Promi-Rummel Wer zum Teufel ist Lindsay Lohan?


Dauernd hören wir von ihr, sehen ihr Gesicht. Lesen wilde Geschichten über Alkoholexzesse und Abstürze. Kennen peinliche Fotos. Aber wer ist diese gerade mal 21-jährige Frau? Nun ja - ganz offensichtlich jemand mit einigen Problemen. Aber vor allem: eine ganz hervorragende Schauspielerin.
Von Oliver Fuchs

Haben Sie in letzter Zeit auch das Gefühl, verfolgt zu werden? Von einer Frau, mittelblond, Augenfarbe blaugrün, Sommersprossen. Sie hat ein Bauchnabel-Piercing und eine Tätowierung auf der Innenseite ihres Handgelenks. Sie heißt Lindsay Dee Morgan Jade Lohan.

Die Frau ist ausdauernd, hartnäckig. Auch wer sich überhaupt nicht für sie interessiert, weiß praktisch alles über sie. Zum Beispiel, dass auf ihr Handgelenk "breathe" tätowiert ist, was "atmen" heißt oder "verschnaufen". Und dass sie kürzlich ihren 21. Geburtstag gefeiert hat, am Strand von Malibu, es wurde Frisbee gespielt und Eistee getrunken, und sie trug ein weißes Bikini-Top zu sehr kurzen Shorts aus Jeansstoff. In den frühen Morgenstunden des 26. Mai 2007, genauer: um 5.30 Uhr, verließ sie den Nachtclub Les Deux in Los Angeles, offenbar mit viel Alkohol und Kokain im Blut, und prallte kurz darauf an der Ecke Sunset Boulevard und Foothill Drive mit ihrem Fahrzeug, einem Mercedes SL 65 AMG, gegen einen Bordstein. Es war ihr sechster Unfall in 18 Monaten.

Wofür ist Lindsay Lohan noch mal berühmt?

Ende August muss sie sich vor Gericht verantworten. Wenn es schlecht für sie läuft, muss sie ins Gefängnis. Fast täglich berichten People-Magazine und Klatschhefte über diese junge Frau. Wenn die Nachrichtenlage bei Paris Hilton und Nicole Richie ruhig ist, kommt eben Lindsay Lohan dran. Kurze Zwischenfrage: Wofür ist Lindsay Lohan noch mal berühmt? Paris Hilton ist wenigstens "Hotelerbin", und Nicole Richie hat einen Vater, der ganz gut singt – aber Lindsay Lohan? Eine Leerstelle, ein Vakuum. "Berühmt fürs Berühmtsein" heißt es dann ja immer. Aber das ist als Erklärung auch irgendwie unbefriedigend. Sagen wir es so: Lindsay Lohan ist die unbekannteste Prominente des Planeten.

Dass Lohan gerade nach einer Alkoholtherapie die Entzugsklinik Promises in Malibu verlassen hat, dass sie freiwillig eine Fußfessel mit eingebautem AlkoholÜberwachungsgerät trägt, dass sie Anfang dieses Jahres schon mal in einer anderen kalifornischen Suchtklinik in Behandlung war - alles klar, so weit bekannt. Lindsay Lohans Filme jedoch kennt kaum jemand. Ja doch, die Frau ist Schauspielerin. Und Sängerin. Singen kann sie nicht besonders, ihre beiden Dance-Pop-Alben sind lausig.

"Die Kamera liebt sie. Sie hat es raus"

Aber spielen kann sie fantastisch. Der ausgebuffte Filmproduzent Harvey Weinstein ("Pulp Fiction", "Gangs Of New York") war von den Socken, als er Lohan 1998 als rotzfreche Elfjährige in ihrer ersten Kinorolle sah, nämlich in "Ein Zwilling kommt selten allein", dem US-Remake des "Doppelten Lottchens". "Von der ersten Minute war klar, dass sie extrem talentiert ist", sagt Weinstein. "Die Kamera liebt sie. Sie hat es raus." In "Freaky Friday" tanzt sie fünf Jahre später ihrer Filmmutter Jamie Lee Curtis herrlich ungezwungen auf der Nase herum, und in "Girls Club" (2004) geht sie durch die Highschool-Hölle, erhobenen Hauptes, versteht sich.

Sie kommt neu an die Schule und legt sich mit allen an, und weil sie nicht nur rebellisch ist, sondern auch ein bisschen verträumt, stolpert sie zwischendurch auf dem Flur immer wieder in einen Mülleimer. Die Kritiker überschlagen sich vor Lob: Dass das heruntergewirtschaftete Genre "Teenie- Komödie" wieder in Fahrt kommt, sei allein Lindsay Lohan zu verdanken, ihrer forschen Art, ihrer Aggressivität. Irgendwann wird auch Robert Altman, der Altstar des Autorenkinos, auf Lohan aufmerksam und verpflichtet sie – neben Meryl Streep – für seinen Film "Last Radio Show", der sein letzter werden sollte. Darin sorgt sie für einige bewegende Momente als Streeps Filmtochter. Es geht um den letzten Auftritt einer Gruppe von Countrymusikern. Der Vorhang fällt, die Band spielt eine Melodie von Tod, Abschied, Wehmut. Altman, der weiß, dass er sterben muss, komponiert seinen Film wie einen langen traurigen Countrysong.

Die als Superzicke verschriene Lohan spielt zurückgenommen

Einerseits. Andererseits ist sie so präsent, dass sie die zweifache Oscar-Gewinnerin Meryl Streep fast an die Wand spielt. Es ist ein ziemlich weiter Weg vom "Doppelten Lottchen" bis zu "Last Radio Show", vom Kinderkino zur Edelfilmkunst. kunst. Über Lohans Schauspieltalent gäbe es manches zu sagen. Atemberaubend ist zum Beispiel die Entschiedenheit, mit der sie sich in ihre Rollen stürzt, ihre Ernsthaftigkeit, ihr Mut. Aber das interessiert ja leider niemanden.

Geredet wird ausschließlich über ihren entschieden selbstzerstörerischen Lebensstil, die Auffahrunfälle, die Wodka-Exzesse, die Zusammenbrüche. Die Berichte sind meist in einem besorgt-onkelhaften oder hämischen Tonfall abgefasst. Gern wird ihr - wie auch Paris Hilton - unterstellt, sie benutze die Medien zur Selbstdarstellung. Dabei brauchen die Medien sie genauso. Mit irgendwelchen Mädchen-News müssen die Ausaller-Welt-Seiten, Star-Sendungen und Entertainment-Portale schließlich gefüttert werden. Es gibt viel zu viele Kanäle - und zu wenig Inhalte.

Je mehr man weiß, desto mehr will man wissen

Unklar ist im Moment, von wem das zartbittere Lindsay-Lohan-Drama eigentlich inszeniert wird. Von ihrer superehrgeizigen Mutter? Von den Medien? Oder führt sie selbst Regie? Jedenfalls folgt die Dramaturgie einer gewissen Soap- Opera-Logik. Man steigt irgendwann ein, schwankt erst noch zwischen Faszination und Abscheu, bald schon leidet man mit und will bei jeder neuen Folge unbedingt dabei sein. Irgendwann stellt sich ein seltsamer Effekt ein: Je mehr man weiß, desto mehr will man wissen. Lindsay Lohan führt ein Leben zwischen Rausch und Kater, zwischen Orgie und Elend, zwischen Selbstbeherrschung und Kontrollverlust. Aber entscheidend ist: Wenn sie abstürzt, gibt es eine Fallhöhe.

Das unterscheidet sie von handelsüblichen Partyhühnern wie Paris Hilton. Sie jammert nicht, sie tut nicht öffentlich Buße. Sie steht zu ihren Fehlern. Damit verleiht sie dem Affentheater wenigstens einen Hauch von Würde. Die Vergleiche mit Paris Hilton sind ohnehin unfair. Denn anders als die Erbin hat Lohan erstens einen Beruf. Und zweitens Ziele. Sie will einen Oscar gewinnen, bevor sie 30 wird. Mit Blick auf ihre beiden jüngsten Filme – das Kindesmissbrauchsdrama "Georgia Rule", in dem sie sehr souverän an der Seite von Jane Fonda spielt, und den harten Psychothriller "I Know Who Killed Me" – muss man sagen: Könnte mal klappen mit dem Oscar.

Hochbegabte Kinder hatten immer ein schweres Schicksal

Dass sich Psychiater in Zeitungen zu Wort melden und unaufgefordert Ferndiagnosen abgeben – Kindheitstrauma! Narzisstische Störung! Todessehnsucht! –, nimmt sie mit erstaunlicher Lässigkeit hin. Wenn Interviewer maliziös auf ihrer Unfallstatistik herumreiten, bleibt sie auch beim hundertsten Mal cool und schützt sich mit Sarkasmus. Sie habe schließlich in dem Film "Herbie Fully Loaded" eine Käfer- Rennfahrerin gespielt, das färbe natürlich aufs Fahrverhalten ab. Kürzlich war Lohan wieder bei David Lettermans "Late Show" zu Gast, und natürlich streute der zynische alte Sack ein paar Alkoholikerwitze ins Gespräch ein, um sie aus dem Konzept zu bringen.

Was ihm nicht gelang. Sie hat selbst am lautesten gelacht. Müsste man einen Titel für ihre Lebensgeschichte finden, dann böte sich an: Das Drama des begabten Kindes. Sie ist fast noch ein Baby, da zerrt die Mutter sie schon zu Fototerminen. Mit acht hat sie in 60 Werbespots und mehr als 100 Print- Kampagnen mitgemacht. Die Mutter trinkt selbst gern einen und baggert auf Partys dieselben Jungs an wie ihre Tochter. Der Vater saß mehrfach im Gefängnis, unter anderem wegen Körperverletzung. Wie, bitte schön, soll man sich da "normal" entwickeln? Hochbegabte Kinder hatten in Hollywood immer ein schweres Schicksal. Drew Barrymore etwa flog aus der Kurve, nachdem sie mit "E.T. – Der Außerirdische" so bekannt geworden war, wie ihre Mutter es immer schon wollte.

Mit neun Jahren fing sie an zu trinken, es folgten Kokainabhängigkeit und ein Selbstmordversuch. Lindsay Lohan könnte es schaffen, diesem Schicksal zu entgehen. Stark genug scheint sie zu sein. "Irgendwann werden sich die Leute hoffentlich nicht mehr al- lein dafür interessieren, welche Clubs ich besuche, sondern mehr dafür, welche Filme ich mache", sagt sie. Jede Wette: Der Tag wird kommen.

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