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Porträt: Von der Hostess zur Königin

Als Silvia Sommerlath 1972 als Hostess zu den Olympischen Spielen ging, ahnte sie nicht, was passieren würde. Sie traf den schwedischen Kronprinzen, verliebte sich und begann ein Leben zwischen Märchen und Entbehrungen.

Mit ihrem Charme hatte die Deutsche, die sechs Sprachen beherrscht, schnell die Herzen der Schweden erobert und sich einen Spitzenplatz auf der Liste der beliebtesten Mitglieder der Königsfamilie gesichert. Silvias Popularität ließ viele Schweden ihre Zweifel an der Monarchie vergessen. Für die Königin war dieser Weg aber auch mit Entbehrungen verbunden: "Es bedarf großer Selbstdisziplin, die Hoffnungen und Erwartungen alle zu erfüllen", sagte Silvia in einem ARD-Interview im Oktober vergangenen Jahres.

Die Verlobung von Silvia und Carl XVI. Gustaf wurde erst im März 1976 bekannt gegeben. Bereits zweieinhalb Jahre zuvor hatte dieser den Thron bestiegen und damit den Weg für die Ehe mit der Bürgerlichen geebnet. Wäre Carl Gustaf noch Kronprinz gewesen, hätte er mit dieser Heirat das Anrecht auf die Thronfolge verloren.

Sprachgewandt und engagiert

Bald galt die aus Deutschland stammende Monarchin als die beste Botschafterin des skandinavischen Landes. Schließlich spricht sie neben Deutsch und Schwedisch auch Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch. Als Kind lebte Silvia mit ihren Eltern und Brüdern zehn Jahre lang in Brasilien. 1957 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Silvia machte sechs Jahre später ihr Abitur in Düsseldorf und ließ sich dann in München zur Übersetzerin ausbilden. Dort arbeitete sie unter anderem am argentinischen Konsulat, bevor sie 1971 vom Olympischen Organisationskomitee als Chef-Hostess engagiert wurde.

Kopf der Hilfsorganisation "Childhood Foundation"

Besonders am Herzen liegt der dreifachen Mutter - Kronprinzessin Victoria wurde 1977, Carl Philip 1979 und Madeleine 1982 geboren - das Schicksal von Kindern und behinderten Menschen. Als Schirmherrin von mehr als 60 Wohltätigkeitsorganisationen nutzt sie ihre Popularität, um die Ausbeutung und den Missbrauch von Kindern anzuprangern. Im Jahr 1999 gründete sie die Kinderhilfsorganisation World Childhood Foundation, die mittlerweile Projekte in der ganzen Welt unterstützt. "Ich mache das nicht aus Prestigegründen", sagte die Monarchin vor zweieinhalb Jahren bei der Vorstellung ihrer Stiftung in Berlin. Auf Auslandsreisen habe sie stets versucht, hinter die Kulissen zu schauen. "Und irgendwann sagt man dann: Ich möchte was machen."

Ihre Forderung, die Gesetze zum Schutz von Kindern zu verschärfen und Kinderschänder härter zu bestrafen, brachte der Königin allerdings auch Kritik ein. Sie solle in politischen Fragen nicht so deutlich Stellung beziehen, hieß es beispielsweise nach ihren Äußerungen als Schirmherrin des ersten Weltkongresses gegen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern 1996 in Stockholm. Doch Silvia zeigte sich davon unbeeindruckt: "Wenn ich den Kindern helfen kann, werde ich mich auch weiterhin energisch einmischen", sagte sie vor gut einem Jahr in der ARD-Sendung 'Gabi Bauer'.

Auszeichnungen für ihr soziales Engagement

Für dieses Engagement ist die Monarchin mehrfach ausgezeichnet worden, auch in Deutschland. Im vergangenen Jahr beispielsweise erhielt sie in München den Deutschen Medienpreis. Bereits 1990 nahm Königin Silvia, die übrigens auch die Taubstummensprache erlernte, den Deutschen Kulturpreis entgegen, mit dem ihr Einsatz für den Behindertensport gewürdigt wurde.

Nicht nur zu solchen Anlässen besucht die gebürtige Heidelbergerin ihr Heimatland. Zuletzt war sie im Juni in Berlin, wo die schwedische Victoria-Gemeinde ihr 100-jähriges Jubiläum feierte. Bei ihren Kindern achtet Silvia darauf, dass sie gut Deutsch sprechen. Kronprinzessin Victoria beispielsweise absolvierte zu diesem Zweck im September vergangenen Jahres ein Praktikum in Berlin.

Großes Medieninteresse, gerade in Deutschland

Das schwedische Königshaus ist die beliebteste Adelsfamilie in Deutschland. Für 38 Prozent aller Bundesbürger, die sich für blaues Blut interessieren, sind Königin Silvia, König Carl XVI. Gustaf von Schweden und deren drei Kinder die Nummer Eins, wie kürzlich eine Emnid-Umfrage im Auftrag der Programmzeitschrift 'Auf einen Blick' ergab. Das Interesse der deutschen Medien ist riesig, und auf der Beliebtheitsskala rangiert das schwedische Königshaus deutlich vor Spanien, den Niederlanden und Norwegen.

Umso schmerzlicher dürfte es für die schwedische Königin gewesen sein, dass ausgerechnet deutsche Zeitschriften falsche Berichte über angebliche Schwangerschaften ihrer Töchter verbreiteten. König Carl XVI. Gustaf (57) hatte im Herbst über den Hamburger Star-Anwalt Matthias Prinz Klagen gegen Fantasiegeschichten in der deutschen Klatschpresse eingereicht und dabei Widerrufe sowie öffentliche Entschuldigungen erstritten.

Stets auf der Hut

Silvia warnte daraufhin vor einem Rückzug der Familie aus der Öffentlichkeit. "Das ist schade, weil unsere Kinder eigentlich sehr natürlich und offen sind. Nachdem der König und ich ihnen Respekt vor anderen beigebracht haben, sollte ihnen umgekehrt ebenfalls mit Respekt begegnet werden", sagte sie im November der schwedischen Nachrichtenagentur TT.

Erfundenes über sie selbst hat Silvia bisher stets unbeanstandet durchgehen lassen, ist aber stets auf der Hut, wenn sie auftritt. Man werde sie in der Öffentlichkeit zum Beispiel nie weinen sehen, obwohl sie durchaus dazu neige: "Natürlich weine ich auch, ich bin ja nur ein Mensch. Aber solche Bilder werden dann von den deutschen Zeitungen in einem Artikel darüber benutzt, dass der König sich angeblich von mir scheiden lassen will."

Ihr Traum: Kunstgeschichte studieren

Sie selbst empfindet ihre Silberhochzeit mit Carl Gustaf vor zwei Jahren gegenüber dem 60. Geburtstag als wichtigeres Jubiläum: "Dafür hat man ja wirklich gekämpft!" Ihr königliches Rezept für dauerhaftes Eheglück nach dem "Klick" und der Liebe auf den ersten Blick in München 1972: "Es muss dauernd Klick machen."

Es sei nicht immer leicht, Königin zu sein, räumte Silvia in dem Interview ein. Ihr heimlicher Traum sei es, noch einmal etwas ganz Neues zu lernen: "Was ich wirklich gerne tun würde, ist Kunstgeschichte studieren, wie Prinzessin Madeleine. Dieses Fach hat mich immer interessiert. Vielleicht werde ich eines Tages einmal genug Zeit haben, mich in der Universität an einen Schreibtisch zu setzen."

Alexandra Rehn, AP / AP