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Sibylle Rauch: Liebes-Mühen

»Das sündige Mädchen« heißt neckisch der Spielfilm über ihr Leben als Playmate, Partygirl, PornoStar. Die Wirklichkeit ist härter

Es tat weh, in die Vergangenheit zu blicken. Die Luft im Konferenzraum war schwül, draußen tobte ein Sommergewitter. Sibylle Rauch nahm es nicht wahr. Sie saß vor einer Tasse lauwarmem Kaffee, zerknüllte ein Taschentuch und starrte auf den Fernseher. Die von der Produktionsfirma hatten sich geziert, ihr den Film vorzuführen. Er erzählt die Geschichte vom verpfuschten Leben eines Pornostars. Es ist ihre Geschichte. Sie schaute zu, ohne viel zu reden. Das passiert selten bei ihr. Manche Szenen fand sie hart. Aber sie wusste, dass die Wirklichkeit oft schlimmer war. Erst jetzt, mit 42, hat sie endlich gelernt, sie zu akzeptieren. Auch, wenn es wehtut. »Hätte ich das früher gekonnt«, sagte sie nach dem Film, »wäre alles nicht soweit gekommen.« Sibylle Rauch schaut durch den Spion, bevor sie die Tür öffnet. Sie hat die Rollläden heruntergelassen. Es ist Nachmittag, die Sonne scheint. Sie ist nervös. Bis auf Tisch, Bett und Sofa ist die Wohnung fast leer. »Ich muss bald ausziehen«, sagt sie. »Die Bank hat einen Käufer gefunden.« Eigentlich ist sie eine schöne Frau. Ihr schmales Gesicht sieht noch sehr jung aus. Mit der einen Hand hält sie ihre rechte Brust. »Manchmal verrutscht das Implantat«, sagt sie. »Am liebsten wäre ich diesen Monsterbusen los.« Aber wovon soll sie die Operation bezahlen? Das Geld vom Wohnungsverkauf behält fast vollständig die Bank. So wie die 70 000 Mark, die sie für die Rechte an ihrer Geschichte bekommen hat. Ihren geleasten Wagen muss sie nächsten Monat auch abgeben.

»Der schöne BMW«, sagt sie. Sie redet ohne Pause. Und raucht viel. »Dafür brauche ich keinen Alkohol«, sagt sie, »nur ab und zu etwas Medizin. Alkohol macht hässlich, Medizin nicht.« Das Wort Kokain benutzt sie nie.

Wegen des TV-Films (am 1. September bei RTL) kommen jetzt ständig Journalisten. Es ist fast wie früher. Nur, dass sich ihr Leben verändert hat. Sie ist tief gefallen. Und sie weiß, dass sie noch tiefer fallen kann. Sie denkt oft nach, weshalb sie so viele Fehler gemacht hat. Vielleicht, weil die wichtigen Entscheidungen in ihrem Leben immer andere getroffen haben.

Schlachthofviertel nennen die Münchner den Arbeiterstadtteil, in dem sie aufwuchs. Damals hieß sie noch Erika. Zwischen der Mutter, einer ehemaligen Krankenschwester, und dem Vater gab es oft Streit. Manchmal schlug der Vater zu. Er arbeitete bei Siemens und war erleichtert, als seine Frau die Familie verließ. Die beiden Töchter kamen immer wieder ins Heim. Beim ersten Mal war Erika sieben, ihre Schwester fünf. Der Vater bestand darauf, dass Erika eine Lehre als Anwaltsgehilfin machte. Heute hat sie keinen Kontakt mehr zu ihm. Die Mutter liegt in der Nervenklinik. Sie besucht sie oft.

Sie konnte sich nicht leiden damals. Sie fand sich langweilig - ihr rundes Gesicht, das brünette Haar, den Job. Sie war dankbar, als sie Günther kennen lernte. Günther war anders. Ein Geschäfts- und Lebemann über 40, der Komplimente machte und ihr Klamotten kaufte. Er war der Erste, mit dem sie schlief, ihre erste große Liebe. »Und die einzige bis heute«, sagt sie.

Das Beste an Günther war jedoch, dass er ihr sagte, wo es langging im Leben. Sie wollte erst kein Kokain probieren. Aber Günther meinte, das sei okay. Als ein »Playboy«-Fotograf fragte, ob sie sich vor der Kamera ausziehen würde, fand Günther, das solle sie tun. Der »Playboy« ließ ihr die Haare blondieren und machte aus Erika die sexy Sibylle. Sie wurde Playmate des Monats, ließ Autogrammkarten drucken und schmiss den Job beim Anwalt.

Eines Tages ließ Friedrich Karl Flick bei Günther anfragen, ob mit dem Playmate nicht was ginge. Zur Party in der FKF-Villa in Bogenhausen wurde Sibylle von einem Leibwächter abgeholt. Sie war stolz, den reichsten Mann des Landes zu treffen, aber froh, dass mit ihm an dem Abend nichts lief. Zum Abschied schenkte er ihr ein Goldarmband. Günther meinte, »das scheußliche Ding verkaufen wir gleich«.

Vier Jahre dauerte die Beziehung mit Günther. Zum letzten Mal sah sie ihn in der JVA Stadelheim. Sie hatten ihn an der Grenze mit drei Kilo Kokain erwischt.

Damals hätte aus Sibylle was werden können. Ihre kindliche Art kam an. Klar spielte sie in halbseidenen Produktionen wie »Der Kurpfuscher und seine liebestollen Töchter«, aber sie brachte es auch zu einer Hauptrolle in der erfolgreichen Teenagerkomödie »Eis am Stiel«. Man riet ihr zur Schauspielschule. Doch sie hörte gar nicht zu. Sie fragt sich heute oft, weshalb sie damals so dumm war.

Die Pornoproduzentin Teresa Orlowski lernte sie 1987 kennen, als sie fast pleite war - die teure Wohnung an der Leopoldstraße, das viele Kokain - und keine Rollenangebote mehr bekam. Die Polin fragte, ob sie für 100000 Mark bereit wäre, einen Porno zu drehen. Sicher, Sibylle, damals 26, dachte daran, was ein harter Sexfilm für ihren Ruf bedeutete. Irgendwie glaubte sie aber, sie könnte sich um die Sexszenen rummogeln. Und Teresa versprach, dass es von dem Film auch eine Kinoversion ohne Sex geben sollte.

Wenn etwas gut klang, war sie immer schnell bereit, es zu glauben. Sie sagte zu. Gedreht wurde auf einem Schloss bei Paris. In den ersten vier Tagen hatte Sibylle mehr Text als in allen bisherigen Filmen zusammen. Es wunderte sie nur, dass sich der männliche Hauptdarsteller permanent versprach. Am fünften Tag war am Set ein Bett aufgebaut. Im Drehbuch stand eine Liebesszene. Sie trug ein weißes Kleid, der Mann drückte sie sanft in die Kissen. Dann öffnete er seine Hose. In dem Moment brach Sibylle den Dreh ab.

Teresa begann zu brüllen. »Du stellst dich an wie die dümmste Anfängerin!« - »Ich bin ein Filmstar«, keifte Sibylle zurück. - »Lass das Gehabe!«, fauchte Teresa, beschwichtigte dann: »Filmstars machen?s auch richtig vor der Kamera. Damit es echt aussieht.« Sibylle ließ sich aufs Bett fallen. Einer aus dem Team gab ihr Gleitcreme. Sie weiß nicht mehr, woran sie dabei dachte. Nur an Teresas Stimme kann sie sich noch erinnern: »Lebst du noch? Liegst da wie eine Matratze.« Im Hotel stand sie eine Stunde unter der Dusche. Aber das miese Gefühl ließ sich nicht abwaschen.

Der Film hieß »Born for Love«. Er war der »Bild«-Zeitung eine Schlagzeile wert. So hatte sich Teresa Orlowski das vorgestellt. Sibylle war jetzt ein Pornostar. 3500 Mark betrug ihre Tagesgage. Das reichte, um sich einen BMW aufschwatzen zu lassen und die 400000 Mark teure Wohnung. Die Dreharbeiten fielen Sibylle mit der Zeit leichter. »Bald hat mir Sex mit vier Männern richtig Spaß gemacht«, sagt sie. Es klingt wenig überzeugend.

In der Branche waren die Kollegen genervt von ihrem Gerede über Ästhetik und Gefühl. Sie bestand darauf, als Schauspielerin bezeichnet zu werden, und wollte die meisten Szenen mit ihrem Freund Roberto drehen. Ihre Allüren wurden hingenommen. Sibylle Rauch, das war ein guter Name, und er war ihr Kapital. Das Sex-Magazin »Hustler« machte sie sogar zur Herausgeberin der deutschen Ausgabe.

Dann kam eine neue Generation Pornodarsteller - Frauen wie Dolly Buster, mit riesigen Silikonbrüsten und unverbrauchten Gesichtern. Sibylle war jetzt 32, der Verkauf ihrer Videos stagnierte. Teresa überredete sie, sich die Brust vergrößern zu lassen. Doch der größere Busen heizte das Geschäft nur kurz an. Was fehlte, waren neue Schlagzeilen. Da verkündete Orlowski, dass ihre Star-Actrice jetzt »wahre Bettgeschichten« mit Friedrich Karl Flick, Konsul Weyer und Gunter Sachs verfilmen würde. In Wahrheit war mit dem Konsul nicht mehr gelaufen als mit Flick. Und Sachs hatte Sibylle auf einer Party nichts anderes als die Hand gegeben. Er zog vor Gericht. Die Schlagzeilen reichten gleich für zwei Folgen von »Im Bett mit Sibylle«. Es war ihr letzter Erfolg.

Jetzt hätte sie aussteigen können und ihr Geld anlegen. Vielleicht würde sie heute ihre eigene Sex-Show auf RTL 2 moderieren. Sie kann lustig erzählen. Und dumm ist sie auch nicht. Nur so entsetzlich naiv. »Einer wie mir hätten sie nie die Platin-Kreditkarte geben dürfen«, sagt sie. Teure Urlaube, teure Autos, teure Freunde. Sie versuchte, einen Softporno mit ihrer Schwester Silvie zu produzieren. Es wurde ein Desaster. Silvie sagte später: »Ich hoffe, meine Schwester findet einen guten Therapeuten.« 1996 begann Sibylle, durch Peepshows zu tingeln. Nach acht Operationen war ihre Oberweite von 93 auf 120 Zentimeter angewachsen; der Arzt durfte nach jedem Eingriff die »Bild«-Zeitung informieren. Für 2000 Mark rekelte sie sich nun dreimal pro Abend auf einer Drehscheibe und besorgte es sich mit einem Dildo. Manchmal wurde sie angespuckt, einmal mit einer Bierflasche beworfen.

An einem trüben Herbsttag 1997 - Telefon und Strom waren abgestellt, es gab keine Filmangebote, nicht mal Sexshops fragten nach ihr - zerschnitt sie sich mit einem Küchenmesser das Handgelenk. Ein Nachbar rief den Notarzt. Manchmal denkt sie, er hätte es besser nicht getan.

An ihrer Situation hat sich seitdem wenig verändert. Sie lebt von den Gagen, die sie für Besuche in Swingerclubs bekommt. Eine kleine Pornofirma gibt unter dem Label »Sibylle Rauch Exclusiv« ein neues Video heraus. Sie hat nur eine Sprechrolle.

Wenn sie aus der Wohnung muss, zieht sie zu einer Freundin. Wie es dann weitergeht, darüber will sie nicht nachdenken. »Am schönsten wäre heiraten«, sagt sie, »einen Mann mit Geld, der mein Leben organisiert.« Sie mochte es schon immer, wenn andere die Entscheidungen treffen.

Andreas Albes