Schwule Fußball-Fans Als "Rainbow-Borusse" gegen das Tabu


Sie nennen sich "Hertha-Junxx", "Rainbow-Borussen" oder "Gay Bockt" und fiebern dem Saison-Start der Bundesliga entgegen. Schwule Fußballfans kämpfen gegen das letzte Tabu auf dem grünen Rasen und bringen Farbe ins Stadion.

"Fußballfan" und "schwul" klingt für manchen unvereinbar. Gegen das Klischee, dass kein Homosexueller etwas mit Fußball anfangen kann, sprechen mehrere Clubs schwuler Fans von Bundesliga-Vereinen. In Dortmund fiebern beispielsweise die "Rainbow- Borussen" dem Bundesliga-Saisonstart entgegen - solche Fanclubs gibt es nicht nur in Homo-Hochburgen wie Berlin ("Hertha-Junxx") oder Köln ("Gay Bockt"). Die Clubs sind nicht nur Freizeitspaß - so lange "Schwuler" in Stadien als Schimpfwort gilt und in der Bundesliga kein geouteter Spieler kickt.

"Wir laufen da jetzt nicht mit Regenbogenflagge herum und erzählen es jedem", sagt Stefan Müller, 32, über den 2004 gegründeten Verein "Rainbow-Borussen", der eigene Schals und Schlüsselbänder hat. Zwei Mal im Monat trifft sich der Club zu einem Stammtisch und vor jedem Heimspiel in einer stadionnahen Kneipe, um gemeinsam in die Südkurve zu ziehen. Vom Ballspielverein Borussia.09 Dortmund ist der Verein offiziell anerkannt. Gut 30 Mitglieder hat er, darunter drei Frauen. Gefunden haben sich die Gründer einst in einem Internet-Forum für Homosexuelle. Dort gebe es auf vielen Seiten Männer, die sich als "schwul" und "Fußballfan" bezeichnen, sagt Stefan.

Man sei offen für tolerante "Heteros"

Oliver, 38, erzählt, dass er mit seinem Vorschlag, dem Fanclub beizutreten, auch schon herbe Abfuhren im Chat bekam: "Der war ganz empört mit den Worten 'Müssen wir uns jetzt auch noch als Fans gettoisieren?". Jens, 36, argumentiert: "Wir haben ja diesen Extra- Verein, weil die sexuelle Orientierung eben nicht so ein Thema sein soll. Es geht einfach nur darum, seiner Fußball-Leidenschaft in der Gruppe nachzugehen und dabei keine Angst vor dem Coming-out haben zu müssen." Man sei dabei auch offen für tolerante "Heteros".

Nach außen sehen sich die "Rainbow-Borussen" als "ein Zeichen gegen die homophoben Tendenzen" auf manchem Fußballplatz und gegen das "Totschweigen des Themas" bei den großen Verbänden. Gute Kontakte haben die Dortmunder zu den Berliner schwulen Fans, aber auch zu den VfB-Fans "Stuttgarter Junxx". Vorbehalte gebe es aber auch von Schwulen. Ein "großer Teil der Szene" könne die Fußball-Leidenschaft nicht verstehen, meint Jens. Für viele Schwule erschöpfe sich Sport im Besuch eines Fitness- Studios. "Ich war schon als Kind BVB-Fan und bin es geblieben. Warum sollte ich nun keiner mehr sein, nur weil ich später gemerkt habe, dass ich schwul bin?", sagt Stefan.

Warten auf das Coming-Out eines Profi-Spielers

Das Kölner Schwulenmagazin "Rik" stellte zur Fußball-WM ein erhöhtes Interesse seiner Leser an dem Sport fest - Überschrift: "Lecker Metzelder". Darüber müssen die "Rainbow-Borussen" lachen. "Natürlich achten wir auch auf das Aussehen mancher Spieler. Trikottausch ist nett anzuschauen. Aber ich himmle keinen an und achte, wie 'normale' Fans auch, eigentlich mehr auf die Ausstrahlung und das Auftreten der Spieler. Wichtig ist auch, wie sie sich gegenüber Fans verhalten", sagt Stefan.

Trotz der speziellen Fanclubs in Deutschland oder auch Kinofilmen wie "Männer wie wir" ist "Homosexualität und Fußball" weitgehend ein Tabu. Vor allem das mögliche Coming-out eines Profispielers lässt auf sich warten. Selbst der schwule Präsident des FC St. Pauli, der Theaterchef Corny Littmann, ist skeptisch: "Wenn sich einer tatsächlich outen würde, wäre er so sehr in den Medien, dass ich nicht weiß, wie ein 20- bis 25-Jähriger das aushalten soll", sagte er kürzlich.

Weitere Informationen unter www.rainbow-borussen.de und www.queerfootballfanclubs.com

Gregor Tholl/DPA DPA

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