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Sarah Jessica Parker: Ihr Leben nach "Sex and the City"

Viele Frauen wären gern so unabhängig, so abenteuerlustig wie Carrie Bradshaw aus der populären TV-Serie - nur jene nicht, die durch diese Rolle berühmt wurde. Die packt dem Gatten die Koffer, und wenn die Küche abends nicht aufgeräumt ist, geht sie ungern ins Bett. Schön, dass sie da noch Zeit findet, Filme zu drehen.

Feminismus, das ist jedem klar, hat mehr mit Flatulenz im Bett, durchgeglühten Vibratoren und Fellatio unter Restauranttischen zu tun als mit dem Schrubben von Küchenfliesen. Sarah Jessica Parker jedenfalls galt als Darling und Ikone der amerikanischen Frauenbewegung, als sie noch allwöchentlich im Fernsehen Sexunfälle erlebte und dieselben ausgiebig mit ihren drei Freundinnen analysierte.

Hartnäckig wurde die "Sex and the City"-Heldin auch im wahren Leben bei Paar- und Erektionsproblemen um Rat gebeten, und ihre TV-Figur - eine sehr zierliche im Übrigen und stets auf scharfe Stilettos gestellt - verehrte man nahezu weltweit als Inbegriff der Großstadtamazone: sexy und selbstständig, schlau und doch weichherzig genug, um sich immer wieder aufs Dööfste zu verlieben. Diese Carrie war eine abenteuerlustige Emanze, die von der Liebe ihres Lebens träumte, aber nicht eine Minute desselben zubringen würde mit dem Bügeln seiner Hemden.

Als im Februar 2004 die Serie unter großem Wehklagen zu Ende ging, ließ Sarah Jessica Parker eine kleine Zeit verstreichen, bis die allerletzten Debatten darüber verstummt waren, ob "SATC" - wie Kenner knackig abkürzten - nun post- oder antifeministisch sei oder männer- oder nur dumme-Männer-feindlich. Dann hob sie ihren schmalen Kopf, lächelte auf diese unglaublich nette Art und bemerkte fein: "Ich bin übrigens ganz anders als Carrie." Was uns zurück in die Küche führt.

Wenn die nämlich abends nicht aufgeräumt sei, bekannte Miss Parker, gehe sie mit Unbehagen ins Bett. Ähnlich Sorgen bereite ihr die Frage, ob ihr - immerhin 43-jähriger - Ehemann etwas Warmes in den Bauch bekommt, wenn sie mal nicht in der Nähe ist. "Ich kaufe für ihn ein, ich packe seine Koffer", gestand sie einem sichtlich verdutzten Fernsehreporter. Auch nehme sie im normalen Leben Wörter wie "Orgasmus" oder "Analverkehr" höchst ungern in den Mund; und ehe sie, wie Carrie, ein beherztes "Fuck!" ausstoße, habe sie dreimal schneller "Ach du liebe Zeit!" gerufen.

Hoben die vier Ladys im Fernsehen gern einen "Cosmo" nach ge- oder vertanem Koitus, so weiß Sarah Jessica nach eigenem Bekunden gar nicht so recht, was tun in einer Bar. Und die Sache mit der Mode? Als Carrie wandelte sie in göttlichen Outfits auf Gothams Straßen; als Mutter Parker - mit dem Schauspieler Matthew Broderick hat sie Söhnchen James Wilkie - trägt das nur gut einssechzig große Fliegengewicht hauptsächlich Pullover. Von den geliebten und in der Serie stets prominent vertretenen "Manolos" besitze sie höchstens sechs Paar (wir sprechen von Schuhen, nicht Latin Lovers). Neulich sei sie damit ein Stück gerannt und habe sich prompt eine Sehne gerissen. "Ich bin auch nicht mehr die Jüngste", spricht die 40-Jährige kokett und zeigt dann dieses breite Lächeln, in dem bequem ein Männerherz Platz hat.

Dabei ist Sarah Jessica Parker

nicht atemraubend schön zu nennen. Wer in ihren Bann gerät, merkt es erst gar nicht. Zu eng stehen die blauen Augen und zu weit auseinander die Knie. Es liegt eine eigenartige Spannung in ihrem Gesicht, das so schmal und konzentriert ist, als wollte sie es jeden Moment zwischen zwei Gitterstäbe pressen. Eigentlich nicht verwunderlich, dass sie vor Carrie nie die sexy Mädchen spielen durfte. Früher wurde sie oft nur als deren beste Freundin besetzt.

Und was machen die armen begabten Schauspielerinnen, die Studiobossen nicht auf den ersten Blick ein "Wow!" entlocken und daher oft untergehen in Hollywood, wo es so unendlich viele Wow-Girls gibt? Sie nehmen es mit Humor. Sarah Jessica Parker eroberte sich ihre ersten Fans mit der Romanze "L. A. Story" 1991. Als durchgeknalltes Westküstenwesen verdrehte sie Steve Martin den Kopf - eine Figur wie eine Kaugummiblase und sehr, sehr komisch.

Zu dem Zeitpunkt hatte sich die Kleine aus der Bergwerksstadt Nelsonville in Ohio schon fast 20 Jahre lang auf Bühnen und vor Kameras herumgetrieben. Wöchentliche Ballettstunden, Gesangsunterricht - das klingt nach einer gepflegten Kindheit. In Wahrheit musste Sarah Jessica ihre Lehrer um Essens-Coupons anbetteln, und wenn sie von der Schule nach Hause kam, war oft der Strom abgestellt oder das Telefon tot. In manchen Jahren fiel Weihnachten aus. "Wir waren arm", sagt Sarah Jessica Parker heute. "Da gibt's nichts dran zu rütteln."

Sieben Geschwister hat sie - drei ältere aus der ersten Ehe ihrer Mutter, vier jüngere aus der zweiten mit einem Lkw-Fahrer, der oft ohne Arbeit war. Stephen Parker, Vater der älteren vier, hatte seine Familie sitzen lassen, da war die Jüngste gerade ein Jahr alt. Doch obwohl oder auch weil der Alltag alles andere als rosig war, bestand Sarah Jessicas Mutter Barbara Forste auf dem Unterricht in diesen so absurd luxuriösen schönen Künsten. Die Kindergärtnerin war glühender Theaterfan. Sie muss geplatzt sein vor Stolz, als ihre Sarah Jessica mit acht Jahren in einem TV-Film debütierte.

Zwei Jahre später trat sie am Broadway auf, ab 1978 spielte sie zwei Jahre lang die Titelrolle im Musical "Annie". Barbara war mit der Familie inzwischen nach New York gezogen. Heute noch leben die meisten ihrer acht Kinder - viele sind im Showgeschäft - nur wenige Blocks voneinander entfernt. Mitarbeiter an Filmsets wundern sich, dass Sarah Jessica sich ihre Namen merken und völlig klaglos ihren Kaffee selbst holen kann - aber wer sein Leben lang von großen Brüdern und kleinen Schwestern gepiesackt wird, kann sich schwerlich als Prinzessin fühlen.

Auf die Frage,

ob sie chronisch gut gelaunt sei, antwortet Sarah Jessica, gut gelaunt natürlich: "Sagen wir, ich sorge immer dafür, dass meine Mitmenschen sich wohlfühlen."

Das Gerücht, dass es bei den Dreharbeiten von "Sex and the City" heftig geknallt habe zwischen den Darstellerinnen, wedelt sie mit einer Handbewegung davon. "Wunschvorstellungen! Die armen 'Desperate Housewives' machen gerade dasselbe durch. Nur weil einige Leute sich nicht vorstellen können, dass ein Haufen Frauen friedlich zusammenarbeitet. Warum wirft man nie einem IBM-Manager vor, dass er nach einem langen Tag im Büro nicht auch noch den Abend und die Wochenenden mit den Kollegen verbringt? Wenn hingegen unser Team nach Drehschluss getrennte Wege ging, hieß es gleich: Die hassen sich bis aufs Blut."

Nun kann man sich erstens schlecht vorstellen, dass Miss Parker auf Blutflecken aus ist und dass sie zweitens überhaupt Zeit hat für Mädchenabende. Denn da ist ja seit drei Jahren das Kind, das versorgt werden muss, und seit acht Jahren der Mann, der irgendwie dasselbe braucht. Matthew Broderick spielt derzeit am Broadway in der Komödie "Ein seltsames Paar", "und das sehe ich mir ab und zu an, als treue Ehefrau", sagt Sarah Jessica mit fast hörbarem Augenaufschlag.

Nicht, dass sie sonst nichts zu tun hätte: Im Mai stellte sie ihr selbst entworfenes Parfüm "Lovely" vor. Außerdem warb die Schauspielerin bis März dieses Jahres für den Bekleidungsriesen "Gap" und hält den Kopf hin für ein Haarfärbemittel.

Ach, und drei Filme hat sie auch noch gedreht, drei weitere sind in Planung. Der erste heißt "Familie Stone - Verloben verboten" und ist so etwas wie ein Carrie-Desensibilisierungsprogramm. Parker spielt nämlich eine Großstadtpflanze auf hohen Stöckeln - so weit, so vertraut -, die allerdings furchtbar verklemmt und freudlos ist. Sehr komisch macht sie das; selbst verstörte "SATC"-Fans müssen lachen. Im Frühjahr folgt eine Komödie mit Matthew McConaughey.

Der andere Matthew wird derweil manches Mal mit kaltem Käsebrot zu Bett gegangen sein. Nicht immer konnte die Gattin sich kümmern. Was mag er gedacht haben? Natürlich dreimal "Ach du liebe Zeit!"

Christine Kruttschnitt Mitarbeit: Brigitte Steinmetz

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