VG-Wort Pixel

Berühmter Komponist Roberto Blanco fordert Exhumierung Beethovens, um dessen afrikanische Abstammung zu beweisen

Ludwig van Beethoven
Auf manchen Porträts ist Ludwig van Beethovens (l.) dunkle Hautfarbe erkennbar. Er wurde deshalb von Zeitgenossen auch "der Spanier" oder "der Maure" genannt. Roberto Blanco (r.) glaubt fest an einen afrikanischen Migrationshintergrund bei Beethovens Vorfahren.
© Blasius Höfel; Screeshot Youtube / Picture Alliance
Ludwig van Beethovens ethnische Identität bewegt die Menschen seit Langem. Wissenschaftler fordern eine DNA-Untersuchung – und werden dabei von prominenten PoC wie Roberto Blanco oder Tyron Ricketts unterstützt.

Es klingt skurril, hat aber einen fundierten Hintergrund: Schlagerlegende Roberto Blanco wendet sich mit einem öffentlichen Videoclip an den Wiener Bürgermeister Michael Ludwig und fordert die Freigabe der sterblichen Überreste eines der größten europäischen Komponisten. Wissenschaftler sollen endlich Klarheit über Ludwig van Beethovens Abstammung schaffen. Schon seit Längerem gibt es Anhaltspunkte, dass der gebürtige Bonner afrikanische Wurzeln gehabt haben könnte. Auch äußerlich sei er zu Lebzeiten erkennbar "People Of Colour" gewesen. Das glaubt auch Blanco, der den Bürgermeister augenzwinkernd herausfordert: "Ich wette, dass Beethoven mir ähnlicher gesehen hat, als Ihnen, Herr Bürgermeister!"

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte aus Youtube integriert.
Aufgrund Ihrer Datenschutz-Einstellungen wurden diese Inhalte nicht geladen, um Ihre Privatsphäre zu schützen.
DATENSCHUTZ-EINSTELLUNGEN
Hier können Sie die Einstellungen für die Anbieter ändern, deren Inhalte sie anzeigen möchten. Diese Anbieter setzen möglicherweise Cookies und sammeln Informationen zu Ihrem Browser und weiteren, vom jeweiligen Anbieter bestimmten Kriterien. Weitere Informationen finden Sie in den Datenschutzhinweisen.

Der Berliner Filmproduzent Michael Simon de Normier versucht seit zweieinhalb Jahren, eine wissenschaftliche Untersuchung voranzutreiben und gilt als Urheber der Aktion. Aus vornehmlich künstlerischem Interesse: Der Co-Produzent des Welterfolgs "Der Vorleser" ist schon lange auf der Suche nach einem neuen großen Stoff. Nach Erfolgen wie der Netflixserie "Bridgerton", wo zahlreiche Adelige des 18. Jahrhunderts und sogar die fiktive britische Königin Charlotte von schwarzen Schauspielern gespielt wird, läge er mit der Erzählung eines PoC-Beethovens voll im Zeitgeist.

Doch Fiktion reicht de Normier nicht, er will die wahre Geschichte erzählen – und mit dem Authentizitätssiegel der Wissenschaft versehen wissen. Neben verschiedenen DNA-Experten hat der Medienprofi auch Aktivisten und PoC-Prominente um das Vorhaben geschart. Mit dem Hashtag #Wien #schonimmerBUNT unterstützt eine Petition, zu deren Erstunterzeichnenden der österreichische Schauspieler, Produzent und Musiker Tyron Ricketts und die Moderatorin Milka Loff-Fernandes zählen, die Initiative eines Teams von Wissenschaftlern, die mit dem Gentest die Wurzeln Beethovens wissenschaftlich bestimmen möchten.

Ludwig van Beethoven als neue Identifikationsfigur

"Wenn sich herausstellt, dass Beethoven tatsächlich schwarz gewesen ist, würde das dem eurozentrischen Bick auf Kultur und Geschichte einen gehörigen Knick in der Optik bescheren", sagt Ricketts. "Ein weiterer Schritt in Richtung Ende der weißen Deutungshoheit." Moderatorin Milka Loff-Fernandes erklärt: "Als deutsche PoC ist mein Stolz jedoch immer ein wenig eingetrübt. Schließlich wurde mir Zeit meines Lebens immer wieder gespiegelt: Ich sei ja nicht 'wirklich' deutsch. Ein schwarzer Beethoven würde dieses Argument auf spektakulärste Art und Weise aushebeln. Außerdem könnte er so eine Diskussion über den tatsächlichen Wert eines aktiven Beitrages zum gesellschaftlichen Aufblühen einer Zivilisation anstoßen, welche sich endlich jenseits von Herkunft und Hautfarbe ansiedelt." Und auch de Normier sagt: "Beethoven könnte als früher PoC fast 200 Jahre nach seinem Tod zu einer ganz neuen Identifikationsfigur werden." Soll heißen: Millionen von Afroeuropäern hätten eine historischen Bezugsfigur, die unumstritten als einer der bedeutendsten Künstler des Kontinents gilt und mit der "Ode an die Freude" die spätere Hymne der Union verfasste. 

Der Historiker und Genealoge Dr. Ralf G. Jahn sieht vor allen Dingen das wissenschaftliche Interesse. Er hat in der Vergangenheit aufsehenerregende Untersuchungen vorgenommen. Etwa verfolgte er die Ahnentafel von Paris Hilton bis ins 8. Jahrhundert zurück und bewies damit, dass sie nicht bloß mit dem früheren US-Präsidenten Theodore Roosevelt verwandt ist, sondern sogar von Karl dem Großen direkt abstammt. Zu seinen spektakulärsten Forschungserfolgen zählt die Feststellung, dass der Schädel Friedrich von Schillers nach seinem Tode ausgetauscht wurde, was die genetische Analyse 2009 bestätigte.

Beethovens Grab ist auf dem Wiener Zentralfriedhof

Bei Ludwig van Beethoven geht es freilich um viel mehr. Und es wäre vermutlich auch im Sinne Beethovens selbst, der mit dem schwarzen Geiger George Bridgetower befreundet war, mit diesem aufgetreten ist und ihm die Kreutzer-Sonate gewidmet hatte. Der Schlussgesang der 9. Sinfonie "Alle Menschen werden Brüder" war zweifelsohne umfassend gemeint. Auf dem gigantischen Zentralfriedhof der Metropole Wien liegen Beethovens sterbliche Überreste unter zahlreichen berühmten Musikerkollegen und etwa drei Millionen in Wien Verblichenen. Ursprünglich war der Großkomponist 1827 unter Anteilnahme der Wiener Bevölkerung mit großem Pomp, in Anwesenheit Schuberts und einer von Franz Grillparzer verfassten Trauerrede auf dem Währinger Ortsfriedhof beerdigt worden.

Die ewige Ruhe sollte nicht allzu lange dauern, 1863 fand die erste Exhumierung statt. "Es gibt mehrere Dokumente, die darauf hinweisen, dass er zu Lebzeiten dunkle Haut gehabt hatte, und sich deutlich von der Wiener Durchschnittsbevölkerung abhob", so Jahn. Da er wie ein Spanier ausgesehen haben soll, wurde er in seiner Jugend auch "Spangol" genannt. Nach einem Pressebericht anlässlich seiner Umbettung 1888 müsse der Komponist aufgrund seines Schädels ein "Mulattengesicht" mit einem "negriden Unterkiefer" gehabt haben. 80 Jahre nach Beethovens Tod, im Jahr 1907, brachte der britische Komponist Samuel Coleridge-Taylor, dessen Vater aus Sierra Leone stammt, bereits die Frage auf und wies – wie heute Blanco – auf äußerliche Ähnlichkeiten hin. Coleridge-Taylor hatte zuvor selbst auf einer USA-Reise Rassismuserfahrungen machen müssen und sagte 1907: "Wenn der größte aller Musiker heute leben würde, wäre es für ihn unmöglich, in bestimmten amerikanischen Städten ein Hotelzimmer zu bekommen."

Später sollte die Frage erneut in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er eine Rolle spielen. Der Aktivist Stokely Carmichael sagte damals vor einem vornehmlich schwarzen Publikum: "Beethoven war so schwarz wie Sie und ich, aber das sagt man uns nicht." Ein paar Jahre zuvor hatte auch Malcolm X einem Interviewer die These offenbart, dass Beethovens Vater "einer der Schwarzen war, die sich in Europa als Berufssoldaten verdingt haben". 

Historiker und Genealoge Dr. Ralf G. Jahn
Historiker und Genealoge Dr. Ralf G. Jahn
© privat

Als am 23. Juni 1888 das Grab unter Beisein von Beethovens Komponistenkollegen Anton Bruckner zuletzt geöffnet worden war, um die Gebeine zum Wiener Zentralfriedhof zu überführen, konnte man derlei freilich nicht untersuchen. Im katholischen Wien, wo eine gewisse Neigung zum Sammeln von Reliquien auch außerhalb des Heiligenbetriebs besteht, dürfte sich zudem der eine oder andere am Skelett des Maestros bedient haben. "Leider gibt es dadurch auch eine enorme Unsicherheit, etwa wenn Analysen von Haarbüscheln Beethovens unternommen wurden, wovon es einige gibt, deren Echtheit zweifelhaft ist", sagt Historiker Ralf Günter Jahn. "Des Weiteren ginge es in unserer angestrebten Untersuchung nicht nur um seine Abstammung, sondern auch um die Überprüfung der Echtheit des Schädels", so Jahn.

Hatte Ludwig van Beethoven ein außereheliches Kind?

Dabei könnte man auch weitere strittige Frage abschließend klären: Etwa ob aus Beethovens Liebesverhältnis zu Josephine Freifrau von Stackelberg, der geborenen Comtesse Brunsvik de Korompa zu einem außerehelichen Kind geführt hatte. "Für die Fachliteratur wären das interessante Erkenntnisse, und wir müssten uns nicht mehr auf Spekulationen stützen", sagt Jahn. "Wir müssten erst einmal nachweisen, ob das Skelett und der Schädel im Grab überhaupt zusammengehören."

Eine durchaus mögliche Variante, wie Jahn von seiner Schillerforschung weiß, in der er belegen konnte, dass Schillers angeblicher Schädel, ausgetauscht worden sein musste. "Die Form des sogenannten Mulattenschädels im Beethovengrab weist stark auf eine afrikanische Abstammung hin", so Jahn. "Es könnte natürlich auch herauskommen, dass dieser nicht der echte war. Damit wäre auch ein gegenteiliges Ergebnis möglich – aber es herrschte endlich Gewissheit."

Doch wie soll in Beethovens Ahnentafel, wo es vor belgischen und rheinländischen Vorfahren nur so wimmelt, afrikanische Vorfahren geraten sein? Es könnten Beethovens väterliche Wurzeln nach Flandern sein, die eine besondere Herkunft schlüssig erscheinen lassen, denn dies stand zeitweise unter spanischer Herrschaft, Teile Spaniens waren wiederum lange von den nordafrikanischen Mauren besetzt. Das Rheinland, Beethovens Heimat, ist zudem nicht ohne Grund als "Völkermühle Europas" bekannt. Das sind Möglichkeiten, aber keine belastbaren Hinweise.

"Wir brauchen die Exhumierungserlaubnis des Wiener Bürgermeisters, um endlich loselegen zu können", sagt Genealoge Jahn, der auch den bekannten Innsbrucker Molekularbiologen Walther Parson für das Projekt an seiner Seite weiß. Man müsse wissen, dass alles pietätvoll und wissenschaftlich passieren würde. Beethovens sterbliche Überreste ruhen in einem pompös gestalteten Metallsarkophag, welcher mit einem einfachen Schlüssel zu öffnen wäre.

Roberto Blanco ließ sein Video bereits vor Tagen dem sozialdemokratischen Bürgermeister Wiens zukommen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein sozialdemokratischer Politiker einer weltoffenen Millionenstadt wie Wien österreichischen Mitbürgern mit afrikanischen Wurzeln diesen Wunsch verwehrt", sagt Filmproduzenten Michael Simon de Normier. Doch auf Nachfrage des stern war seitens Michael Ludwigs bislang keine Reaktion zu bekommen.

Vor wenigen Tagen vermeldeten die Feuilletons, dass mit Terence Blanchards "Fire Shut Up In My Bones" im Jahre 2021 das erste Werk eines schwarzen Komponisten an der New Yorker Metropolitan Opera aufgeführt worden sei. So erfreulich wie auch spät diese Nachricht sein mag, könnte sie nicht ganz richtig sein. Erst 2017 ist Beethovens Fidelio an der Met neu inszeniert worden.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker