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Miley Cyrus vs Zac Efron: Ruhm frisst Kinderseelen

Britney Spears ist daran zerbrochen und auch Lindsay Lohan. Derzeit versuchen die Teeniestars Miley Cyrus und Zac Efron in der Unterhaltungs-Arena zu überleben. stern.de hat ihre Chancen ausgerechnet.

Von Sophie Albers

"Also, ich habe ihr gesagt, 'Liebling, verbring' Zeit mit deinen Freunden, geh zur Schule, zum Abschlussball. Aber das wollte sie gar nicht." Das sind nicht die Worte der verzweifelten Mutter eines abgestürzten Sprösslings mit Drogenproblemen, sondern die Worte von Leticia "Tish" Cyrus , einer großgewachsenen Blondine, die vor 16 Jahren einem Mädchen das Leben schenkte, das heute als einflussreichster Teenager der Welt gilt: Miley Cyrus.

Der Teeniestar aus der TV-Serie "Hannah Montana" verdient Millionen, und wo immer Cyrus auftaucht, drehen die Fans durch. Doch hat der frühe Ruhm auch einen Preis. Bezahlt haben ihn bereits ehemalige Kinderstars wie Drew Barrymore, Macaulay Culkin und Britney Spears. Eine berühmte Identität werde dem Ich einfach übergestülpt, sagt der Schweizer Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. "Die andere, die eigene Identität, droht verloren zu gehen. Sie findet nicht statt". Deshalb sei die Prominenz in der Pubertät so gefährlich.

Heftigstes Beispiel für solch eine verlorene Identität lieferte wohl Barrymore, die ihr Auftritt in "E.T. - Der Außerirdische" 1982 im Alter von gerade mal sechs Jahren zum Star machte: Das Kind verlor allen Halt, wurde drogensüchtig und trat mit 13 Jahren den ersten Entzug an. Barrymores aktuelle Karriere als Produzentin war jahrelange knochenharte Arbeit und auch Glück. Auch Britney Spears' von der Klatschpresse geradezu gefeierter Kahlschlag, Lindsay Lohans Party-Exzesse, Macaulay Culkins Drogenprobleme bis hin zum frühen Tod von River Phoenix sind auf die zerstörerische Kraft des Rampenlichts zurückzuführen. Welche Chancen haben wohl Miley Cyrus und ihr Kollege Zac Efron aus dem "High School Musical", mit dieser Realität im Reich der Illusion klar zu kommen? Eine Aufrechnung.

Eigener Flügel in der Familienvilla

Miley Cyrus habe sich bereits mit neun Jahren fürs Schauspiel begeistert, heißt es. Als sie mit elf für die Hauptrolle in der neuen Disney-Musicalserie "Hannah Montana" vorsprach, wurde sie als zu jung abgelehnt. Also bettelte das Kind um eine zweite Chance, um den Showleuten zu zeigen, dass sie viel älter aussehen könne. Mit 13 hatte sie den Part, der zu den erfolgreichsten Shows führte, die Disney je ins Fernsehen brachte. Und ihren Papa hat sie auch gleich in der Serie untergebracht. Der Sänger und Schauspieler Billy Ray Cyrus ist auch der Show-Papa seiner Tochter. Und das nun auch im "Hannah Montana"-Kinofilm, der dem TV-Hit folgte. (Seit dem 1. Juni in deutschen Kinos)

Allein im Jahr 2007 hat Miley Cyrus laut dem US-Magazin "Us" 18,2 Millionen Dollar verdient, ihre CDs verkaufen sich millionenfach, ihre Tour im Jahr 2008 brachte 50 Millionen Dollar, der dazugehörige Konzertfilm spielte am ersten Wochenende 29 Millionen ein. "Hannah Montana - Der Film" (siehe Kasten) rangiert in den USA nach eineinhalb Monaten bei fast 80 Millionen. Zusammen mit "Harry Potter" Daniel Radcliffe führt sie die "Forbes"-Liste der erfolgreichsten Jungstars an.

Auf das tägliche Leben übertragen bedeutet das eine Überdosis Luxus: Die 16-Jährige aus Nashville, Tennessee, lebt mit ihrer Familie in einer Villa in Los Angeles, in der sie den einen kompletten Flügel des Anwesens bewohnt, mit eigenem Eingang versteht sich. Allerdings behauptet Mama Tish, die auch als Managerin ihres Kindes fungiert, mit strenger Hand über Miley zu wachen. Wenn der Weltstar ungehorsam sei, kriege er auch schon mal Stubenarrest oder Handyverbot, sagt sie. Ob Disney das dem Management ihres singenden, tanzenden Geldesels durchgehen lässt, sei dahingestellt.

"Es ist ihr Schicksal, der Welt Hoffnung zu bringen"

In Interviews wirkt Cyrus fast wie ein einigermaßen normaler Teenager, wenn auch mit beeindruckendem Selbstbewusstsein: Sie redet zu laut, kichert dauernd und fummelt die ganze Zeit an ihrem Blackberry herum. Und wenn sie nicht weiter weiß, muss Papa ran. Als die US-Talkmasterin Ellen DeGeneres das aufgedrehte Mädchen nach der Normalität seines Lebens fragt, guckt Cyrus vorsichtig zu ihrem lederbejackten Erzeuger: "Er sorgt dafür". Der setzt dann wenig später zur immer wieder gern wiederholten Hoffnungs-Hymne an: Es sei Mileys Schicksal, "der Welt Hoffnung zu bringen", sagt er mit der ihm möglichen Seriösität. Und das habe er auch schon vor Mileys Geburt gewusst, die deshalb mit bürgerlichem Namen Destiny Hope (Schicksal Hoffnung) heißt. Das höre sie schon ihr ganzes Leben, entgegnet Miley Cyrus und lacht kehlig laut. Wer wundert sich da noch über das monströs unerschütterliche Super-Ego eines Mädchens, das eigentlich in den Stromschnellen der Pubertät kämpfen müsste?

Erstaunlich anders hört sich dagegen Zac Efron an, der Mädchen lauter schreien lässt als die Band Tokio Hotel in Vollbesetzung. Erstaunlich anders, weil so viel unsicherer als erwartet. Er schwitzt unter seinen heftig trainierten Armen, die Stimme bleibt ihm manchmal weg, und wenn Journalisten ihm aufmerksam zuhören, anstatt durcheinanderzureden, verunsichert ihn das so sehr, dass er es auch zeigt. Und auch vom Leben lässt sich der 21-Jährige, dessen Disney-Karriere vor drei Jahren mit dem Erfolg der TV-Show "High School Musical" begann, verunsichern. Im positiven Sinne. Er habe wirklich keine Ahnung, wo es hingehe, bekräftigt er. "Ich wusste in der Highschool noch nicht, dass ich das hier machen möchte. Mein Leben macht all diese Schlenker und Kurven. Ich habe wirklich keinen Plan." Glauben wir ihm das mal.

Von Freunden verspottet

In der Schule, die der Kalifornier 2006 abgeschlossen hat, gehörte er immer zu den Besten. Bei einer Note, die nicht "sehr gut" war, sei er schier ausgeflippt, erzählt er. Aber er sei definitiv keine Sportskanone gewesen, sondern habe Theater gemocht und an Schulaufführungen teilgenommen. "Meine Freunde haben mich unerbittlich dafür verspottet, dass ich lieber gesungen und getanzt habe, anstatt Football zu spielen." Erste TV-Erfahrungen sammelte Efron allerdings doch bereits mit 15 in kleinen Nebenrollen. Beim "High School Musical" war er dann immerhin schon 18. Dessen erste beide Folgen haben weltweit mittlerweile rund 455 Millionen Menschen gesehen. Teil drei kam wegen des großen Erfolges gleich ins Kino, vier ist in Arbeit. Das Merchandising von der CD bis zum Bleistiftanspitzer ist eine Maschine zum Gelddrucken. Doch guckt Efron sich auch nach anderen Rollen um, wobei er in seinem neuen Film "17 Again" (seit dem 14. Mai im Kino) zwar nicht singt und tanzt, aber bis zum Charakterschauspiel dann doch noch ein bisschen wachsen muss.

Lesen Sie in Teil zwei, warum Zac Efron laut Jugendpsychologie bessere Chancen, den Ruhm unbeschadet zu überstehen, als Miley Cyrus

Das passende Beispiel zur Eltern-Kind-Beziehung in der Familie Efron gab es ebenfalls bei Ellen DeGeneres zu sehen. Während der Sohn auf der Bühne auseinander genommen wird, sitzt Mama irgendwo im Publikum. Als die Moderatorin Zac Efron die Haare schneiden will, winkt Mutter Efron nur lachend und sagt: "Nur zu, die sind eh zu lang". Möglicherweise sind die Tage von Efrons Disney-Karriere schon gezählt bei so viel Entspanntheit und offener Neugier aufs Leben. Einen Satz wie "Die Idee einer Familie ist angsteinflößend. Dazu bin ich im Augenblick zu egoistisch" würde die überzeugte Christin Miley Cyrus nicht über die Schmolllippen bringen. Und erst Recht nicht, dass ein perfekter Tag "überall, bloß nicht zu Hause" sei. "Backpacking", sagt Efron mit strahlendem Blick. "Irgendwohin, wo ich noch nie war."

Wegen solcher Aussagen habe Efron laut dem Psycholgen Allan Guggenbühl deutlich bessere Chancen, die frühe Karriere einigermaßen unbeschadet zu überstehen, als seine Kollegin mit der engen Vaterbindung. Der Professor für Jugendpsychologie in Zürich arbeitet immer wieder mit Kindern zusammen, die in Krisen stecken, die Berühmtheit mit sich gebracht hat.

Jeder Jugendliche träumt von Ruhm

Ruhm zu verarbeiten, falle allen Menschen schwer, sagt Guggenbühl. Vor allem aber Jugendlichen. "Das Berühmtsein schafft ein Abziehbild des Ich. Da entsteht eine zweite Person. Jugendliche in der Pubertät sind stark sensibilisiert für die Frage 'Wie sehen mich die anderen?'. Die Identität bildet sich durch die Spiegelung in der Außenwelt. Ist der Jugendliche berühmt, ist die Spiegelung gestört und kann sich zum Narzissmus auswachsen", so der Psychologe und Buchautor. Jeder Jugendliche träume davon, berühmt zu sein, vom "großen Auftritt", den alle bestaunen. "Wird der jedoch scheinbar realisiert, ist das schwer zu verkraften. Das Ich ist inflationär aufgebläht."

Vor allem an der vor oder am Anfang der Pubertät einsetzenden Prominenz hätten junge Menschen schwer zu tragen, führt Guggenbühl weiter aus. "Denn das ist die Ablösungsphase von den Eltern, in der sich die eigene Identität ausbilden soll." Und die Eltern seien dann gefragt, ihrem Kind beizustehen: "Sie müssen dieses aufgeblähte Selbstbild korrigieren. Ist die Familie stark und intakt, kann sie vieles auffangen. Allerdings kommt bei berühmten Jugendlichen häufig hinzu, dass sie dauernd unterwegs sind. Das ist für Kinder sehr schwierig. Sie brauchen einen ruhigen Punkt."

Besonders schlimm sei es für Jungstars, wenn der Ruhm nachlässt. "Dann trauert der Betroffene jahrelang einer großartigen Zukunft nach. Wenn der Höhepunkt des Lebens mit 14, 15 Jahren statt gefunden hat, was soll dann noch kommen? Sie haben Schwierigkeiten, danach eine Rolle im Leben zu finden. Sie haben das Gefühl, dass es immer so weitergehen muss. Aber man steht nie permanent im Rampenlicht. Die Landung kommt immer."

Enttäuschung und Zynismus

Und wenn der Ruhm anhält? Auch dazu brauche es eine starke Persönlichkeit. "Man darf eines nicht vergessen: Die Pubertät wird von vielen Jugendlichen als Ewigkeit erlebt. In diesen zwei, drei Jahren bekommt alles eine andere Qualität. Der in dieser Zeit erlebte Ruhm ist nicht wiederholbar. Danach wird er ganz anders wahrgenommen. Dem folgen Enttäuschung, Relativierung, Zynismus oder eine Distanzierung. Ruhm ist psychologisch sehr korrumpierend." Auch in diesem Fall hänge das psychische Wohl des Teeniestars von seinem Umfeld ab: "Wenn jemand mit Ja-Sagern umgeben ist, verliert er den Bezug zur Realität, Kraft und Durchhaltevermögen. Ein Lob hat immer zwei Seiten: Die eine ist gut, die andere aggressiv, denn sie lässt den Prominenten in den Wolken schweben, obwohl man weiß, dass der Fall kommen wird."

Gibt es denn ein ideales "Ruhm-Alter"? "Ab Mitte 20 sind Menschen weniger korrumpierbar, haben schon einige Krisen durchlebt und eine Identität ausgebildet. Da kann ihnen der Ruhm nicht mehr so sehr schaden wie in der Pubertät", sagt Guggenbühl. "Aber dann sind sie auch nicht mehr so formbar, wie es die Unterhaltungsindustrie gerne hätte." Vielleicht ist Zac Efron ja auf dem richtigen Weg.