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Rod Stewart: Faultier mit Bürste

Gute, eigene Songs zu schreiben ist ihm zu anstrengend. Mit 61 setzt Rod Stewart andere Prioritäten. Zum Beispiel Kind Nummer sechs. Musikalisch bedient er sich jetzt bei alten Meistern.

Fängt gut an. Er sagt, dass er nicht viel Zeit hat heute, sein Sohn habe Fieber, elf Monate alt ist er, und na ja, "you know ?" Rod Stewart spielt ein wenig nervös mit den Fingern, und die hellen Schlangenlederstiefel tippen auf dem Boden einen unruhigen Takt. Nun, denkt man, wir sind doch in London, da gibt es Kinderärzte, Kindermädchen, und jedes Kind hat mal Fieber, und er ist immerhin Rod Stewart. Ja, sagt später eine seiner Begleiterinnen, aber Mr. Stewarts Sohn habe auch noch eine Mutter, "you know?" Ja. Aber wenn man selbst Kinder hat, die auch schon mal krank waren, kennt man die Zerrissenheit in solchen Momenten und den Ton, der zwischen "Ich würde lieber hier bleiben" und "Muss aber leider weg" schwankt. Für eine Achtelsekunde verdreht er auch einmal lachend die Augen, wenn er vom Fieber erzählt, "you know?"

Dabei hat er sich Mühe gegeben, heute Rod Stewart zu sein. Kennt man ihn ein wenig, weiß man, dass er lange vor dem Kleiderschrank gestanden hat heute Morgen. Die Designerjeans mit den aufgerippten Rissen an den Oberschenkeln, das weiße Hemd bis zur Brustmitte geöffnet, darunter sein gebräunter, mächtiger Brustkorb mit zwei silbernen Ketten. Auf dem Stuhl hängt sein kobaltblaues Jackett mit hellgelben Karostreifen, bisschen grelle Wahl vielleicht. Und seine Haare, blondierte Schilfstoppeln, das kann keiner besser als er. Man könnte in die Hände klatschen, und eine Wildente würde herausfliegen, denkt man. Vor ein paar Jahren auf einer Hamburger Konzertbühne sah er noch anders aus. Da hingen die Wangen müde herunter, da bewegte sich der Kehlkopf im molligen Gewebe eines Doppelkinns, und da wollte der dreiviertelvolle Saal aus blondierten Dauerwellen und Männern mit weißen Socken eigentlich nur "Sailing" hören. Da war es wie eine Butterfahrt, Rod Stewart zu sehen.

Wahrscheinlich wäre er heute schon bei Heizdecken gelandet, wenn Stewart 2002 nicht den Produzenten Clive Davis getroffen hätte. Davis muss sofort gesehen haben, was Rod Stewart auch ist: ein fauler Sack. Ach nein, Songs wolle er keine mehr schreiben, seine letzten Versuche mit dem Album "Human" waren alles Flops, sagte Stewart, er wolle lieber alte Lieder singen, die großen Standards von Gershwin, Armstrong und Sinatra. "The Great American Songbook" nannten Stewart und Davis die Sammlung, die mittlerweile auf vier CDs angewachsen ist und bei der Stewart sich auch vor Klassikern wie "My Funny Valentine" nicht fürchtet. Die Kritiker spotteten, das Publikum nicht. In den USA und vielen anderen Ländern schaffte Stewart mit seinen Oldies ein Comeback, von den dreiviertelvollen Sälen kehrte er wieder in die ausverkauften Hallen zurück. "Ich hab vier Alben in drei Jahren gemacht", sagt er, "so viel hab ich noch nie gearbeitet."

Gearbeitet? Na ja, auch auf seinem neuen Werk "Still The Same", einer Sammlung von 70er-Rock-Klassikern, hört man den lässigen Minimalisten Stewart, der genau weiß, dass er mit seiner Stimme auch ein Kochbuch vorsingen könnte, und es würde sich verkaufen. Aber es ist ein Album zur richtigen Zeit für die große Welle der Ich-Nostalgie. Gekonnt melodisch gießt Stewart die Melange aus "I'll Stand By You" oder "Have You Ever Seen The Rain" auf die erinnerungssüchtigen Gemüter der 50-plus-Jährigen aus. Es ist ein seichtes Album, aber trotzdem interessant: Rod Stewart schafft es, den Geist der Zeit vielleicht nicht auf Himmelhöhe, aber immerhin auf Altbauzimmerhöhe zu erheben. Das feinsinnig gebrochene Timbre seiner Stimme gibt dabei jedem Song den Ruch des Gebrochenen und Erlebten, was zugleich das größte Können, aber auch die größte Illusion des selbst ernannten Schotten ist. Denn so gebrochen, verlebt, verfahren und kaputt, wie es viele Biografien der 60er- und 70er-Jahre-Stars sind, war ausgerechnet Rod Stewarts Leben nie.

<ziwti>Ich hab nie so viel mit Drogen gespielt wie die anderen" Geboren 1945, aufgewachsen in einem Londoner Haus an einer Bushaltestelle, "'hey, du Bastard, warte doch', war der Satz, den ich am meisten hörte", ist er nie in die Abgründe des Rock 'n' Roll hinabgestiegen. Er tingelte durch Paris und wechselte in London von Band zu Band. Aber im Herzen war er immer mehr Fußballer als Rocker, "ich hab nie so viel mit Drogen gespielt wie die anderen", sagt er. In London in den psychedelischen Jahren mit LSD und Haschisch gab es auf der Bühne immer diese Lightshows, "davon ist mir meistens schon schlecht geworden".

Im Gegensatz zu den anpolitisierten "Street Fighting Man"-Rolling Stones vernarrte sich Stewart in die grelle Oberfläche des Showbiz. Seine Songs schrieb und sang er nebenher, sie waren ungeliebte Fleißarbeit. ",Sailing" habe ich um zehn Uhr morgens in einem Studio in Alabama aufgenommen. Alabama ist dry county, es gab keinen einzigen Drink meilenweit, zehn Uhr morgens, ganz nüchtern, muss man sich mal vorstellen." An Rod Superstar mochte er vor allem das Super, wie ein Gockel turnte Stewart in bizarren Leggings und Paillettenjacken über die Bühnen der Welt, griff sich zwischen die Beine und gurrte "Da Ya Think I'm Sexy" oder "Hot Legs". "Er sieht aus wie einer, der gestern reich geworden ist", spottete der "New Musical Express", als Fashion-Victim Stewart 1995 dem Reporter die "Dolce & Gabbana"- und "Versace"-Schildchen seiner Kleidung zeigte.

Ladykiller Rod Stewart

Mit Frauen hielt es Stewart wie mit der Garderobe - sie fielen auf. 1977 pflückte sich der Brandy-Trinker das Bond-Girl Britt Eklund, 1979 heiratete er Alana Hamilton, Ex-Frau des Hollywood-Stars George Hamilton. Es folgten Marcy Hanson, Kelly Emberg, Kelly Le Brock, lange Zeit das Model Rachel Hunter, seit vier Jahren ist es Penny Lancaster. Fast alle blond, fast alle lange Beine. Stewart wurde zum boulevardesken Sommerbewohner von St-Tropez, keine Saison ohne Rod am Strand mit der Frau der Saison, "wichtig ist, dass man nicht in der Mittagssonne rausgeht, das Licht von oben zeigt jede Falte", sagt er. Frauenverbraucher Stewart ist heute Vater von sechs Kindern. Fragt man ihn nach seinem Sohn Sean, 26, der in Los Angeles angeblich Drogen genommen haben soll, versucht er, das klein zu halten, "ja, ich muss noch erziehen, mein Sohn hat nicht immer die besten Freunde. In meinem Leben gab es auch Drogen, aber ich war Musiker. Er ist es nicht, das muss er lernen".

Woran er sich erinnert aus den Jahren, deren Songs er jetzt noch einmal singt? "An wenig. Ich habe schon mal überlegt, eine Biografie zu schreiben, aber vieles fällt mir einfach nicht mehr ein", sagt er. Es fällt ihm nicht ein, weil er es nicht an sich herangelassen hat, weil er lieber eine Blondbeinige jagen wollte, als noch einen guten Song zu schreiben. "Lieder schreiben ist wie wieder zur Schule zu gehen. Du sitzt da und alle warten auf einen Hit. Ich hab da keine Disziplin."

Neulich, sagt er, hat er seinen alten Freund Elton John getroffen, und der habe gesagt, wie schön es sei, dass sie all diese Jahre überlebt hätten und immer noch dabei sind. "Und du, Rod, hast ja auch noch alle Haare!" Stewart lacht laut, wenn er das erzählt, und will sich in die Haare fassen, macht es aber nicht. War eine Menge Arbeit heute Morgen, wie Rod Stewart auszusehen, "you know?"

Bettina Schneuer, Jochen Siemens / print