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Starkult: Tödlicher Ruhm

Ruhm, das ist das Versprechen von Reichtum, Liebe und Sorglosigkeit. Diese Aussicht treibt Jugendliche zu Castingshows, die negativen Folgen Prominente in den Tod. So wird auch bei Brittany Murphy viel spekuliert über Medikamentenmissbrauch. Der Traum ist glamourös, die Wirklichkeit deprimierend.

Von Sophie Albers

"Wenn es um eine 32 Jahre alte Person geht, die eines plötzlichen Todes stirbt, und diese Person auch noch eine Prominente in Los Angeles ist, können Sie darauf wetten, dass es am Ende eine akute kombinierte Medikamentenvergiftung ist. Ich wette, dass diese junge Frau auf die gleiche tragische Weise gestorben ist wie Michael Jackson, wie Anna Nicole Smith und wie Heath Ledger."

"Diese junge Frau" ist Brittany Murphy, und der Mann mit Drang zur Offenheit ist der berühmte US-Pathologe Cyril H. Wecht, der in der US-TV-Sendung "Early Show" seine Meinung über den Tod der jungen Hollywoodschauspielerin kundtat, der seit Sonntag für Diskussionen, Spekulationen und Trauer sorgt.

Luxus, Anerkennung, Partys, Sex, Geld?

Das Schockierende an Wechts Ausführungen ist dabei weniger die Offenheit als die Selbstverständlichkeit, mit der er Stars Medikamentenmissbrauch nachsagt, und dass er gleich eine Reihe bekannter Namen nachschieben kann, die tatsächlich an solchen Vergiftungen gestorben sind. In diesem Augenblick fallen einem andere Prominente ein, deren Überleben wohl auch viel mit Glück zu tun hat: Britney Spears, Lindsay Lohan, Eminem, Robbie Williams, Macaulay Culkin, Drew Barrymore. Moment mal. Ist Ruhm nicht etwas Tolles? Luxus, Anerkennung, Partys, Sex, Geld? Warum sonst rennen Jahr für Jahr Tausende in die Ausscheidungsrunden für Castingshows, knechten Schlittschuhmamis ihren Nachwuchs, tun Menschen alles, um in die Zeitung oder ins Fernsehen zu kommen? Offensichtlich gibt es da einen Denkfehler. Fragt man Experten, bestätigen die einem auch noch, dass Ruhm handfeste psychische Probleme mit sich bringt.

Nein, es geht den Prominenten nicht wirklich gut. Abgesehen vom Zwang gut auszusehen (Botox und plastische Chirurgie), der Pflicht immer gut drauf zu sein (Stimmungsaufheller jeder Art) und dem Wissen, immer beobachtet zu werden (Paparazzi), ist Prominenz eine professionelle Schizophrenie: "Das Berühmtsein schafft ein Abziehbild des Ich", sagt der Schweizer Psychologe Allan Guggenbühl. Das Bild, das sich die Welt da draußen vom Star baut, muss mit der wahren Person überhaupt nichts zu tun haben. Das bringe Identitätsstörungen mit sich, vor allem wenn der Ruhm früh einsetzt, wenn der junge Mensch die eigene Identität noch gar nicht gefunden hat. Womit wir wieder bei Spears (kam mit elf zum "Disney-Club"), Lohan (Model mit drei, erste TV-Rolle mit zehn) und Barrymore (Model mit elf Monaten, war sechs als sie mit "E.T." über Nacht zum Star wurde) sind.

Wenn der Höhepunkt des Lebens so früh stattgefunden hat, "was soll dann noch kommen?", so Guggenbühl weiter. Dann rennen die Betreffenden mit einem aufgeblähten Ego herum und verstehen die Welt nicht mehr, die ihnen nie wieder so viel Aufmerksamkeit schenken wird wie am Anfang. Jedenfalls wird es sich nicht mehr so anfühlen. Helfen könnte da ein starker familiärer Rückhalt, doch gerade der fehlt vielen Stars. Sicher, Scheidungskinder gibt es viele, aber wenn eine "Schlittschuh-Mami" (Spears) ihr Kind ins Rampenlicht treibt oder der Vater im Knast sitzt (Lohan), trägt das nicht gerade zur Stabilisierung bei.

Ohne etwas über die genaue Todesursache von Brittany Murphy sagen zu können: Das Mädchen aus Atlanta soll seine alleinerziehende Mutter als 13-Jährige überredet haben, alles zu verkaufen und mit ihr nach Los Angeles zu ziehen, damit sie Schauspielerin werden könne. Murphy drehte ihre erste TV-Serie mit 14. Den internationalen Durchbruch erlebte sie drei Jahre später mit "Clueless" (1995).

Robbie Willams, Angelina Jolie, Amy Winehouse

Das härteste Urteil über das Schicksal von Stars hat Borwin Bandelow gefällt. Für den Professor für Psychiatrie an der Universitätsklinik Göttingen, der 2006 mit dem Buch "Celebreties - vom schwierigen Glück, berühmt zu sein" für Aufsehen sorgte, sind Alter oder familiärer Rückhalt eines Stars kaum von Bedeutung. Bandelow vertritt die steile These, dass jemand, der es im Pop- und Showbusiness bis ganz nach oben schafft, kein normaler Mensch sein könne. "Erst ist man verrückt, dann wird man berühmt", sagt der Buchautor und führt als Beispiele Robbie Willams, Angelina Jolie und Amy Winehouse an, die schon vor dem Ruhm schwere Probleme hatten.

Auf Entfernung diagnostiziert Bandelow narzisstische Persönlichkeits- und Borderline-Störungen, die überhaupt erst dazu führten, dass das Publikum sich für die Stars interessiere. Melancholie, Depression, Hysterie, Exzentrik - Sex, Drugs, Rock'n'Roll eben - könnten sich "normale Menschen" nicht leisten, und so erfreuten sie sich an ihren Stellvertretern, die auf Bühnen und Leinwänden verbotene Triebe ausleben, weil der Applaus "Koks für ihre Seelen" ist.

Die nackte Angst

Neben Schizophrenie und Boderline ist da auch noch die nackte Angst: Angst, es nicht ganz nach oben zu schaffen, Angst, sich oben nicht halten zu können, und Angst, dass der Abstieg ein endgültiger ist. Denn die Daseinsberechtigung eines Prominenten basiert auf dem Image, der Marke, deren Wert allein vom Bekanntheitsgrad abhängt. Der wiederum ist ein Medienprodukt. Und ein altes Gesetz dieser Zunft besagt: Wem die Medien hochhelfen, den holen sie auch wieder runter. Bei manchen bedeutet das offensichtlich bis unter die Grasnarbe.