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Porträt: Die Märchenbraut

Eine junge Frau aus dem kleinstädtischen Kristiansand stahl nicht nur dem norwegischen Thronfolger das Herz, sondern bezauberte ein ganzes Volk. Nach vielen Schwierigkeiten hat sie ihr Lächeln wiedergefunden.

Wenn die Gebrüder Grimm die Geschichte von Aschenputtel nicht schon vor Jahrhunderten aufgezeichnet hätten, hätte man so etwas ähnliches spätestens im Jahr 2000 in Norwegen erfinden müssen. Denn Mette-Marit, die Kronprinzessin von Norwegen, ist eine wahre Märchenbraut.

Die Kindheit der 1973 geborenen Mette-Marit Tjessem-Höiby im Süden Norwegens war so wenig aufsehenerregend, wie man sich das nur vorstellen kann: drei Geschwister, Urlaub an der Küste, Jugendclubbesuche, Segeln und Volleyball. Als sie 11 war, ließen sich ihre Eltern, eine Bankkauffrau und ein Journalist, scheiden - auch das heutzutage nichts Ungewöhnliches. Sie verbrachte ein halbes Jahr als Austauschschülerin in Australien, schloss 1994 die Schule ab und studierte ein bisschen.

Und wie bei vielen Anfang-20-Jährigen gab es auch Zeiten, wo sie dem abendlichen Partyleben der norwegischen Hauptstadt Oslo mehr Beachtung schenkte als dem Studium: Tagsüber wurde gekellnert, abends gefeiert. Zumindest bis Söhnchen Marius kam und dessen Vater irgendwann ging. Uneheliche Kinder und alleinerziehende Mütter sind in Norwegen genauso wenig eine Seltenheit wie im Rest Europas, doch für die konservativen Kreise und auch die norwegische Presse war dieser Punkt trotzdem schwer zu verwinden, als Mette-Marit ins Leben ihres Kronprinzen trat.

Die Presse und das Partygirl

Als dann im Dezember 2000 die Verlobung verkündet wurde, verstummte das öffentliche Gemurmel nicht, sondern es wurde sogar lauter. Die wilden Zeiten des "Partygirls", das nun Prinzessin werden sollte, wurden ausgiebig unter die Lupe genommen. Von Drogen, Nacktfotos, kriminellem Milieu und Männergeschichten war die Rede. Dazu kam die fehlende Berufsausbildung, nicht einmal ein abgeschlossenes Studium könne sie vorweisen. Mette-Marit schwieg eine ganze Weile. Und hielt sich dann an das alte Motto: "Angriff ist die beste Verteidigung".

Wenige Wochen vor der geplanten Hochzeit im August 2001 gab sie, neben sich Haakon, seine Hand in ihrer, eine Pressekonferenz mit Beichtcharakter. Und hoffte dabei nicht auf Absolution, sondern einfach nur auf Verständnis. Ja, sie hätte wilde Zeiten hinter sich, ja, auch Drogen wie Kokain und Ecstasy hätten eine Rolle gespielt. Dass das kein gutes Vorbild sei, sei ihr klar. Aber so wäre es nun mal gewesen, und man könne es nicht rückgängig machen, auch wenn es ihr leid täte. So kämpfte sich die zierliche Blonde unter Tränen durch die "Abrechnung mit meiner Jugend" und gewann - Herzen, ein bisschen Ruhe und Verständnis, sowohl von den vorher kritischen Politikern als auch von der jungen Generation der Norweger.

Liebeserklärung vom Schwiegervater

Den König und die Königin hatte sie schon vorher auf ihrer Seite - König Harald von Norwegen selbst sagte einst zu und über Mette-Marit "Es heißt, du seist ein gewöhnliches Mädchen. Ich finde, du bist eine ungewöhnliche Frau - ungewöhnlich engagiert, ungewöhnlich mutig".

Eine Liebeserklärung, der nicht nur sein Sohn zustimmte. Spätestens zur Hochzeit lagen die Norweger ihrer hübschen Prinzessin zu Füßen. Beim Festbankett erklärte der Kronprinz: "Ich war noch nie so stark und noch sie so schwach wie mit dir. Mette-Marit, ich liebe dich." Menschen vor Fernsehern und Zeitschriften seufzten und glaubten wieder an die Liebe. Und das blonde Mädchen aus Kristiansand strahlte vor Glück.

Vor dem Pech nach London geflüchtet

Sie wusste, leicht würde es nicht werden, auch wenn das vielleicht im Hochzeitstrubel etwas in Vergessenheit geraten war. Ein von Scheinwerfern verbranntes Gesicht, ein gebrochenes Bein, abgesagte Reisen und immer wieder Probleme mit ihrer Flugangst - mit diesem geballten Pech in ihrem ersten Jahr hatte Mette-Marit jedoch nicht gerechnet. Sie zog sich zurück, reagierte genervt und leitete schließlich einen Umzug weg aus Oslo und hin nach London in die Wege. Für ein Jahr wollte das Kronprinzenpaar studieren und ein bisschen mehr Freiheit genießen. Das nahmen die Norweger ihnen übel, die Umfragewerte der Monarchie-Begeisterten sanken und immer hieß es: Schuld ist sie. Die vor der Hochzeit Kritischen fühlten sich auf wunderbare Weise bestätigt.

Im fernen London jedoch lernte Mette-Marit, wieder zu lächeln. Sie studierte Soziales und Entwicklungshilfe, ein Thema, das ihr schon früher am Herzen lag. Doch sie hatte inzwischen in eine Position hineingeheiratet, an der man wirklich etwas bewirken kann. Schon kurz nach der Rückkehr des Paares nach Norwegen im Sommer 2003 sicherte sie sich einen Praktikumsplatz in einer sozialen Einrichtung, wo sie sich auf die Dritte Welt und das HIV-Problem spezialisierte. Und sie hat klar gemacht, dass sie auch in Zukunft ihren Wirkungskreis in dieser Richtung sieht.

Familienidyll in Sicht

Ein kleines bisschen muss das allerdings noch warten - zurzeit kreisen nicht nur ihre, sondern ganz Norwegens Gedanken um ihre kleine Familie. Denn im Juli 2003, kurz nach der Rückkehr, wurde verkündet, dass neuer Thronfolge-Nachwuchs unterwegs sei. Balsam für die Volksseele. Knapp vor Weihnachten wurde noch den Umzug ins Kronprinzen-Schloss nach Skaugum vollbracht, wo es massig Platz für die Großfamilie gibt, von der Mette-Marit und Haakon immer wieder öffentlich träumen.

Claudia Fudeus
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