterrichtete behinderte Kinder. 1979 flog sie mit ihren Eltern in den Urlaub nach Hawaii, wo sie John McCain begegnete. Bei einer Cocktailparty.

Cindy McCain erinnert sich: "Ich stand an einem Tisch, jung, schüchtern, als plötzlich dieser gut aussehende Mann in seiner weißen Marine-Uniform auftauchte und mich anstarrte. Ich dachte: Was ist denn hier los?" John McCain hatte sich in sie verguckt, das war los.

Auf Seite 2 lesen Sie: Der verheiratete John McCain lässt sich wegen Cindy scheiden, wie seine neue Frau ihm zum Durchbruch in der Politik verhalf und warum die neue Mrs. McCain tablettensüchtig wurde.

Sie war damals 24. Er war 42, verheiratet, Vater von zwei Stiefsöhnen und einer Tochter. Er ließ sich von seiner ersten Frau Carol scheiden, bald darauf wurde aus Cindy Hensley die zweite Frau McCain. Man ließ sich in Arizona nieder, sie kaufte ein Haus. Und Vater Hensley, längst reich und mächtig, öffnete dem Schwiegersohn die Türen in die Politik: 1982 wurde er in das "House of Representatives" für Arizona gewählt, drei Jahre später für Arizona in den Senat. Cindy kündigte ihren Job als Lehrerin, ging mit ihm nach Washington, aber dort fühlte sie sich nicht wohl. Sie hatte Heimweh, erlitt mehrere Frühgeburten; als sie 1984 erneut schwanger war und die Ärzte ihr absolute Ruhe verordneten, entschied sie: Dann lege ich mich lieber in Arizona ins Bett - und ging zurück.

Ihr Mann kam am Wochenende vorbei, ansonsten war er in Washington sehr mit seiner Karriere beschäftigt. Cindy McCain zog in das Haus ihrer Eltern, die halfen ihr mit den Kindern: 1984 brachte sie Tochter Meghan zur Welt, 1986 Sohn John und 1988 Sohn James. Dazwischen gründete sie eine Wohltätigkeits-Organisation. Das "American Voluntary Medical Team" verteilt seitdem in armen Ländern Medizin an Krankenhäuser. 1991 besuchte Cindy McCain das Waisenhaus von Mutter Teresa in Dhaka, Bangladesh; sie sah furchtbar viele neugeborene Mädchen: krank, unterernährt. Sie nahm zwei der Mädchen mit in die USA, adoptierte eines und taufte es Bridget; das andere Mädchen nahmen Freunde der McCains auf.

Cindy McCain wird abhängig von Schmerzmitteln

Cindy McCain sagt, dass es Zeiten gab, in denen sie mit der Erziehung von vier kleinen Kindern ziemlich überfordert gewesen sei. Sie hatte Rückenprobleme, und als diese nach zwei Operationen nicht besser wurden, begann sie, Schmerzmittel zu schlucken; sie wurde süchtig nach Vicodin und Percocet, nahm mehr als 20 Tabletten am Tag, bis ihre Mutter eines Tages sagte: Du siehst schlecht aus, bist dünn geworden, was ist los mit dir? Da brach sie zusammen. Und begab sich auf Entzug. John McCain im fernen Washington ahnte von all dem - nichts. "Ich hätte ihm sagen sollen, dass ich Rückenprobleme habe, aber ich wollte nicht, dass mein Mann zu einer Frau nach hause kommt, die nicht funktioniert", sagt Cindy McCain heute. "Ich wollte die perfekte Ehefrau sein." Doch dann kam heraus, dass sie in ihrer Sucht Medikamente aus dem Bestand ihrer Hilfsorganisation geklaut hatte: Sie wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Das sei die schwerste Zeit in ihrer Ehe gewesen, sagt sie.

Als John McCain sich 2000 für das Amt des amerikanischen Präsidenten bewarb und in den Vorwahlen an George W. Bush scheiterte, hatte das auch damit zu tun, dass dessen Wahlkampftruppe die Tablettensucht seiner Frau ausschlachtete; auch wurde gestreut, Bridget sei nicht adoptiert, sondern außerehelich von John McCain gezeugt worden. Cindy McCain ist damals durch die Klatsch-Hölle gegangen, sie hat lange überlegt, ob sie sich das noch einmal antun will; natürlich bedeutet die erneute Kandidatur von John McCain, dass die Gesundheit seiner Frau, die Gesundheit seiner Ehe erneut Wahlkampfthema ist; so berichtete die "New York Times" vor gar nicht langer Zeit von sehr guten Kontakten, die Mr. McCain zu einer blonden Lobbyistin aus Washington pflege; Mrs. McCain sagte dazu, sie vertraue ihrem Mann und verwies auf seinen "großartigen Charakter".

Nach Schlaganfall zieht sich Cindy zurück

Cindy McCain hat im April 2004 einen Schlaganfall erlitten, aufgrund zu hohen Blutdrucks. Sie hatte aufgehört, Medikamente dagegen zu nehmen, plötzlich konnte sie nicht mehr sprechen, waren ein Arm, ein Bein taub. Sie hat sich danach verkrümelt, in ein Haus in Kalifornien, monatelang. Freunde kümmerten sich um ihre Kinder - sie kümmerte sich nur um sich, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie sagt, sie konnte anfangs kaum essen, kaum laufen, aber mit Hilfe eines Therapeuten habe sie mit jedem Tag Fortschritte gemacht. Erst winzige, dann kleine, dann größere. Rückblickend sagt sie: "Ich hätte sterben können." Was ist ein Wahlkampf dagegen, vergleichsweise? Cindy McCain sagt, sie fände den Gedanken ans Weiße Haus inzwischen ganz charmant.