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Raphaël Enthoven: Der Mann, der Carla Brunis Liebesteufel war

Raphaël Enthoven ist der Ex von Carla Bruni und der Vater ihres Sohnes. Ein Philosoph, ein Bonmot-Bombardeur, ein Gehirn auf Eigenkoks. Mit seinem Nachfolger Sarkozy nimmt er es locker auf: Er turnt so hyperaktiv durch die Geistesgeschichte wie der Präsident durch die Weltgeschichte.

Von Stephan Maus

Zum dritten Mal klingeln. Hat dieses Gehirn keine Ohren? Dort hinter Enthovens Wohnungstür brutzelt und klappert es. Ein Lärmen ist das, als würde da eine Alchemistenloge den Stein des Weisen synthetisieren. Hier draußen im Treppenhaus hämmern Bauarbeiter. Endlich wird die Tür aufgerissen. Der Philosoph streckt die Hand heraus und zieht einen hinein. Immerhin hat das Gehirn einen Körper. Aber nur kurz. Dann ist er wieder weg. Doch da huscht er schon wieder vorbei. Was hat der denn für einen Pulli an? Schwarz umweht der Grobstrick den athletischen Denkertorso, am Ellbogen ein riesiges Loch. Das ist eher ein spärlich umstricktes Loch als ein schadhaftes Gewebe. Dieses Loch im Philosophenpulli muss eine Denkübung sein. Es muss etwas bedeuten. Aber was? Materie gegen Antimaterie, Sein gegen Nichtsein? Jetzt ist er wieder weg. Wie der Pullover an seinem Ellbogen. Der Kerl macht einen ja ganz schwindelig. Offensichtlich liebt Madame Bruni hyperaktive Aufziehmänner auf Eigenkoks.

Da! Eine Frau. Dicker Bauch. Enthoven hat zwei Boulevardzeitungen verklagt, weil sie geschrieben hatten, seine neue Freundin, die Schauspielerin Chloé Lambert, sei schwanger. Nach seiner Zeit mit Bruni hat er die Nase gestrichen voll von Klatsch. Schon flattert wieder das Pulloverloch vorbei: "Ça va, chérie? Und Sie, Monsieur, so setzen Sie sich doch." Vor dem Bücherregal erscheint ein kalkweißer Bauarbeiterkopf. Staub rieselt auf Descartes' gesammelte Werke. Das Leben ist eine Baustelle, und der Philosoph kocht Spaghetti.

Endlich sitzt das Gehirn und isst. Große schwarze Augen. "Er sieht aus wie ein Engel, ist aber ein Liebesteufel." So besang Bruni ihn in ihrem Lied "Raphaël". Chloé Lambert stöhnt unter dem Baulärm. Enthoven nickt in Richtung Bauch, behält den Reporter im Blick und knurrt grimmig: "Voilà, jetzt wissen Sie alles!"

Das Chaos regiert

Und schon springt er wieder auf. Das Leben ist zu kurz für Mittagspausen, es muss gedacht werden, geredet und gestikuliert. Er zieht den Reporter in sein - was ist denn jetzt los! - Schlafzimmer. So schnell geht das in Frankreich. Stickig ist es hier. Der Liebesteufel reißt die Fensterläden auf. Licht flutet herein. Neben dem zerwühlten Bett ein Nachttisch, der auch Arbeitstisch ist. Praktisch: So kann man arbeiten, bis man vor Müdigkeit einfach ins Bett kippt. Enthoven hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Schreiben musste er, denken, synthetisieren - seine Schnellfeuertirade wird vom Baulärm verschluckt, der von draußen hereinweht. Tohuwabohu. Gegen Tohuwabohu hilft nur Kaffee, damit das Chaos noch schneller rotiert. Er bugsiert den Reporter in einen niedrigen Sessel, setzt sich in einen hohen Stuhl, breitet die Arme aus und lauert wie ein Unheil verkündender Raubvogel.

Dort sitzt man nun und will wissen, wie das alles war mit der Bruni: Ist sie wirklich so ein schrecklicher Vamp? Hat sie ihn verspeist wie all die anderen: Mick Jagger, Donald Trump, Eric Clapton? Leidet er? Doch der schwarze Denkvogel stößt mit der geballten Wucht der abendländischen Philosophie auf einen herab: Sein, Nichts, Individuum. - Ja, schön, hochinteressant, Herr Philosoph, aber die Bruni? - Kant, Descartes, Hegel. - Pfundskerle, durchaus, aber Carla, wie war sie denn nun?

Der Klatschreporter will Gefühl, der Philosoph kontert mit Vernunft. Absolventen französischer Eliteschmieden wie Enthoven leiden jahrelang in Bonmot- Bootcamps, aus denen sie gestählt hervorgehen. Der Philosoph feuert einen Aphorismus nach dem anderen ab: "Die Philosophie ist schwierig, weil sie einfach ist. Oft verheimlicht sie es vor sich selbst." Fast so vertrackt poetisch wie Carlas Songs. "Sich auf jemandes Spuren begeben heißt zu entdecken, dass man nicht dieselbe Schuhgröße hat." Schwer vorstellbar, dass die reine Vernunft jemals mit einer samteneren Stimme gesprochen hat.

Philosophie des Herzens

Und sie wirkt Wunder. Plötzlich will man gar nichts mehr über diese blöde Bruni wissen. Plötzlich will man diesen Philosophen kennenlernen, der mit Models und Schauspielerinnen ausgeht und immer noch Popsongs für Carla Bruni schreibt. Kann so einer auch einfach mal leben, oder muss er immerzu philosophieren? "Ich mache keinen Unterschied zwischen Philosophie und Leben. Philosophie heißt Herzensarbeit. Die Vernunft ist nur eines der Elemente der Philosophie. Das eigentliche Objekt der Philosophie ist das Einzigartige. Das, was alle konzeptuelle Erkenntnis übersteigt. Es gibt immer einen Moment, wo die Philosophie das Einzigartige in seiner ganzen Fremdheit denken muss." Jetzt kriegen wir die Kurve zu Bruni, oder? "Henri Bergson zum Beispiel" - Mist, doch nicht Carla! - "Bergson, der ein ausgezeichneter Mathematiker war, war überzeugt davon, dass die Intelligenz ein Hindernis für das intuitive Verständnis der Welt sei, das ihm vorschwebte. Ich bin nicht sicher, ob nicht ein Musiker ein größerer Philosoph als ein offizieller Philosoph sein kann." Das hört die Musikerin Carla Bruni sicher gern.

Enthovens sonore Stimme donnert durchs Fenster in den Hof und verkündet die Philosophie des Herzens. Die Bauarbeiter lärmen, Enthoven doziert. Mal brüllt er, mal flüstert er, verschlingt einen mit tintenschwarzen Augen. "Seltsamer Erzengel aus einem anderen Himmel", so besang ihn Bruni. Mon Dieu, der Kerl ist ja noch viel besser als die Präsidentengattin. Gierig saugt der Erzengel an seiner selbst gedrehten Zigarette, als hätte er in ihr noch einige heilige Schriftrollen mit eingerollt, die er nun inhaliert, um die Gedanken des Weltgeistes persönlich weiterzugeben. Kultiviert er eigentlich das Image des Erzengels Raphaël? "Nein. Mein Image gehört mir nicht. Ich habe mit Menschen verkehrt, die ihr Sein dem Schein geopfert haben. Philosophisch gesehen ist das sehr interessant. Ich hatte mit Leuten zu tun, die ihr Bild für ihre Identität hielten. Die verloren waren, weil sie den Eindruck hatten zu verschwinden, sobald sie aus dem Scheinwerferlicht traten. Ich habe niemals mehr Selbsthass gesehen als dort. Narzissmus ist Selbsthass. Gibt man einem Narziss die Wahl zwischen seinem Spiegelbild und sich selbst, wählt er sein Spiegelbild."

Auch wenn sein Zuhörer nur ein einziger Journalist am Fuße seiner Bettstatt ist, redet Enthoven, als müsste er eine Menschenmenge dazu überreden, einen Konterrevolutionär zu guillotinieren. Weiß er, dass er Charisma hat? "Vor meinen Studenten erlebe ich außerordentliche Momente. Momente, wo ich merke, dass das, was ich sage, in meinen Zuhörern mitschwingt. Das erkennt man auch an äußerlichen Zeichen. An der Art, wie die Schüler sich Notizen machen, wie sie lächeln. Man sieht sogar Wangen erröten."

"Nicht so tragisch"

Wangen hat er wohl schon öfter glühen sehen. Unter anderem die der Tochter des französischen Star-Philosophen Bernard- Henri Lévy, dessen Werk von Enthovens Vater, dem Verleger Jean-Paul Enthoven, betreut wird. Enthoven junior heiratete Justine Lévy 1996. Diese Ehe war das Produkt der Pariser Rive-Gauche-Intellektuellen. "Ein Milieu, das in seinem eigenen Mythos lebt", sagt Enthoven. "Dort bin ich nach Sartres Tod aufgewachsen. Ein Milieu, das nach und nach zu seinem eigenen Museum wurde." Justine Lévy ist an diesem Milieu beinahe zerbrochen. In ihrem Schlüsselroman "Nicht so tragisch" (Heyne, 2007) hat sie damit abgerechnet. Schonungslos schildert sie das Leben ihres Alter Egos, das mithilfe von Drogen versucht, ebenso brillant wie seine Umgebung zu sein. So brillant wie Enthoven zum Beispiel. Enthovens Romandouble ist ein ehrgeiziger Phrasendrescher, der während eines Sommerurlaubs in Bernard-Henri Lévys luxuriösem Palast in Marrakesch seinem Vater die Geliebte ausspannt: Carla Bruni. Ganz Frankreich hat Lévys Roman als Tatsachenroman gelesen. Der Erfolg war durchschlagend.

Für Enthoven ist die Sache klar: "Der Roman meiner Ex-Frau ist reine Fiktion." Wütend dreht er sich eine neue Zigarette. "Nichts von dem, was in diesem Buch beschrieben wird, ist wahr. Aber es wurde von einem skrupellosen Verleger als Kopie der Realität verkauft. Und das Erscheinungsdatum wurde auf das Veröffentlichungsdatum von Carla Brunis Album vorgelegt. Ergebnis: Das Buch hat sich waggonweise verkauft. So ist eine talentierte Autorin für die Literatur gestorben." Es gab also gar kein Ödipus-Drama? Enthoven junior hat Enthoven senior nicht die Geliebte ausgespannt? "Reine Fiktion. Wie alles andere. Reine Verleumdung."

Carla Bruni hat Enthoven zur öffentlichen Figur gemacht. Die Paparazzi haben ihn überallhin verfolgt. Neulich erst haben sie ihn zusammen mit Bruni nahe den Champs-Élysées abgeschossen. Danach die Spekulationen der Boulevardpresse: Enthoven habe ein Apartment in der Avenue Montaigne, wo er heimlich die Präsidentengattin empfange. Aber er hat kein Apartment in der Avenue Montaigne. Er wohnt gut versteckt in einem Labyrinth von ehemaligen Handwerkerateliers hinter dem Friedhof von Montparnasse. Dort, wo sich ein marmorner Geist des Bösen über das Grabmal des Dichters Charles Baudelaire beugt.

Tränen eines Philosophen

Erzengel Raphaël ist durchaus bereit, die bösen Geister des Boulevards ein wenig zu necken. So behandelte die erste Folge seiner Arte-Sendung "Philosophie" das Thema Macht. Er improvisierte über ein Foto von Sarkozy in Shorts. Das sah aus, als wollte sich der Philosoph an Brunis Neuem rächen. Doch mehr als feine Anspielungen an die Bruni-Soap erlaubt er sich nicht. Für den Staatspräsidenten ergreift er ausdrücklich das Wort: "Was Sarkozy angeht, hat Hass schon lange eine vernünftige Kritik ersetzt. Dieser systematische Hass ist zutiefst antidemokratisch." - "Sie mögen ihn, oder?" - "Thema verfehlt!" Professor Enthoven benotet unbarmherzig. "Pardon, aber darum geht es nicht."

So sehr sich der Denker entrüstet, er bleibt ritterlich. Das Kritischste, das er sich über seine Ex-Frau entlocken lässt, ist in einen Wunsch gekleidet. "Sie hat ein sehr gutes Buch geschrieben, das man als Beziehungsmüll angepriesen hat. Damit hat man ihren literarischen Ruf ruiniert. Ich hoffe, sie wird sich davon erholen. Für sie wird das schwieriger als für mich."

Hartnäckig weigert sich Enthoven, seine Version des großen Boulevard-Dramas um Carla Bruni zu erzählen. "Wäsche reinigt man in der Familie." Aber hat er nicht schreckliche Momente erlebt? "Wir alle durchleben schwierige Momente. Ich möchte darüber nicht reden. Außerdem würde es nichts nützen. All diese Lügen entsprachen dem Bild, das sich die Öffentlichkeit von Carla Bruni machen wollte. Ich habe darauf keinen Einfluss. Und wie man im Handbuch des Epiktet nachlesen kann, beginnt die Freiheit erst in dem Moment, wo man sich klarmacht, was man beeinflussen kann und was nicht." Monsieur! Epiktet! Wir wollen nicht denken. Wir wollen Gefühle. Rache. Eifersucht. Wie knackt man einen solchen Gedankenpanzer? Wir zeigen dem Denker Fotos aus seinem Glamourleben. Paparazzi-Bilder, Hochglanzporträts, Fotos seiner Ex-Frau Justine mit ihrem neuen Liebhaber. Enthoven bleibt ungerührt. Erst das Bild eines kleinen Jungen lockt ihn aus der Reserve: Aurélien, sein Sohn, den er zusammen mit Carla Bruni hat. Enthoven betrachtet das Foto, das seinen Sohn auf den Schultern des französischen Staatspräsidenten zeigt.

Es entstand bei einem Staatsbesuch in Jordanien. Sarkozy und Bruni inszenierten sich als heile Familie. Die Paparazzi feuerten los, und der kleine Junge hielt sich schützend die Hände vor die Augen. Enthoven empört sich: "Ich hasse dieses Bild. Aber ich bin sehr, sehr stolz auf die Geste meines Sohnes. Er hat den Fotografen, seinem Stiefvater und seiner Mutter eine Lektion erteilt. Eine Lektion in Zivilisation. Denn es gibt Momente, wo Zivilisation nichts anderes bedeutet als Schamgefühl." Bei den letzten Worten muss er schlucken. Endlich! Der Klatschreporter hat die Tränen des Philosophen gesehen. Jetzt kann er zufrieden abreisen.

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