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TV-Kritik

Sarah & Pietro auf RTL2: Muffelsausen unterm Weihnachtsbaum

Letzter Vorhang für die ganze Wahrheit: Am Tage gingen bereits die Bilder von Sarah und ihrem Ex Michal auf dem Weihnachtsmarkt durch die Gazetten. Abends dann so eine Art präfaktischer Flashback. Reicht dann auch.

Von Ingo Scheel

Sarah Lombardi mit ihrer Mutter auf dem Weihnachtsmarkt

Sarah Lombardi mit ihrer Mutter auf dem Weihnachtsmarkt: Die Reality-TV-gewordene Paralyse.

Was waren das für Zeiten, als das Erahnen und Ersehnen der Heiligen Nacht unterhaltsam vom guten, alten ZDF verkürzt wurde. Stichwort Adventsvierteiler: "Zwei Jahre Ferien" mit Marc di Napoli. "Der Seewolf" mit Raimund Harmstorf, Edward Meeks und einer Bintje festkochend. Elam Harnish am Klondike, Lederstrumpf und Chingachgook in den Tiefen des Waldes. Jules Verne. Jack London. Jack Holborn, Goldgräberzeiten der Dreisender-Faltigkeit am anderen Ende der Zeit. Mehrteiler gibt es auch in diesem Jahr. Dass es jedoch nur drei Teile sind, ist dabei noch die beste Nachricht. "Sarah & Pietro - Die ganze Wahrheit" - auf drei Sendungen hat RTL2 die Reality-TV-gewordene Paralyse nun schlussendlich gedehnt. Als würde man ein Lebkuchenherz auf Pizzagröße auswalzen. Ein geschmacksneutrales Primetime-Derivat, das schon im zweiten Teil wie Standbild mit Sprung in der Platte - kämpfen, kämpfen, kämpfen -  wirkte, musste nun also im dritten Teil zu so etwas wie einem Abschluss gebracht werden.

Sarah & Pietro treten gegen Naddel und Zwegat an

Wie egal selbst dem Sender das in seine Einzelteile zerlegte Traumpaar dabei zu sein scheint, sieht man schon daran, welches Kaliber bei der In-House-Konkurrenz RTL aufgefahren wird: Zur selben Zeit verkuppelte man hier Nadja abd El Farrag bei einem vorweihnachtlichen Tête-à-Tête mit Peter Zwegat.

Naddel, die aus der Zeit gefallene Prekariats-Prinzessin, für immer gefangen in einer 18 Quadratmeter großen Schneekugel, gleichmütig getröstet vom knuffigen Retreiver-Kumpel. Dazu Petrosilius Zwegatmann, onkelhafter Finanzjongleur, der noch aus einer Tüte Pfandflaschen und zwei Rabattmarken einen Entschuldungsplan mit Zukunftsperspektive hervorzaubert. Und nebenbei der chronisch unaufgeräumten Cherie-Cherie-Lady Erwachsenen-ADHS attestieren lässt. So macht man Quote. Dann klappt’s auch mit der eigenen Bude. Treffen der Giganten also hier, ein gedehnter Dreiteiler dort. Lockruf des Goldes? Von wegen. 

"Jetzt habe ich echt Muffelsausen!"

Sarah & Pietro also, zum Dritten - sie die missverstandene DSDS-Duse, er der postfaktische Patrick Pacard, dazwischen Sohnemann Alessio, dem zumindest eine Runde Bötchen fahren auf dem Weihnachtsrummel  etwas Ablenkung verschafft. Für seine Eltern dagegen ist das Drama nach knapp zwei Monaten Trennungssalbader fast schon wieder Kunstschnee von gestern. Lebbe geht weider. The Show must go on. Die Karriere auch. Zumindest noch ein bisschen.

Pietro und Sarah Lombardi

Dabei will es die Ironie des Booking-Kalenders der beiden, dass sie beim selben Hitrekorde-Ramba-Zamba gebucht sind. Zumindest hat man sie auf verschiedene Tage gelegt. Sarah soll in der 90er-Jahre-Ausgabe eine B-Seite von Whitney Houston singen, Pietro ist am Tag darauf mit Michael Jacksons "You are not Alone" in der 2000er-Ausgabe eingeplant. Glamour pur hinter der Bühne: In von Neonröhren gleißend ausgeleuchteten Backstage-Zellen schwitzen belegte Brötchen unter Klarsichtfolie, lehnt sich Apfelschorle an Cola light, warten Max-Mutzke-Doubles darauf, die Show-Kombattanten zu pudern. Sie dezent nervös, er dagegen vor lauter Beinhibbeligkeit nur notdürftig im Sitz gehalten: "Jetzt habe ich echt Muffelsausen!"

Selfie-Balsam und Mama-Papa-Mantra 

Dem Ausmaß des Vorgefühls hält die Show erwartungsgemäß dann nicht stand. Der Saal ist mal beleuchtet wie eine Szene aus "Akte X", kurz bevor das Raumschiff alle einsaugt, dann wieder ist das Publikum so desinterressiert wie ein sedierter Schulausflug, den man nicht mal als Stellprobe für den Fernsehgarten durchgewunken hätte. Dazwischen gibt es ein wenig Selfie-Balsam für die Seele - "Isch bin auf deiner Seite, Pietro" - "Oh Tannenbaum"-Gejodel, das selbst das wohlmeinendste Autotune nur schwer in der richtigen Tonhöhe hält und jenes Mama-Papa-Mantra, das man sich am Ende der Sendung am liebsten in den Unterarm tätowieren lassen würde: Alessio soll schöne Weihnachten haben. Aber wirklich jetzt. Das ist wichtig. Mama und Papa. Lametta und Geschenke. Irgendwas zum Duften.

Dass alles ganz anders kommt, liegt nicht zuletzt daran, dass die Realität die Wahrheit - oder umgekehrt? - bereits eingeholt hat und Frau Lombardi ihre Spekulatius und Dominosteine längst wieder mit Jugendliebe Michal teilt, wie Bilder von einem Maastrichter Weihnachtsmarkt es zeigen. 

Da bleibt dann auch Pietro nur ein letzter Moment der vorweihnachtlichen Hellsichtigkeit unterm stets wie von Zauberhand hoch über dem Kopf getragenen Baseball-Käppchen: "Ich werd’ abends im Bett liegen und denken: Wow, mein Kind fehlt mir richtig." Sein Trostplan steht bereits: "Ich ess ein paar Plätzchen und schau’ mir einen schönen Film an". Vielleicht dann doch mal einen Adventsvierteiler? Merry Christmas jedenfalls von hier aus. Auch für Dich natürlich, Naddel. Und hör’ auf den Zwegat.