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Bordeaux für Genießer: Der Ruhm der Rebe – das spektakuläre Weinmusem Cité du Vin

Völlig zu Recht gilt Bordeaux als Welthauptstadt der Weine. Mit dem spektakulären Weinmuseum "Cité du Vin" hat der Wein ein Wahrzeichen bekommen. In den Restaurants, Gütern und Schlössern der Region können Besucher hervorragende Sorten verkosten.

Von Tilman Müller

Von Bordeaux-Weinen umkreist: Im Rondell des Weinmuseums Cité du Vin stehen 14.500 Flachen Wein aus der wohl bekanntesten Anbauregion der Welt.

Von Bordeaux-Weinen umkreist: Im Rondell des Weinmuseums Cité du Vin stehen 14.500 Flachen Wein aus der wohl bekanntesten Anbauregion der Welt.

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Wer das Restaurant „Le Chapon Fin“ mitten in Bordeaux betritt, taucht ein in eine längst vergangene Zeit. Golden der Deckenfries, an den Wänden zauberhafte Spiegel der Belle Époque, im Fond ein Felsengebilde aus Muschelkalk, das wie versteinerte Schlagsahne in den Speisesaal quillt. Hier, in den Grotten, haben einst die Diva Sarah Bernhardt und der Maler Toulouse-Lautrec bis tief in die Nacht gebechert.

Jetzt kommt Jordan Aniorté herbeigeeilt, der Chefsommelier des Hauses. Seine Weinkarte listet auf vier Seiten alle möglichen Champagnersorten auf, dann 1200 Weine aus 30 Ländern. Wir sind also angekommen in Bordeaux. In der Welthauptstadt der Weine trinkt man gern besonders gut und manchmal auch besonders viel. Das jedenfalls legt das Motto nahe, das im 1825 begründeten „Chapon Fin“ groß auf der Weinkarte steht: „Lieber trinken und dann etwas benebelt sein als nichts trinken und es hinterher bereuen.“

Aniorté, 27, hat in der Kaderschule von Paul Bocuse gelernt, am linken Revers trägt er das Trauben-Emblem der französischen Weinkellner-Zunft. Zum Mittagsmenü empfiehlt er einen weißen Graves, den man auch preiswert im Glas bestellen kann. Vor zwei Tagen erst, erzählt er, sei hier am Tisch ein Romanée Saint-Vivant bestellt worden. Der Grand Cru steht für 1250 Euro auf seiner Karte. „Gut für uns“, sagt Aniorté, „solch eine erstklassige Flasche können wir nur ordern, wenn zuvor eine verkauft wurde.“

Der Sommelier blickt optimistisch in die Zukunft

Seine Branche, in der rund 50.000 Bordelaiser arbeiten, brummt. Die vornehmen Handelshäuser an der Garonne wurden frisch renoviert, von hier aus lässt der heimische „Korkadel“ seit Jahrhunderten Weine in alle Welt verschiffen. Heute fährt eine moderne granitgrau lackierte Tram die historische Uferpromenade entlang, hinaus zum neuen Wahrzeichen der Stadt: dem Weinmuseum „Cité du Vin“.

"Cité du Vin"

Für alle Sinne: Multimedial führt das neue Museum "Cité du Vin" durch die Geschichte des Weins.

Von außen sieht das rundliche Gebäude, verkleidet mit Glaspaneelen und Aluminiumplatten, wie eine gigantische Karaffe aus. Drinnen erwartet den Besucher ein Multimedia-Spektakel auf sieben Etagen. Überall Touchscreens, 3-D-Effekte, Audiosysteme, Videokabinen. Es geht um die weltweite Geschichte des Rebensafts, um seine Düfte und Aromen, seine berühmtesten Liebhaberinnen und Kellermeister. Die Vinothek verkauft Spitzenweine aus 80 Ländern. Selbst Kinder dürfen hier verkosten – am Traubensaft-Tresen.

„Unsere Gäste können den Wein als universelles Kulturgut erleben, ertasten, riechen und genießen“, sagt Sylvie Cazes, 60. Die Stiftungspräsidentin des Museums ist im Bordelais groß geworden. Ihre Familie besitzt mehrere Weingüter, darunter das bekannte Château Lynch-Bages im Médoc. Gemeinsam mit anderen Winzern war die Vertraute von Alain Juppé, dem mächtigen Bürgermeister von Bordeaux, federführend an der Entstehung des 82 Millionen Euro teuren Weintempels beteiligt. „Unser Haus wird sich bezahlt machen“, sagt sie, „genauso wie das Guggenheim-Museum in Bilbao, das seinem Umland einen enormen Besucherzustrom beschert hat.“

Viel Sonne, gute Böden

Prunkstück des Weinmuseums ist die Panorama-Bar in der obersten Etage. Die Decke ist mit 4000 leeren Flaschen dekoriert, das Sortiment könnte berauschender nicht sein. Von hier aus wandert der Blick über die Türme und Dächer der Stadt. Grün schimmern am Horizont die Weinberge, wo die Trauben optimal ausreifen können, bei 2000 Sonnenstunden und etwa 20 Hitzetagen im Jahr. Die Region produziert jährlich bis zu 900 Millionen Flaschen. Dabei sind es nur relativ wenige Weingüter, Châteaus mit klingenden Namen wie Margaux oder Pétrus, die den Bordeaux weltberühmt gemacht haben.

Wer etwa das stadtnahe Château Pape Clément besucht, landet mitten in einem Traum. Vorbei an Palmen und einer riesigen Zeder führt Amélie Nicou, 25, zu den akkurat aneinandergereihten Rebstöcken hinter dem Schloss. „Wir haben hier gute Kiesböden“, sagt die junge Önologin, „die Steine sammeln tagsüber Wärme, was nachts den Rebenwurzeln zugutekommt.“

Die Önologin Amélie Nicou

Die Önologin Amélie Nicou überwacht die Produktion im Château Pape Clément

Nicou stammt aus dem Elsass, sie hat in Bordeaux studiert und fühlt sich wohl in Frankreichs Südwesten. „Viele machen es wie ich, in der Weinmetropole gibt es immer gute Jobs“, sagt sie und zeigt auf einen Mann mit Schlapphut, der drüben mit einem Gaul durch die Felder zieht. „Das ist Charles, er kommt aus der Bretagne und betreibt hier eine Firma für Ökoweinbau.“ Der Einsatz von Traktoren ist in den besseren Châteaus längst verpönt.

Am Nachmittag zeigt Nicou die Schätze im Weinschloss, das Papst Klemens V. im 14. Jahrhundert gegründet hat. Im Keller lagern unter Kronleuchtern zahllose Eichenholzfässer, aus einer Box tönt Chormusik. „Unsere Besucher aus China lieben die sakrale Stimmung“, sagt die Weinkundlerin und öffnet die Tür zu einem dunklen Raum, in dem alte Jahrgänge ab 1929 gestapelt sind, darunter enorme Primat-Flaschen, gefüllt mit 27 Litern Rotwein.

Terrasse in die Rebenfeldern

Pape Clément

Gute Lage: Bei Chormusik reift der Wein im Keller des Château Pape Clément

In dem Château können Besucher sogar übernachten – mit Blick auf die „Verrière“, ein Glashaus, entworfen von Gustave Eiffel, dem Schöpfer des berühmten Turms in Paris. Immer mehr setzen die Bordelaiser auf einen „Öno-Tourismus“, der viel Genuss und Kunstspektakel bietet. Für das Château La Dominique ließ Stararchitekt Jean Nouvel eine weinrot gehaltene Terrasse in die Rebenfelder bauen. „La Terrasse Rouge“ heißt das Restaurant bei Saint-Émilion. Barfuß spazieren die Gäste dort über rote Glastrauben – eine Hommage an die Winzer von einst, die ihre Trauben nach der Ernte mit bloßen Füßen zertraten.

Doch in der Nachbarschaft gibt es auch alte Güter wie aus dem Märchenbuch. Vor dem Château Coutet etwa, still hinter einem Eichenwald gelegen, schwimmen die Enten im Teich, und im Herbst werden die Trauben per Hand gelesen. „Meine Familie produziert hier schon seit 400 Jahren“, sagt Adrien David Beaulieu, 30, „jeder kann uns besuchen und unseren Grand Cru probieren.“ Er schmeckt sanft und doch üppig, einfach hinreißend. Ach, können wir hier nicht einfach bleiben und noch ein paar Gläser trinken?

stern-Weinschule Bordeaux: Entre deux mers - Genuss zwischen zwei Flüssen


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