Promis auf der Wiesn Lieber nackt als im Dirndl


Wenn sich die C-Promis der Nation zum Oktoberfest in Dirndl und Lederhosen werfen, dann kann das auf einen echten Bayer recht befremdlich wirken. stern-Autor Teja Fiedler hält die alljährliche Wiesn-Maskerade für so echt bayerisch wie die Kulisse beim "Musikantenstadel".
Von Teja Fiedler

"Kruzitürken!" - ich darf das. Ich bin Niederbayer. Aus Plattling an der Isar. Ich zieh aber keine Lederhose an. Und erst recht keinen so genannten Trachtenjanker, der für mich nebenbei als Designerstück so echt aussieht wie ein Cowboy-Kostüm im Kinderfasching. Niemand bei uns daheim trägt so was. Die aber tun es. Die, das ist jene Ballung von A-, B- und C-Prominenten, die jedes Jahr das Münchner Oktoberfest, was sag ich, "die Wiesn", geradezu zwanghaft heimsuchen. Sie mögen aus Rostock kommen, aus Leimen oder frisch gebräunt direkt aus Mallorca. Kaum ruft die Theresienwiese, stürzen sie sich in ein pseudo-bayerisches Gewand. Wie Lemminge in den Mode-Abgrund.

Auf der nach unten offenen Folklore-Skala gibt es dabei kein Halten - Hauptsache Lederhose, Loden und Silberknöpfe. Am besten mit dem bayerischen Löwen drauf. Und erst die Mädels: Dirndl so weit und so tief das Auge reicht. Nix gegen Dirndl, das war und ist ein erotisches Kleidungsstück in bayerischen Landen. Aber warum muss denn nun jede von den in die Kameras strahlenden Schönen in einer abenteuerlichen Version dieses Traditions-Outfits zeigen, wie viel Holz- oder Silikon - sie vor der Hüttn hat? Wenn dieselben Celebritys auf Tauchurlaub nach Abu Dhabi fahren, ziehen sie doch auch keine Burka an!

Maskerade für Ex-Tennis-Star, Schlageropa und Busenwunder

Warum, Kruzitürken, tun sie uns und sich selbst das im bayerischen Herbst an? Weil die berühmte Bussi-Gesellschaft, das Objekt ihrer kollektiven Sehnsucht, es gebieterisch fordert? Weil ihr Ego, ihre Einmaligkeit als Ex-Tennis-Star, Schlageropa, Busenwunder, Rennfahrer- oder Bankrotteursgattin vielleicht doch nicht so in sich ruht, wie sie es gern hätten und ihnen die uniforme Verkleidung ein Gefühl kollektiver Geborgenheit gibt?

Ich will es eigentlich gar nicht genau wissen. Ich fühle mich nur leise verarscht durch diese alljährliche Wiesn-Maskerade, die so echt bayerisch ist wie die Kulisse beim "Musikantenstadel" im Fernsehen. So sind wir Bayern nicht. Auch wenn die CSU, allerdings mit schwindendem Erfolg, unser Land noch immer als Symbiose von Laptop und Lederhose verkauft und ihre Würdenträger sich zu Wiesn-Zeiten ebenfalls in die folkloristische Verkleidung werfen. Die Leder- oder Seppelhose ist zwischen Donau und Alpen längst Geschichte. Und das Dirndl auch kein Muss mehr.

Also kommt mal als ganz normale Menschen auf ein ganz normales Volksfest, ihr VIPs! Ihr seht auch in Zivil ziemlich gut aus. Na ja, die Uschi Glas kann weiter im Dirndl erscheinen. Schätzchen stammt ja aus Landau/Isar. Und Exministerpräsident Stoiber im Trachtenjanker. Der Edmund hat inzwischen Narrenfreiheit. Und beim Beckstein ist es jetzt auch schon wurscht. Aber etwa Sie, Herr Jürgen Drews aus Nauen in Brandenburg sollten nicht länger den Überbayern spielen. Bleiben Sie der König von Mallorca. Und Ihre Gattin Ramona könnte sich beim nächsten Mal auch des Dirndls entledigen. Aber bitte nicht vergessen, dafür etwas anderes anzuziehen!

Teja Fiedler ist Autor des Buchs "Gebrauchsanweisung für Niederbayern", Piper-Verlag München


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